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Endlich wieder Kaffeeküche: Startups arbeiten an neuen virtuellen Plattformen

(Abbildung: Shutterstock / Drazen Zigic)

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Neue Plattformen wollen bieten, was bei Zoom-Konferenzen fehlt. Wie das ­virtuelle Büro, die digitale Konferenz der Zukunft aussehen kann, zeigen junge Startups.

Vishal Punwani lädt Besuch zurzeit immer direkt in sein Büro ein. In einer Ecke liegt eine Yogamatte, in einer anderen sorgen ein ­Beamer und eine Leinwand für Kinoatmosphäre, daneben befindet sich eine Spielekonsole mit großem Screen. Zwischen gemütlichen ­Sitzecken, einer Kaffeebar und einer Tischtennisplatte stehen hier und da Schreibtische mit Computern. Neben der Tischtennisplatte diskutieren zwei Kollegen des Startup-­Gründers über aktuelle Entwicklungen. In der Mitte des ­Raumes, unter einer der ausladenden Büropalmen, betrachten zwei ­Kolleginnen gemeinsam einen Bildschirm voller Programmiercode. „Hier müssen wir noch etwas anpassen“, sagt eine der beiden.

Punwanis Büro ist wohl eines der schönsten und flexibelsten, die es gibt. Und das Beste: Es ist vollkommen digital. Er kann es von jedem Ort auf der Welt aus betreten – er braucht dafür nur Internet und einen Computer. Auch seine Kollegen sind nicht physisch vor Ort, sondern in Form von Avataren. Sie sehen sich selbst auf ihrem jeweiligen Bildschirm von oben und können sich mit Tastatur oder Maus durch eine Art Computerspielwelt ­fortbewegen.

Sophya.ai heißt die Plattform, die Punwani mit seiner Mitgründerin Emma Giles aufgebaut hat. Sie ist eine Zoom-Alternative mit der Möglichkeit, sich Breakouts spontan und autonom zusammenzustellen. Wenn man sich mit dem eigenen Avatar den beiden Frauen nähert, die gerade über dem Programmcode ­brüten, öffnen sich automatisch die Kameras: Jetzt befinden wir uns zu dritt in einer Videokonferenz – im Hintergrund sind weiter­hin aus der Vogelperspektive unsere eigenen Avatare zu sehen, genauso wie die Tischtennisplatte, die Arbeitstische und die anderen Mitarbeiter-Avatare.

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Der spontane Austausch und die ­Sozialen Signale fehlen

Diese Art zu interagieren, ähnelt der einer Party oder auch einer Konferenz, bei der man sich von einem Grüppchen zum nächsten treiben lässt und zufällige Begegnungen hat. Und genau das fehlt uns laut Psychologen in Zeiten von Videokonferenzen: Beim spontanen Austausch entstehen oft die besten Ideen; zudem berichten immer mehr Menschen von „Zoom-Müdigkeit“ – die neue Art des Konferierens erschöpft uns.

Techunternehmen arbeiten deshalb an Alternativen nicht nur für das virtuelle Büroleben, sondern auch für digitale Konferenzen – um mehr von dem zu ermöglichen, was uns ab­handengekommen ist. Die Innovationen kommen dabei von ­Startups, die durch die ­Coronakrise umdenken mussten: Ihnen selbst ging die Basis verloren – sei es, weil sie sich auf sich allein gestellt fühlten im Homeoffice, oder weil ihr ursprüngliches Geschäftsmodell in der Pandemie nicht mehr funktionierte. Und sie zeigen erstaunliche Kreativität für unser digitales Zusammenkommen der Zukunft.

„Zoom hat uns nicht geholfen, das hat so viel vom ‚Zwischen­drin‘ nicht, was das echte Leben hat“, sagt etwa Punwani rückblickend über seine Versuche im März 2020, das Gemeinschaftsgefühl in seinem jungen Startup für Lernsoftware aufrechtzuerhalten. Es galt, eine entstandene Lücke zu füllen. Wie beispielsweise die spontane Diskussion in der Kaffeeküche. Oder die Möglichkeit, mit den Kolleginnen und Kollegen in einem Raum zu sein, ohne aktiv kommunizieren zu müssen, aber die Anwesenheit der anderen zu spüren. Punwanis Kollege Anuj Adhiya, Vice President of Growth bei ­Sophya, ergänzt: „Zoom hat uns zu sehr in Boxen gesperrt.“

Ihm hätten in den Videokonferenzen die sozialen Signale gefehlt, die helfen, die Umgebung einzuschätzen: „Sie bauen ­einen ­starren Rahmen um so etwas Unstrukturiertes wie soziale ­Beziehungen.“

Auch interessant: „Genug von Zoom-Calls? Wie Unternehmen Videospiele zur Kommunikation einsetzen“

Das ist genau das, was uns so auslaugt, wenn wir viel in Video­konferenzen sind, erklärt Robin Welsch. Der Psychologe beschäftigt sich an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität mit Fragen des Raumempfindens in virtuellen Welten. „Wir werden auf Zoom die ganze Zeit angeschaut und können diesen Blick nicht interpretieren. Das verursacht ,Zoom-Fatigue‘, also diese Erschöpfung nach Videokonferenzen.“

Während im echten Leben quasi von selbst klar ist, wer gerade spricht und wer wen anschaut, blicken bei Videokonferenzen alle auf dem Bildschirm einen selbst an. „Sie fokussieren mich, sogar wenn ich nicht der Sprecher bin“, sagt Welsch – und da hilft auch das rationale Wissen darüber nichts, dass es nur so wirkt, und dass die anderen Teilnehmer wahrscheinlich den Sprecher anschauen. „Wir verarbeiten diese andauernden sozialen Signale die ganze Zeit im Hinterkopf, und das ist anstrengend.“

Bei Zusammentreffen in der analogen Welt hingegen gibt es viel mehr soziale Signale, die uns helfen, Situationen einzuschätzen. Zudem falle bei digitalen Konferenzen eine komplette Ebene weg, so Welsch: „Es fehlt der informelle Austausch, das Tuscheln mit meinem Nebensitzer während eines Vortrags beispielsweise“, sagt er. Gerade bei Konferenzen sei zudem der Networking-­Effekt wichtig: dass etwa der Professor seinen neuen Doktoranden den Kolleginnen und Kollegen vorstellt, die sich mit ähnlichen ­Themen beschäftigen – und sich zufällig in der Kaffeepause ­treffen.

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Ein Kommentar
Daniel
Daniel

Ist ja nicht so, dass es nicht schon zahlreiche GUTE Open Source Alternativen zu den Datensammlern wie Zoom & MS Teams gibt.

Nextcloud z.B.

Aber das müsste man erstmal aufsetzen. Damit man sich damit nicht befassen muss zahlt man lieber mit seinen Daten und der der Mitarbeiter.

Und damit die t3n Redaktion nicht zusehr dem Beruf als Journalisten nachgehen muss (also Erkundigen & suchen) und die ganzen Tech-Hipster nicht vergrault wird grundsätzlich NIE über Open Source Alternativen berichtet. In. keinem. einzigen. Artikel.

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