Artikel

Mit „Digital Detox“ gegen die ständige Erreichbarkeit im Job

Seite 2 / 3

Arbeiten über die Zeitzonen hinweg

Götz Mundle kennt diese Symptome, die im Extremfall ernste Erkrankungen auslösen können: sowohl psychische, wie Burn-outs und Depressionen, als auch körperliche, wie Bluthochdruck und Magen-Darm-Beschwerden. Mundle ist Psychiater und Psychotherapeut und in der Medizinischen Geschäftsleitung der Oberbergkliniken tätig, die sich auf Burn-outs, Depressionen, Angststörungen und Abhängigkeitserkrankungen spezialisiert haben. „Natürlich sind die modernen Kommunikationsmittel ein Riesen-Fortschritt“, sagt Mundle, „aber sie können dazu beitragen, dass wir unter Druck geraten, uns überfordert fühlen und chronischen Stress empfinden.“

So geht es offenbar immer mehr Menschen, die mobil arbeiten. Mundle hat beobachtet, dass sie in seinen Kliniken über die Arbeitsbedingungen in der digitalen Welt klagen: Beschäftigte aus der IT-Branche zum Beispiel, die parallel viele verschiedene Aufgaben erfüllen müssen; Führungskräfte, die mit Menschen in anderen Zeitzonen zusammenarbeiten und erst dann richtig aktiv werden können, wenn sie eigentlich schon Feierabend machen sollten.

Erschöpft und niedergeschlagen

Zahlen stützen Mundles Eindruck: In einer repräsentativen Umfrage für den Fehlzeiten-Report 2012 der AOK klagte jeder fünfte Befragte über Erschöpfung und darüber, in der Freizeit nicht abschalten zu können; jeder achte klagte über Kopfschmerzen, jeder zehnte über Niedergeschlagenheit. Häufiger betroffen waren dabei jene Beschäftigten, die an Sonn- und Feiertagen oder in den Abendstunden weiterarbeiten. „Früher hat die Arbeit uns schlimmstenfalls in Gedanken in den Feierabend verfolgt“, sagt Mediziner Mundle, „heute können wir sie ohne viel Aufwand über Smartphones und Tablets einfach mit nach Hause nehmen.“

Mundle glaubt, dass wir mit den modernen Kommunikationsmitteln anders umgehen müssen – damit wir lernen, offline zu gehen. Damit wir erkennen, dass das Leben nicht im Netz stattfindet, sondern um uns herum. Wie schwer das ist, hat er an sich selbst beobachtet: Seit er vor Jahren seinen ersten Blackberry anschaffte, hat er sein mobiles Büro immer in der Jackentasche dabei, erzählt der Mediziner. „Meine Erholungsphasen wurden immer kürzer, weil ich auch abends und am Wochenende kommuniziert habe“, sagt Mundle. Bis er beschloss, phasenweise bewusst offline zu gehen: „Ich will die Entscheidung, wann ich arbeite, selbst treffen und nicht meinem Smartphone überlassen.“

Bewusst nicht erreichbar zu sein – das kostet viele Menschen bereits Überwindung. Einige Konzerne unterstützen ihre Mitarbeiter inzwischen dabei, um Stresserkrankungen wie Burn-Out vorzubeugen. (Foto: enc1987 / Photocase)

Bewusst nicht erreichbar zu sein – das kostet viele Menschen bereits Überwindung. Einige Konzerne unterstützen ihre Mitarbeiter inzwischen dabei, um Stresserkrankungen wie Burn-Out vorzubeugen. (Foto: enc1987 / Photocase)

Wenn das Team aus den Latschen kippt

Diese Einstellung kann nicht nur uns selbst helfen, gesünder zu leben – sie nutzt auch unseren Arbeit- und Auftraggebern. Denn die profitieren nur auf den ersten Blick davon, dass wir jederzeit mit Kunden und Kollegen kommunizieren – langfristig macht sie das nicht unbedingt produktiver. Im Gegenteil: Laut dem Fehlzeiten-Report hat sich die Zahl der Krankheitsfälle aufgrund psychischer Beschwerden mehr als verdoppelt. Betroffene fehlen außerdem im Schnitt pro Krankheitsfall gleich 25 Tage – mehr als bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wer seine Beschäftigten also zum Abschalten ermutigt, hat langfristig mehr von ihnen.

