Digitale Gesellschaft

Netzneutralität: Die Daten sind frei… noch!

(Foto: jonibe.de / Photocase)

Die Gleichbehandlung aller Daten im Netz sichert den freien Wettbewerb und damit die Innovationskraft der digitalen Wirtschaft. Doch Telekommunikationsanbieter wünschen sich neue Einnahmequellen und wollen deshalb datenintensive Dienste zusätzlich zur Kasse bitten. Die Abschaffung der Netzneutralität droht.

Es ist die Zeit der großen und wesentlichen Internet-Debatten: Welchen Wert hat unsere Privatsphäre in der virtuellen Welt? Wir protestieren gegen eine ausufernde Überwachung im Netz – vor allem durch die westlichen Regierungsstellen. Und wir fragen uns, ob sich die Informationen im Internet tatsächlich so fest in der Hand weniger Unternehmen befinden sollten.

Neben diesen ethisch wichtigen Themen unserer digitalen Zukunft scheint eine andere Diskussion beinahe nebensächlich zu werden – und das, obwohl sie geradezu zu einem Glaubenskrieg geworden ist und tiefgreifende, strukturelle Folgen für die digitale Wirtschaft mit sich bringen könnte. Die Rede ist von der Netzneutralität.

Was ist Netzneutralität?

Dieser Begriff bezeichnet die gleichberechtigte Übertragung aller Daten im Netz. Konkret bedeutet das, dass netzneutrale Internet-Dienstanbieter den Transport von Informationen unabhängig davon gewährleisten müssen, welche Sender und Empfänger, Inhalte oder Anwendungen im Spiel sind.

Getreu diesem Grundsatz hatte Tim Berners-Lee das World Wide Web in den 1990er Jahren entwickelt – ihn jedoch nie gesetzlich festgeschrieben. Je weiter die Kommerzialisierung des Internets fortschreitet, desto stärker stellt sich allerdings die Frage, wie sinnvoll dieser Grundsatz noch ist.

Ein Garant für Innovation

Die Verfechter der Netzneutralität argumentieren, dass sie ein Garant für die Wettbewerbsfähigkeit kleiner Startups gegenüber großer Konzerne ist. Kostenpflichtige Spezialdienste, die eine schnellere Übertragung gewährleisten, dürften vor allem kleinere Startups kaum zahlen können.

Doch genau darauf wollen vor allem die Netzanbieter hinarbeiten. Ihrer Meinung nach müssen Ausnahmen erlaubt sein. Das Argument, das sie vortragen: Nur durch selektives Eingreifen in die Übertragungen könnten sie die Stabilität der Netze gewährleisten. Darüber hinaus hoffen sie, durch die zusätzlichen Einnahmen den Ausbau des Breitbandnetzes voranbringen zu können.

Spezialdienste finanzieren Breitband

Tatsächlich scheint die Infrastruktur des Internets aufgrund der vielen neuen datenintensiven Plattformen regelmäßig überlastet – und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in ganz Europa und den Vereinigten Staaten. Während die Übertragung von Videoinhalten mit einem 56k-Modem noch bis vor wenigen Jahren undenkbar war, ist sie heute mit wenigen Megabit pro Sekunde möglich.

„Nur mit einem gesetzlich verankerten Neutralitätsgebot lässt sich verhindern, dass im digitalen Markt Mitbewerber benachteiligt und Verbraucher eingeschränkt sind“, erklärt der Europa-Parlamentarier Jan Philip Albrecht, der sich seit Jahren für Netzneutralität einsetzt.

„Nur mit einem gesetzlich verankerten Neutralitätsgebot lässt sich verhindern, dass im digitalen Markt Mitbewerber benachteiligt und Verbraucher eingeschränkt sind“, erklärt der Europa-Parlamentarier Jan Philip Albrecht, der sich seit Jahren für Netzneutralität einsetzt.

Doch mit YouTube, Netflix, Skype und Spotify und ihrem gigantischen Bedarf an Bandbreite gerät die Leistungsfähigkeit der Netze an ihre Grenzen. Nicht selten werden Datenströme deshalb künstlich verlangsamt und priorisiert. Die Netzanbieter selbst haben den Weg für diese Plattformen zwar geebnet, es über die Jahre aber verpasst, die Netze an die steigenden Anforderungen kontinuierlich anzupassen – was hierzulande auch an der geringen Investitionsbereitschaft der Bundesregierung lag.

Gerade in ländlichen Regionen lohnte sich der Ausbau der Netze für die Betreiber nämlich kaum. Einwohner dieser Gegenden sind also daran gewöhnt, Videoinhalte minutenlang zu laden, bevor sie sie anschauen können. Videotelefonie ist für viele nur theoretisch möglich, denn ein durchgehend ruckelfreies Bild ist kaum machbar. Und auch die SmartTVs gehen beim Internet-Streaming regelmäßig in die Knie.

Dass die Netzanbieter diese Infrastruktur mit den Einnahmen aus Spezialdiensten ausbauen wollen, um sich nicht nur auf die Hilfe der Bundesregierung zu verlassen, ist also verständlich. Und doch stellt sich die Frage, ob die Lösung auf Kosten der Netzneutralität nicht schwerwiegende Kollateralschäden mit sich bringt, die zu neuen, tiefgreifenden Problemen führen.

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2 Kommentare
Eugenia Allerdings
Eugenia Allerdings

Irgendwie ist es so als würde man auch die Luft zum Atmen begrenzen…

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Larzo
Larzo

Netflix hat vor einigen Jahren auch nicht zwischenzeitlich 30% des gesamten Traffics der USA für sich beansprucht. Kleine Video-Plattformen in den USA zahlen ja auch nicht an die Netzanbieter, oder? Bei dem Argument hinken beide Beine, sie hätten durchaus auch ohne Netzneutralität an den Start gehen können.

Ich finde, dieser Vorgang zeigt sehr gut, dass es bei der Netzneutralität auch Probleme gibt. Netflix beansprucht einen übermäßig großen Anteil der Netze und macht damit satte Gewinne. Ohne die Sonderzahlungen würde das in keinem Verhältnis stehen.

Klar ist es Blöd, wenn dann andrerseits die Telekom ihre Vormachtstellung als Netzbetreiber ausnutzt, um Inhalte zur Verfügung zu stellen. Das ist aus meiner Sicht aber ein Fall für’s Kartellamt und könnte auch ohne Netzneutralität verboten werden.

Am Ende des Tages müssen irgendwo 40-90 Milliarden Euro für den Ausbau der Netze her. Ich würde es gut finden, wenn die Netzbetreiber die Möglichkeit hätten, diejenigen, die am meisten von ausgebauten Netzen profitieren (Netflix und Co) auch zur Kasse zu bitten.

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