Trendreport

Digitale Transformation bei TUI: Das wird kein Tagesausflug

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Die Idee für Getyourguide führt Geschäftsführer Tao Tao ebenso wie Patrick Häde von Mapify auf ein persönliches Erlebnis im Ausland zurück. Sein Freund und späterer Mitgründer Johannes Reck kam 2007 wenige Tage vor Tao in dessen Ursprungsland China an. Als der Muttersprachler und Ortskundige die Leitung vor Ort übernahm, waren plötzlich die Mahlzeiten besser, die Leute freundlicher und die Wege direkter. „Wir entwickelten daraufhin eine Plattform, die lokale Guides mit ­Touristen zusammenbringen sollte – und scheiterten kläglich.“ Von fünf Buchungen waren vier von den Eltern. „Wir hatten bei unserem Angebot die gängigen Sehenswürdigkeiten wie Eifelturm und Freiheitsstatue nicht im Blick. Einfach nur mit einem Local durch dessen Viertel zu spazieren, reicht nicht aus“, erkannten Reck und Tao erst, als sich professionelle Anbieter auf ihrer Plattform registrierten. „Von da an haben wir uns den Reisemarkt peu à peu erschlossen. Gleichzeitig spielte uns die Entwicklung der Smartphones zu, die heute fester Bestandteil jeder Urlaubsplanung sind.“

Die professionalisierte App-Version ging 2010 an den Start. Seitdem stehen die Zeichen auf Wachstum – auch jetzt noch, ohne Branchenriese Tui an der Seite. Die Mitarbeiterschaft an den Standorten Berlin und Zürich zählt aktuell 500 Kollegen, aus denen absehbar 800 werden sollen. Finanzspritzen in Höhe von 170 Millionen Dollar hat Getyourguide bisher erhalten. Zuletzt gab es sogar Gerüchte um einen Einstieg des japanischen Techfonds Softbank in der Größenordnung bis zu 500 Millionen Euro.

Ist das Startup für Tui zu groß geworden? Vielleicht. ­Getyourguide jedenfalls tauchte auch in den Tui-Katalogen unter dem eigenen Namen auf. Mit dem Ende der Kooperation investieren die Gründer nun umso entschiedener in die eigene Marke. „Branding“ ist ein Stichwort, das im Gespräch mit Tao immer wieder fällt. Von Wettbewerbssorgen ist hingegen nichts zu hören. „Die Konkurrenz ist aufgewacht und das bedeutet eine Marktvalidierung. Aber letztlich müssen wir nur unseren Vorsprung halten. Nach dem Volumen sind wir Marktführer in Europa und haben zudem die beste Wachstumsquote“, sagt Tao. „Unsere Konkurrenz ist vor allem die Unwissenheit der Kunden, die den Komfort von online gebuchten Erlebnissen noch nicht erkannt haben. Gleichzeitig sind genau sie unser Potenzial.“ Der Markt sei nach Flügen und Hotels der drittgrößte der Branche, der noch stark fragmentiert ist und jetzt ins Internet umzieht. Eine riesige Chance. „Mit Getyourguide haben wir die Möglichkeit, einen digitalen Champion zu bauen, der ausnahmsweise mal aus Deutschland kommt und nicht nur in Europa, sondern weltweit Marktführeranspruch hat“, sagt Tao.

Während sich das Ausflugsgeschäft von offline zu online verschiebt, denkt Getyourguide in die entgegengesetzte Richtung und macht sich dafür den eigenen Datenschatz zunutze. Mit dem Wissen aus zigtausend Kundenmails und -anrufen, qualitativen Erhebungen und Millionen Kundenbewertungen veröffentlichten Tao und sein Team im vergangenen Sommer selbst entwickelte Touren, die ­„Getyourguide Originals“. In Zusammenarbeit mit den bestbewerteten Veranstaltern setzen sie exklusive Aktivitäten auf, die sich ganz nach dem Kundenfeedback richten.

Bloß keine Fehler mehr

Auch bei Tui betont man den Wert des eigenen Datenschatzes und stellt ähnliche Rechnungen an. Bei der Expansion der Sparte Reise­erlebnisse liegt der Fokus zunächst auf den Bestandskunden. Rund 23 Millionen jährlich stehen nur gut vier Millionen verkaufter Ausflüge gegenüber. Die Differenz deutet die Gewinnchancen an. In absoluten Zahlen hinkt der Bereich Hotel- und Kreuzfahrtgeschäft noch hinterher. Allerdings verzeichnete er von 2017 auf 2018 mit knapp 40 Prozent eine beachtliche und bessere Wachstumsrate. „Künstliche Intelligenz und Algorithmen helfen uns, die Produkte so einzugrenzen, dass der Gast nicht eine Flut von Angeboten, sondern wenige gezielte erhält. Die Conversion-Rate steigt damit deutlich“, sagt Digitalchefin Reichart. „In einem nächsten Schritt wollen wir unsere Erlebnisse darüber ­hinaus anbieten.“ Dann solle beispielsweise auch ein Kunde, der bei einem Wettbewerber gekauft hat, sich vor Ort für Ausflüge aus dem Tui-Sortiment entscheiden. Den Vertrieb der Reiseerlebnisse hätte Tui damit allein in der Hand, statt wie in anderen Bereichen wieder Teile der Buchungen an andere Vermittler abzutreten. Die Fehler der Vergangenheit sollen sich nicht wiederholen.

Doch mit der Digitalisierung entwickelt sich die Branche, in der Tui so lange den Takt vorgab, in einem ganz anderen ­Tempo. Mapify hält Schritt: Als Startup habe man eben ganz andere Entwicklungs­zyklen als ein Großkonzern. „Wir müssen unser Geschäftsmodell schnell vorantreiben und die Zusammenarbeit mit einem anderen Unternehmen in möglichst kurzer Zeit umsetzen. Denn ein halbes Jahr später können wir schon an einem ganz anderen Punkt stehen”, sagt Gründer Patrick Häde und macht den Vergleich zu den Online­reisevermittlern. „Wenn wir mit so einem Anbieter in Kontakt kommen, haben wir im Idealfall nach einer Woche die nötigen Daten vorliegen, um eine Schnittstelle zu unserer Plattform zu schaffen.” Anders der Fall Tui: Nachdem Häde sein Startup in Hannover vorgestellt hatte, ruhte der Kontakt erst einmal für einige Wochen. In der Zwischenzeit hat er andere Partner gefunden und ist jüngst etwa mit dem eigenen Kon­kurrenten Atameo fusioniert. Damit dürfte die Nutzerzahl einmal mehr steigen – und sich Mapify für weitere Kooperationen qualifizieren. Der Kontakt mit Tui besteht auch wieder.

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