Anitra Eggler hat das inzwischen erkannt – aber es hat gedauert. Die Wienerin hat seit 1998 verschiedene Unternehmen aufgebaut und Konzerne beim Start ins digitale Zeitalter beraten; lange Zeit schwärmte sie für die Möglichkeiten, die das Internet bot. Sie war immer erreichbar und arbeitete auch abends und am Wochenende weiter. Bis sie merkte, wie sie ihre Mitarbeiter damit ausbrannte, und die sich selbst bereitwillig versklavten: „Am Anfang steigert das die Produktivität pseudomäßig, aber irgendwann kippt dein Team dir aus den Latschen.“

Eggler zog einen Strich: Heute nennt sie sich „Digital-Therapeutin“, hält Vorträge und schreibt Bücher wie „Facebook macht blöd, blind und erfolglos“. Sie grenzt die Bearbeitung neuer Nachrichten auf feste E-Mail-Öffnungszeiten ein und geht gelegentlich auch länger ganz offline – dann ist sie produktiver und lässt sich nicht so schnell ablenken. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht menschenverachtend von der Technologie treiben lassen“, sagt Eggler. „Nur weil ich rund um die Uhr erreichbar sein kann, bin ich noch lange kein Notarzt.“

Der Abwesenheitsassistent

Inzwischen berät Eggler Konzerne, die ihren Mitarbeitern beim Abschalten helfen wollen. Denn auch die ersten Unternehmen steuern gegen. Bei Volkswagen etwa setzte der Betriebsrat durch, dass nach Feierabend keine E-Mails mehr an die Smartphones von Mitarbeitern verschickt werden. Und Daimler sorgte in diesem Sommer für Schlagzeilen, als er für rund 100.000 Mitarbeiter in Deutschland den Abwesenheitsassistenten „Mail on Holiday“ einführte: Ist der im Urlaub eingeschaltet, löscht er eingehende E-Mails automatisch und informiert die Absender über eine Vertretung. Das soll nicht nur verhindern, dass Mitarbeiter im Urlaub E-Mails beantworten, sondern auch, dass sie zurückkommen und ein überquellendes Postfach vorfinden. Daimler verspricht sich davon eine „emotionale Entlastung“ seiner Beschäftigten.

Selbst Grenzen ziehen

Andere Unternehmen erkennen zwar die Probleme, überlassen die Lösung aber den Mitarbeitern selbst. Bei Microsoft etwa dürfe jeder selbst entscheiden, wann und wo er arbeite, erläutert Personalchefin Elke Frank. Allerdings bedeute das nicht, dass man sieben Tage die Woche „always on“ sein müsse. Das Unternehmen hat einen „How-to-Guide“ aufgestellt, Regel Eins für Beschäftigte lautet: „Nach Feierabend abschalten“. Die Empfehlung betont, dass Kollegen und Vorgesetzte Feierabend, Wochenende und Urlaube respektieren sollten, nimmt aber auch die Mitarbeiter in die Pflicht: „Wer keine klaren Grenzen setzt, darf sich nicht wundern, wenn die Kollegen auf Freizeit oder Krankheit keine Rücksicht nehmen.“

Personalchefin Frank versucht, danach zu leben: Sie lese ihre ersten E-Mails schon kurz nach dem Aufstehen, um sich über die Ereignisse in den USA zu informieren – beim Sport und am Wochenende schalte sie aber durchaus ab. „Der Trend zum flexiblen Arbeiten bietet so viele Vorteile“, sagt Frank, „die Nachteile beschränken sich auf Einzelfälle.“

Noch weniger konkret sind die Empfehlungen bei SAP. Auch der Software-Konzern ermöglicht es seinen Mitarbeitern, ihre Arbeit „zeitlich und örtlich frei“ zu gestalten, und betont, dass niemand verpflichtet sei, im Urlaub dienstliche Telefonate zu führen oder E-Mails zu lesen. Verboten ist es aber auch nicht. Stattdessen ermutige man Mitarbeiter und Führungskräfte zu einem „klugen Umgang“ und hat eine Arbeitsgruppe gebildet, die den „gestaltenden Umgang“ noch besser fördern soll. Wie genau, das lässt SAP offen.

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

2 Kommentare
Eugenia Allerdings
Eugenia Allerdings

Ich habe mal meine Empfindungen bei einer erzwungenen Abstinenz (vom Smartphone) verbloggt

http://e-allerdings.com/tagebuch-des-horrors-smartphone/

Antworten
David

Oh je, wenn jemand erst einen Workshop braucht um offline zu gehen, dann ist es wahrscheinlich schon zu spät. Den Veranstalter freut es: er kann an diesem Luxusproblem noch verdienen.

Antworten

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung