Karriere

Von Freud und Leid der Selbstständigkeit

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Breites Know-How, Selbstvermarktung und Akquise

Der Preis für diese Freiheit sei allerdings groß: Von Null etwas aufzubauen koste Energie, berichtet Burkart. „Man muss von allen Dingen etwas verstehen: Marketing, Technik, Finanzen, Akquise, Fördergelder.“ Auch die Entwicklung und Sicherung des eigenen „Marktwerts“ bedeute Aufwand: „Wie bei Agenturen oder Softwareentwicklungsfirmen muss man als Freiberufler für den Markt attraktiv bleiben und immer die angesagten Themen draufhaben. Angestellte können sich eher zurücklehnen – auch wenn sie das nicht sollten“, sagt Thorsten, der darin aber auch einen Vorteil sieht: „Auf dem aktuellen Stand zu bleiben ist ein unschätzbarer Vorteil: Man wird als Experte angesehen. Bei wichtigen Entscheidungen werden Angestellte tendenziell weniger befragt.“

Allerdings haben Solo-Selbstständige oft erheblich weniger Einfluss auf die Rahmenbedingungen ihrer (Projekt-)Arbeit als Unternehmer und in Büros oder Agenturen organisierte Entwickler und Kreative: Die Organisationsstruktur ist meist vorgegeben und wird häufig von Auftraggebern oder Projektleitern bestimmt, die auch nicht mehr Sachorientierung und Kompetenz mitbringen als die Vorgesetzten im traditionellen Unternehmen, denen man gerade entkommen ist. Dafür ist es leichter, den Job zu wechseln: „Projekte enden nach einer bestimmten Zeit“ – für Thorsten ein unschätzbarer Vorteil der Freiberuflichkeit.

Voraussetzung für stete Abwechslung ist allerdings die Projektakquise, die Angestellten weitestgehend erspart bleibt. „Die Kundenakquise habe ich anfangs unterschätzt“, gibt Burkart zu. „Der Kundenstammaufbau hat länger gedauert als gedacht.“ Glücklich ist zu schätzen, wem wie Rails-Entwickler Thorsten die aktuelle Marktsituation in die Hände spielt: „Ich bin froh, dass ich nie Akquise machen musste, da die Projekte immer zu mir gekommen sind. Das wäre eine echte Herausforderung für mich.“

Neue Arbeitsformen: Netzwerke und Coworking

Einzelkämpfertum, herausfordernde Akquise, die Bedeutung von Vernetzung: Aus diesen und ähnlichen Gründen bilden sich in letzter Zeit vermehrt neue Formen heraus, in denen Selbstständige und Freiberufler über das einzelne Projekt hinaus zusammenarbeiten. So entstehen Netzwerke wie „Ants with Friends“ (http:// www.antswithfriends.net), die als „Dachmarke“ Freiberuflerkompetenzen bündeln. So lassen sich größere Projekte akquirieren und mehr Einfluss auf die Rahmenbedingungen nehmen, als es Einzelkämpfern möglich ist.

Daneben finden immer mehr Freiberufler Platz in Coworking Spaces, die ihnen flexibel nutzbare Arbeitsplätze und vielfältige Vernetzungsmöglichkeiten bieten – und damit die Kaffeehauskultur, die Lobo und Friebe am Beispiel Berlin schildern, in professionalisierter Form weiterentwickeln. Weniger informell und laut als in Cafés, aber ebensowenig formalisiert und nüchtern, könnten diese Orte eine Art dritter Weg der Arbeitsorganisation werden.

So schildert Jörn Hendrik seine Erfahrungen im betahaus Hamburg: „Die Atmosphäre ist einzigartig: mit anfangs fremden Menschen zusammen zu sitzen und zu arbeiten, die alle unterschiedliche Sachen machen, aber trotzdem auf derselben Wellenlänge schwingen. Und zwar deshalb, weil sie nicht nur den Raum teilen, sondern auch einen Habitus der Offenheit und Vernetzung. Es ist eine Community mit einer Arbeitsatmosphäre zum Wohlfühlen, die anders als die Arbeitsgemeinschaft in klassischen Büros ohne Zwänge wie Pünktlichkeit, Anwesenheitspflicht, Konkurrenzdenken oder Ellbogenmentalität auskommt.“

Damit bieten Netzwerke und Coworking Spaces nicht nur eine Alternative zum Einzelkämpfertum im Projektmarkt und der Vereinsamung im Home Office, sondern leben neue Werte der Zusammenarbeit: Wissen und Ideen teilen statt schützen, das Ganze höher bewerten als die Summe der Teile. Auch wenn diese Arbeitsweise noch hippie-mäßig klingt, könnte sich damit ein Gegenmodell zur klassischen Agentur und zum traditionellen Unternehmen entwickeln, das gleichermaßen auf organische Formen der Zusammenarbeit und auf die Selbständigkeit der Beteiligten setzt.

Unbegrenzte Möglichkeiten

Für Burkart – auch er ist inzwischen überzeugter Coworker – ist das aber nicht die einzige Option, wie sich seine Freiberuflichkeit weiterentwickeln kann: „Wenn sich eine Idee für ein spannendes Produkt ergibt, kann ich mir auch eine Produktentwicklung vorstellen. Ich würde mich auch gerne mit ein paar Leuten zusammentun, um Last und Aufgaben zu verteilen und sich auch mal wieder eine Auszeit zu gönnen. Das Spannende ist, dass man nicht genau weiß, was passieren wird. Es stehen interessante Projekte im Raum und viele Möglichkeiten sich zu entwickeln. Diese Aussichten hat man bei einer Festanstellung selten.“

Ob „für immer Freiberufler“, Produktentwicklung oder doch Traumjob bei einem neuen Arbeitgeber – Optionen für ihre Zukunft haben die drei zuhauf. Schließlich haben sie, wie die meisten IT-, Kreativ- und Internet-Freiberufler, einen unschätzbaren Vorteil: „mit dem Notebook bewaffnet von überall arbeiten zu können“, wie Burkart es beschreibt. Das eröffnet eine Menge Perspektiven.

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