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Die Rezolution der Politik: So funktioniert politische Kommunikation im Netz

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Allein die Reaktionen der alteingesessenen Parteien, allen voran der CDU, auf sein Video: Der CDU-Bundestags­abgeordnete Philipp Amthor nahm ein Reaktions-Video auf, das dann aber doch nicht veröffentlicht wurde und nun wohl in den ­Archiven des Konrad-Adenauer-Hauses darauf wartet, geleakt zu ­werden. Stattdessen veröffentlichte die CDU schließlich eine elf ­Seiten ­lange Antwort als PDF. Einige Unions-Politiker, darunter ­Verkehrsminister Andreas Scheuer, thematisierten die Tat­sache, dass Rezo vom Unternehmen Tube One vermarktet wird, das wiederum zu Ströer Media Brands gehört, wohl um anzu­deuten, Rezo und sein Video seien gekauft. Die CDU-Chefin ­Annegret Kramp-Karrenbauer ließ sich schließlich dazu hinreißen, über die Regulierung von Äußerungen im Netz zu sprechen, was sie dann auf Twitter „absurd“ nannte, sie wolle keine Meinungs­äußerungen regulieren, man müsse aber sprechen über „Regeln, die im Wahlkampf gelten“.

Das alles flog der CDU ziemlich um die Ohren. Auch die kon­struktiveren Vorschläge der Partei ernteten im Netz ­zumeist Häme, wie die Forderung, die CDU solle „eigene Influencer aufbauen“, deren Videos „schnelle, prägnante Argumente, ­Schnitte, Quotes, Charts, Musik, Webkommunikation“ bräuchten (der CDU-nahe Verein c-netz). Oder mit „jungen, netzaffinen ­Gesichtern“ einen „kompletten Neustart“ der Kommunikation hinlegen (aus einem Beschluss der Jungen Union). Doch über die Frage der unmittelbaren Reaktion und unüberlegter Äußerungen hinaus hat Rezo für alle offen gelegt, was manchen schon lange klar ist: „Die politische Kommunikation ist seit Jahren in einer Phase der Disruption“, sagt Politikberater Fuchs.

„Die Akteure in den Parteien wollen zu sehr am Althergebrachten ­fest­halten. An den Machtstrukturen und an der ­ganzen Art der Politik.“

Schuld daran sind, wie ja eigentlich immer, wenn etwas ­disrupted wird: Internet, Smartphone und Social Media. Politiker und ­Parteien sind dort ja durchaus präsent, schließlich bietet es ­ihnen die Möglichkeit, ihre Botschaften direkt und unmittelbar zu versenden und mit ihrem Publikum zu kommunizieren. Anderer­seits sind viele Politiker daran gar nicht gewöhnt. Und nutzen die neuen Medien deshalb wie die alten. „Da zeigt die Forschung konstant seit 15, 20 Jahren, dass die Politik diese Medien benutzt hat, wie sie früher Pressemitteilungen benutzt hat“, sagte Martin Emmer, Kommunikationswissenschaftler und Professor an der FU Berlin vor kurzem in einem Interview mit dem MDR.

So intensive Kommunikation mit Wählerinnen und Wählern, wie sie die sozialen Medien ermöglichen, ist für die Politik ein relativ neues Feld. Und dass die dann auch noch antworten und darauf wieder eine Antwort erwarten, erst recht. Im Kontakt mit Menschen, für die diese Art zu kommunizieren völlig normal ist, scheitert die Kommunikation dann. Das sind nicht nur, aber doch zum großen Teil, Jugendliche. Rezo etwa, aber auch die ­Beteiligten der Fridays-for-Future-Proteste oder der Demos gegen die EU-­Urheberrechtsreform. „Die halten sich nicht an klassische politische Kommunikationsprozesse, die über Jahrzehnte, wenn nicht über Jahrhunderte eingeübt worden sind, sondern nutzen ihre Medien, um ihre Themen auf die Tagesordnung zu setzen,“ so Emmer. „Die wollen einfach mitreden.“

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Obwohl das keine ganz neue Entwicklung ist, haben viele ­Politiker bisher wohl unterschätzt, welche Wirkung das ent­falten kann. Ob der sogenannte Rezo-Effekt die CDU bei der Europawahl tatsächlich nennenswert Stimmen gekostet hat, ist zwar umstritten. Doch zumindest bei den unter 30-Jährigen schnitt die CDU mit gerade einmal 13 Prozent historisch schlecht ab, während die Grünen bei 33 Prozent lagen.

„Ich glaube, es ist manchen in der Politik erst jetzt klar ­geworden, welche Wirkung ein Internetvideo haben kann“, sagt Berater Fuchs. Das Rezo-Video könnte also eine Art Weckruf sein. „Die Parteien werden sich hoffentlich professioneller aufstellen, mehr Geld in die Hand nehmen, die fähigen Leute, die sie haben, endlich ernst nehmen.“

Politik auf Twitch

Einer davon könnte Tiemo Wölken sein, SPD-­Abgeordneter im ­Europaparlament. Im Rezo-Reaktions-Video der Partei sitzt er neben Lars Klingbeil und Juso-Chef Kevin Kühnert auf ­Gaming-Stühlen, denn sie haben vorher gemeinsam öffentlich auf der Streaming-Plattform Twitch „Overcooked“ gezockt und dabei über Politik gesprochen. Eingeladen hatte Wölken, der die Plattform seit einiger Zeit nutzt. Vermutlich als einziger deutscher Politiker.

Auch er sieht Nachholbedarf bei seinen Kolleginnen und ­Kollegen. „Politik muss da stattfinden, wo sich junge Menschen informieren“, sagt er. Auf Vorschlag seines Freundes Peter Smits, auf Youtube besser bekannt als Pietsmiet, beschloss er deshalb als er vor etwa drei Jahren ins Europaparlament einzog, Youtube als Medium einzusetzen. „Das war eine bewusste Entscheidung“, sagt er. „Durchaus auch mit der Überlegung: Was kann ich besser machen, als meine Kolleginnen und Kollegen?“

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Ein Kommentar
Tristan Melzner
Tristan Melzner

Man muss die Jugendlichen dort treffen, wo sie sind statt zu versuchen, sie zu sich zu holen. Ich bin mal gespannt, ob Klingbeil sein Versprechen einhält.

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