Ratgeber

Die goldene Ära der Blockchain: Wie die dezentrale Technologie die Wirtschaft umkrempelt

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Blockchain als Gesellschaftsprinzip?

Unterm Strich bleibt die Frage: Sind die Unternehmen schon bereit für Blockchain mit all ihren Konsequenzen? Sebastian Steger wirkt im Vergleich zu den Vertretern der Blockchain-Startups eher bescheiden, wenn er über das Potenzial in der Wirtschaft spricht. „Blockchain ist keine Super-Technologie“, glaubt er. Vielmehr ist sie die Speerspitze und Konsequenz einer generellen Digitalisierung der Wirtschaft. Dass zeige sich darin, dass ihr Einsatz eben nicht nur von technologischen Faktoren abhängt, sondern auch von kulturellen. Steger rechnet damit, dass die ersten großen Live-Anwendungen von Blockchains in der Wirtschaft, die über einen Pilotenstatus hinaus­gehen, frühestens in drei bis fünf Jahren zu erwarten sind.   

Shermin Voshmgir vom Blockchainhub in Berlin glaubt an eine viel weitreichendere Vision. Die Technologie werde für mehr als die bloße Optimierung der Abläufe in einigen Branchen sorgen. Blockchain werde langfristig jede Industrie betreffen. Das, was im Bereich der privaten Blockchains passiere, erinnere sie stark an SAP in den 90ern. Damals war es wichtig, erste Schritte in Richtung Digitalisierung zu gehen, aber das sei nichts „Revolutionäres“ gewesen – eher notwendig. Auch in den kommenden Jahren werden Unternehmen viel Bürokratie abbauen und mit Blockchain-Technologien ihre Prozesse deutlich verschlanken können.

Aber das sei alles nur der Anfang, denn: „Blockchain und ­Tokens sind das Betriebssystem unserer zukünftigen Gesellschaft. Wir programmieren gerade unsere Gesellschaft über automatisierbaren Code neu“, erklärt sie. Was das heißt? Über Tokens ließe sich eine völlig neue Form gesellschaftlicher Teilhabe organisieren. Momentan herrsche noch viel Unwissen, und oftmals würden Tokens nur mit Geld und Wertsteigerung assoziiert, was schlicht falsch sei. „Stell dir Blockchains einfach wie Stämme vor – die Leute, die das gut finden, kaufen sich darin über Tokens ein. Das ist eine komplett neue Art, wie Gesellschaft oder Wirtschaft funktioniert.“

Blockchain als Organisationsprinzip einer ganzen Gesellschaft? Gar eines politischen Staates? Ein solches Projekt gibt es schon und nennt sich Bitnation. Eine dezentrale Plattform, auf der Regierungsleistungen und Verwaltungsakte über die ­Ethereum-Blockchain abgewickelt werden – etwa Schlichtungsverfahren, Identifikationssysteme, Versicherungen oder das Führen aller Arten von Registern. Ein Staat, der seine Regeln im Code festschreibt und keine Staatsgrenzen kennt. „Ich stelle mir eine sehr viel freiere und wohlhabendere Welt vor, die auf freiwilligen Vereinbarungen basiert statt auf Gewalt innerhalb willkürlich gezogener Grenzen“, beschreibt Bitnation-Erfinderin Susanne Tarkowski Tempelhof ihre Vision. Nationalstaaten, glaubt sie, werden in den kommenden 50 bis 100 Jahren abgelöst von freien Stadtstaaten und Landgemeinden auf lokaler Ebene – und auf globaler Ebene von Organisationen wie Bitnation. Die Idee: Innerhalb solcher Organisationen buhlen dann viele tausend oder ­Millionen Regierungen um die Gunst der Bürger, indem sie die besten Dienstleistungen anbieten.

Blockchain als Regierungsform und Code als ausführende Gewalt: Mit unserem Demokratieverständnis sind solche Ideen nur schwer vereinbar. Die vielleicht wichtigste Errungenschaft staatspolitischer Entwicklung wäre innerhalb einer Blockchain-­basierten Organisation nicht gegeben: die Gewaltenteilung. ­Exekutive, Legislative und Judikative in einem einzigen technischen Gefüge? Der Missbrauch politischer Macht wäre ­„vorprogrammiert“, eine Diktatur des Codes wahrscheinlich. Wer würde die Gruppe von Menschen überhaupt legitimieren, die solche Systeme bauen? Welche Instanz schreitet ein, wenn etwas schiefläuft? Und überhaupt: Wer trägt die politische Verantwortung?

Auch Voshmgir sieht die Problematik der fehlenden Legitimität. Weil sie aber an das gesamtgesellschaftliche Potenzial von Blockchain glaubt, prangert sie an, dass der gesamte Diskurs zu Blockchain fast ausschließlich von Ingenieuren, Entwicklern und Mathematikern geführt wird – und völlig vorbei an der rest­lichen Gesellschaft. Mit dem Blockchainhub versucht sie deshalb, Auf­klärungsarbeit zu leisten. Was ist Blockchain überhaupt genau und wie funktioniert sie? Und welchen Einfluss könnte sie in Zukunft spielen? „Wir müssen für eine breite Gesellschaft transparent machen, was gerade passiert, und sie an der Diskussion beteiligen.“

Ob es also lediglich um die Lieferkette einer Avocado oder gar um unsere Demokratien geht – eine Antwort bleibt vorerst aus. Dass Blockchain allerdings schon jetzt ein konsequentes ­Weiterdenken der Digitalisierung in nahezu allen Branchen in den Unternehmen bewirkt, ist vielleicht fast wichtiger als die Technologie selbst.

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Ein Kommentar
JBU
JBU

Ist die Kryptowährung Handel, Produktion und Kurse durch Kontrolle (Die Anbieter könnten zudem bestimmen, wie schnell gewisse Inhalte von der Quelle zum Nutzer gelangen) wegen der Änderung des Telekommunikationsgesetzes in USA und weiter vieleicht später in EU als Möglichkeit oder als möglich zu bezeichnen ? Was denkt ihr darüber bitte?

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