Interview

Digitale Technologien als Chance für Journalismus: Wolfgang Blau im Interview

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t3n Magazin: Wie können journalistische Formate dann überhaupt in der virtuellen Realität aussehen?

Wolfgang Blau: Der Medienwissenschaftler Marshall McLuhan hat einmal gesagt, dass jedes neue Medium seine Entwicklung als ein Gefäß für das jeweilige Vorgängermedium beginne. So wird das auch bei der virtuellen Realität sein, die gerade als eine Weiterentwicklung von Video betrachtet wird, mit linearem Video aber recht wenig gemeinsam hat. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen – und mag damit komplett daneben liegen –, dass Virtual Reality im Journalismus gar nicht primär filmisch genutzt wird, sondern um komplexe Sachverhalte räumlich zu vermitteln. Das entspräche der räumlichen Vorstellung davon, wie wir Menschen Informationen ablegen und beim Denken zwischenspeichern. Wir verwenden ja im Umgang mit mentaler Information bereits räumliche Metaphern wie „im Hinterkopf behalten“ oder „links liegen“ lassen. Komplizierte Sachverhalte via VR räumlich zu durchschreiten käme dieser Sichtweise auf unser eigenes Gehirn nur entgegen.

t3n Magazin: Was würde dir das in deiner täglichen Arbeit bringen?

In meiner Arbeit hier wühle ich mich gerade durch eine große Zahl von Excel-Dateien, um Details unserer Märkte und Produkte in Asien, Europa und Lateinamerika besser zu verstehen. Mich via Virtual Reality dreidimensional statt nur zweidimensional am Bildschirm oder auf Papier durch diese Daten bewegen zu können, würde mir bei dieser Arbeit sehr helfen. Nimm zum Beispiel die Geschichte zu den „Panama Papers“: Wie viele Leser konnten mit den Infografiken zur Verschachtelung der diversen Briefkastenfirmen wirklich etwas anfangen? Eine dreidimensionale Visualisierung statt flacher Schachtelgrafiken hätte da helfen können. Ich freue mich also schon darauf, durch dreidimensionale Infografiken zu laufen.

t3n Magazin: Wir reden die ganze Zeit über die Vorzüge des Digitalen, obwohl du gerade mit einem Printmagazin sprichst. Allen Unkenrufen zum Trotz entstehen ständig neue Printmagazine. Was hat Print, was Online nicht hat?

Printmedien kannst du anfassen, begreifen und visuell anders genießen als Inhalte auf einem Bildschirm. Nicht besser oder schlechter: Nur anders. Ich mag es, diese Wahl zu haben, vielleicht auch gerade weil ich so viele Stunden meines Tages im Netz verbringe. Wenn ich mich mit einem Magazin hinsetze, sage ich mir bereits unbewusst: „Jetzt hab ich Zeit.“ Es ist diese andere Bereitschaft, sich auf das Lesen einzulassen, von der sowohl die Rezeption der redaktionellen Inhalte als auch die der Werbung profitieren.

t3n Magazin: Wenn du auf deine Laufbahn zurückblickst: Was war einer der beeindruckendsten Momente, die du in deiner journalistischen Karriere erlebt hast?

Ich werde nie vergessen, wie mein Chef beim Guardian, Alan Rusbridger, spät abends zu mir ins Büro kam und sagte: „Du hast doch bei Zeit Online vor deinem Weggang noch diesen anonymen Datenbriefkasten gestartet. Angenommen, du hättest gerade jemanden in Hong Kong stehen, der dir vertrauliche Daten übermitteln muss: Wie würdest Du das bewerkstelligen?“ Dieser Jemand stellte sich als Edward Snowden heraus. Der Rest ist Geschichte.

t3n Magazin: Als du noch bei Zeit Online gearbeitet hast, soll dich Helmut Schmidt mal ins Büro zitiert und dich um eine Erklärung für die vielen Kommentare auf der Website gebeten haben. Was hast du ihm darauf geantwortet?

Was die Online-Kommentare anging, war er ein Pragmatiker: Meine Antwort, dass wir lediglich die Wahl haben, entweder auf unserer eigenen Website diskutiert zu werden oder anderswo und dann aber außerhalb unseres Einflussbereichs, ließ er gelten. Helmut Schmidt hat mich immer wieder mal in sein Büro gebeten, manchmal mit konkreten Fragen und manchmal auch nur, um generell über das Internet oder Zeit Online zu sprechen. Mit Ausnahme des brillianten Zeit-Geschäftsführers Rainer Esser hat Helmut Schmidt mir klügere und vorurteilsfreiere Fragen über den Online-Journalismus gestellt als irgendjemand sonst bei der Zeit.

Das Interview ist auch im Buch unseres Autoren erschienen. 

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