Interview

Blockchain-Entrepreneur Matan Field: „Ein dezentrales Reddit wäre nur der Anfang“

(Foto: Luca Caracciolo)

Wie Blockchain den Finanzsektor aufmischt? Spannend, aber Matan Field denkt schon weiter. Er glaubt, dass dezentrale Technologien Arbeit und Wirtschaft noch viel ­grundlegender verändern werden. Wie genau und was das alles mit Ameisen und Staren zu tun hat, erklärt der Israeli im Gespräch.

Eigentlich beschäftigte sich Matan Field als Doktor der Physik lange Jahre mit solch abstrakten Dingen wie der Stringtheorie. Und weil das offenbar recht wenig mit dem praktischen Leben zu tun hatte, forschte Field nebenher im Bereich So­cial Entrepreneur­ship, insbesondere mit Bezug auf kooperative Wirtschafts­modelle. Als er dann 2013 erstmals von der Blockchain-Technologie hörte, glaubte er, die technische Basis für neue Formen der Koopera­tionen gefunden zu haben. Die ersten Gehversuche mit der dezen­tralen Technologie probierte er mit Freunden, als er mit ihnen eine App für Fahrgemeinschaften namens Lazoo ent­wickelte. 2015 dann begann Field mit seinem Startup Backfeed an dezen­tralen Organisationsformen auf Basis der Blockchain-Technologie zu arbeiten. Sein neuestes Projekt: Mit einem Team aus mehreren dutzend Entwicklern und Blockchain-Enthusiasten will er unter dem Namen „DAOStack“ das Framework für DAOs bauen, also für Decentralized Autonomous Organisations, die auf der Ethereum-Blockchain basieren.

t3n Magazin: Matan, du glaubst an die Zukunft von dezentralen ­Organisationen und Unternehmen. Was ist so schlecht an zentraler Steuerung?

Matan FieldWir haben die Art und Weise, wie unsere Organisationen funktio­nieren, jahrhundertelang nicht großartig verändert – beispielsweise, wie unsere Unternehmen gesteuert werden. Es gibt eine ziemlich klare Vorstellung einer pyramidenartigen Struktur mit dem CEO an der Spitze, dem mittleren Management und den restlichen Mitarbeitern am unteren Spektrum. Wenn man sich aber Organisationsprinzipien aus der Natur anschaut, dann funktionieren die ganz anders.

t3n Magazin: Kannst du ein Beispiel nennen?

Matan Field: Schau dir beispielsweise Ameisen an und wie sie kooperieren. Es gibt zwar die Königin, die legt aber nur Eier und sagt ihrem Volk nicht, was es tun soll. Vielmehr haben wir es hier mit einer kollektiven und dezentral ablaufenden Organisationsform zu tun. Ganz ähnlich übrigens Fischschwärme. Oder Stare. Hast du mal Schwärme von Staren gesehen?

t3n Magazin: Nur im Fernsehen.

Matan Field: Das ist beeindruckend, oder? Schwärme von Staren können bis zu 1,5 Millionen einzelne Tiere umfassen. Sie fliegen alle ­koordiniert zusammen, wie eine einzige lebende Kreatur – und dabei gibt es nicht den einen klaren Führer des Schwarms.

t3n Magazin: Das ist jetzt ein wenig sehr weit weg von klassischen Unternehmensorganisationen.

Matan Field: Dann mal anders: Schau dir mal die Open-Source-Bewegung an oder schlicht die technische Funktionsweise des Internets mit ihrer Server-Infrastruktur. Beides funktioniert nicht zentral wie etwa in einem Unternehmen, aber am Ende des Tages funktionieren sie als Organisation doch ziemlich gut.

t3n Magazin: Worauf willst du hinaus?

Matan Field: Stell dir einfach vor, es wäre möglich, Millionen von Menschen innerhalb einer digitalen Organisation zusammenzubringen – ohne klassische Führungsstruktur. Wenn die Entwickler, Designer und Unternehmen einer Open-Source-Community alle spontan zusammenarbeiten könnten, ohne konkrete Führung. Und wenn es eine Idee gibt, dann gründe ich eben nicht ein Unternehmen, sondern schmeiße die Idee in dieses Netzwerk und andere Leute können mitarbeiten und die Idee weiterentwickeln.

t3n Magazin: Aber ich verschaffe mir ja einen Vorteil, wenn ich eine Idee habe und daraus ein Unternehmen gründe. So funktioniert doch Innovation.

Matan Field: Richtig – und das ist auch der „Missing Link“ in der Gleichung: Es gibt keine richtige Incentivierung für ein solches Vorgehen. Wieso sollten das Leute tun? Also ihre Ideen einfach so preisgeben? Wenn ich das heute so mache, würde ich als Urheber der Idee nicht wahrgenommen und vermutlich die Anerkennung auf diese Idee verlieren.

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