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Die Rezolution der Politik: So funktioniert politische Kommunikation im Netz

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Seitdem berichtet er dort regelmäßig von seiner Arbeit in Brüssel und Straßburg, sein Kanal hat etwas mehr als 40.000 Abonnenten, immerhin fast dreimal so viele wie der Kanal ­seiner Partei. Er nutzt außerdem Instagram-Stories und seit einiger Zeit auch Twitch. „Es ist tatsächlich ein tolles Medium, um über ­Politik zu reden“, sagt er. „Viele sind sehr interessiert, die Fragen sind konstruktiv und die Diskussionen auf hohem Niveau.“

In seine Streams schalten sich ein paar Hundert Leute ein, zur Hochzeit der Debatte um Artikel 13 der Urheberrechtsreform ­waren es mal gut 1.500. Das ist im Vergleich zu den Streams ­populärer Let’s-Player ein Witz, aber es ist etwa zehn Mal so viel wie die Videos, in denen CDU-Fraktionschef Ralph ­Brinkhaus auf Fragen antwortet, die den Youtube-Kanal der CDU erreichen. ­Können andere von ihm lernen? „Ich empfehle meinen ­Kolleginnen und Kollegen, das einfach auszuprobieren“, sagt ­Wölken. „Authentische Einblicke in den politischen Betrieb zu vermitteln, halte ich für wichtig, um Hürden abzubauen.“

Konstruktive Kritik und Fragen auf hohem Niveau: Tiemo Wölken, SPD-Abgeordneter im Europa­parlament, schätzt die politischen Diskussionen auf der ­Streaming-Plattform Twitch. (Screenshot: Twitch/ Tiemo Wölken)

Konstruktive Kritik und Fragen auf hohem Niveau: Tiemo Wölken, SPD-Abgeordneter im Europaparlament, schätzt die politischen Diskussionen auf der ­Streaming-Plattform Twitch. (Screenshot: Twitch/ Tiemo Wölken)

Und wie geht das? „Spontanität ist wichtig“, sagt Wölken. „Meine Videos zu aktuellen Themen, der Trilog-Verhandlung zum Copyright zum Beispiel oder Rezo, sind auf besonders ­großes ­Interesse gestoßen.“ Wölkens Videos kommen in der Regel ohne schnelle Schnitte oder technische Spielereien aus, sind aber professionell produziert. Licht, Ton, Kapuzenpullover und leicht chaotische Arbeitszimmer-Optik sind Youtube-typisch – noch ein Unterschied übrigens zu den Brinkhaus-Videos. „Das ist der Standard, der von den Zuschauerinnen und Zuschauern erwartet wird“, sagt er. „Wichtiger ist es, authentisch aufzutreten.“

Authentizität – nichts wird so oft gefordert, wenn es um gelungene Kommunikation im Netz geht. Und Politikern, die im Netz erfolgreich kommunizieren, wird sie häufig attestiert, wie Wölken oder Kevin Kühnert oder der US-Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez. Andere Politiker, neigen deshalb unter Um­ständen dazu, ihren Style zu kopieren. „Das ist zum Scheitern verurteilt“, sagt Berater Fuchs. „In der Politik ist alles inszeniert, jeder spielt irgendwie eine Rolle.“ Doch diese Rolle müsse zur Person und zu den Inhalten passen. „Um sie zu finden, muss man sich hinter­fragen, ernsthaft darüber nachdenken, was man will und ­warum. Das tun Politiker nur sehr selten.“

Mehr Nachdenken, das rät Fuchs Politikern generell. Denn ­viele sind schlicht überfordert, beobachtet er. Von der ­Schnelligkeit, dem Druck, zu allem etwas sagen zu müssen, von der Presse­anfrage bis zu Instagram alle möglichen Kanäle bespielen zu müssen und dabei permanenter Kritik ausgesetzt zu sein. „Die meisten Menschen gehen in die Politik, um die Welt ein bisschen besser zu machen, oder wenigstens ihren Wahlkreis“, sagt Fuchs. Dazu gehört zwar von Anfang an, mit Menschen zu sprechen, aber vor allem auch zu lesen, Akten zu kennen, sich in Themen einzuarbeiten. Politiker vom Typ Rampensau, wie etwa Christian Lindner, seien eher die Ausnahme, so Fuchs.

Als Berater empfiehlt er deshalb seinen Kunden, sich gut zu überlegen, ob sie wirklich zu jedem Thema etwas posten müssen und welche Kanäle sie überhaupt bespielen wollen. Wer nur auf Instagram ist, weil der Konkurrent im Wahlkreis das jetzt macht, der solle es lieber bleiben lassen. „Es kann manchmal wirklich sinnvoll sein, auf einer Plattform keinen Account zu haben“, sagt er. Angela Merkel habe anonym einige Wochen auf Twitter verbracht – und dann entschieden, dass das nicht der richtige Kanal für sie ist.

Vielleicht muss man als Politiker also gar nicht das ­ganze ­Internet verstehen. Von dem Teil, in dem man sich bewegt, ­sollte man aber eine gewisse Ahnung haben. „Codes, Memes, die Feinheiten der Kommunikation in den Netzwerken erschließt sich nur, wenn man sich auch wirklich dort bewegt.“ Dass viele ­Politiker nicht wussten, dass die „Zerstörung“ bei Rezo nicht ganz wörtlich zu nehmen ist, ist dafür ein deutliches Zeichen.

Authentisch, handwerklich solide, wohlüberlegt und kenntnis­reich: Ist das also das Rezept für gelungene politische Kommunikation im Netz? Fast. „Der beste Twitch-Stream hilft nichts, wenn die Inhalte nicht stimmen“, sagt Politiker Wölken. Und an überzeugenden Inhalten fehlt es den Parteien zur Zeit.

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Ein Kommentar
Tristan Melzner
Tristan Melzner

Man muss die Jugendlichen dort treffen, wo sie sind statt zu versuchen, sie zu sich zu holen. Ich bin mal gespannt, ob Klingbeil sein Versprechen einhält.

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