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Die Rezolution der Politik: So funktioniert politische Kommunikation im Netz

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„Schicke Videos werden nicht reichen“

Klimakrise, soziale Ungleichheit, Digitalisierung – das sind die Themen, auf die Rezo, die Artikel-13-Demonstranten oder die ­Fridays-for-Future-Bewegung eine Antwort verlangen, aber zumindest von Union und SPD nicht bekommen. „Im Augenblick sieht es so aus, als würden die Volksparteien in dieser Form schlichtweg aussterben“, sagt die Politikwissenschaftlerin Eva Feldmann-Wojtachnia. Sie ist Mitglied der Forschungs­gruppe ­„Jugend und Europa“ am Centrum für angewandte Politik­forschung der LMU München. „Wenn sie das abwenden wollen, müssen sie sich ändern. Wirklich ändern. Schicke Videos werden nicht reichen. Sie müssen echte Angebote an die junge ­Generation machen, Verantwortung wirklich teilen und einen Dialog auf Augenhöhe zu ihrem Grundprinzip machen.“

Diese Erkenntnis scheint in den Parteizentralen noch nicht angekommen zu sein. Statt neue Lösungen anzubieten, ­„benehmen sie sich wie Konzernchefs in den frühen 2000ern, die nicht verstanden haben, dass eine neue Zeit neue Konzepte braucht“, schreibt der Kollege Jan Vollmer in einem Kommentar auf t3n.de. ­Feldmann-Wojtachnia gibt ihm recht: „Die Akteure in den Parteien wollen zu sehr am Althergebrachten festhalten“, sagt sie. „An den Machtstrukturen und an der ganzen Art der Politik.“

Sie schlägt vor, Mediatoren zwischen Jugend und Politik zu etablieren. Das könnten tatsächlich Youtuber sein, die ­Politikern die Mechanismen des Netzes erklären. Und die mit Fach­leuten aus der politischen Bildung zusammenarbeiten, um deren ­Themen zeitgemäß zu erklären. Von den Parteien fordert sie mehr ­Diskurs und weniger Werbung. Inhaltliche Entscheidungen werden in den Parteien getroffenen und diese Positionen dann nach außen verkündet. „Das funktioniert nicht mehr. Junge Menschen wollen ernsthaft mitreden“, sagt Feldmann-­Wojtachnia. Wenn Politiker Teil der politischen Meinungsbildung junger Menschen sein wollen, statt ihnen nur eine schon fertige Meinung zu verkaufen, müssen sie in einen echten Dialog mit ihnen treten. Der wird zwar in der Social-Media-Kommunikation auch jetzt schon beschworen, findet aber in Wahrheit kaum statt. „Die ­Parteien müssen sich ernsthaft auf die Kritiker zubewegen, in einen ­Diskurs gehen. Das erfordert aber auch die Aufgabe von Macht“, sagt Feldmann-Wojtachnia. „Die beste Werbung ist, dass man mit Offenheit über Themen spricht.“

Da kommt wieder die Authentizität ins Spiel. Nicht im ­Sinne von Videos, die die Optik eines Rezos imitieren. Sondern im Sinne von Ehrlichkeit. Ein Angebot zum Dialog ist nur dann ­authentisch, wenn dahinter nicht nur der Versuch steht, sich anzubiedern, sondern ein echtes Interesse am Diskurs – und damit verbunden eben auch die Bereitschaft, sich inhaltlich auf den ­Gesprächspartner einzulassen, vielleicht sogar die ­eigene ­Position zu überdenken. Für diesen Unterschied haben viele ­junge Menschen ein feines Gespür. „Es ist gut und wichtig zu ­reden. ­Immer wieder gerne“, twitterte Luisa Neubauer von ­Fridays for Future nach einem Treffen mit CDU-Generalsekretär Paul ­Ziemiak. „Wenn jetzt noch halb so viel Liebe in die Klima­konzepte der CDU fließen würde, wie in die Social-Media-­Betreuung von diesem einen Gesprächstermin, wären wir einen großen Schritt weiter.“

Und auch Klingbeil, Wölken und Kühnert müssen ­darum kämpfen, als ehrlich wahrgenommen zu werden. In den ­Kommentaren zu ihrer Rezo-Antwort werfen ihnen die Nutzer immer wieder die ihrer Meinung nach leeren Versprechungen der SPD der letzten Jahre vor – zum Beispiel Artikel 13, bei dem sich die SPD auf Europaebene mit den Protestlern solidarisierte, nur um die umstrittene Reform auf Bundesebene aufgrund des Drucks des Koalitionspartners CDU schließlich doch durchzu­winken. Für viele ein Grund, die ­Gesprächseinladung Klingbeils auszuschlagen. Oder, wie es ein Nutzer formuliert: „­Welchen ­Dialog am Tisch wollt ihr führen, wenn ihr nach dem Aufstehen darauf scheißt?“

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Ein Kommentar
Tristan Melzner
Tristan Melzner

Man muss die Jugendlichen dort treffen, wo sie sind statt zu versuchen, sie zu sich zu holen. Ich bin mal gespannt, ob Klingbeil sein Versprechen einhält.

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