Trendreport

Die ganze Stadt ist ein Startup: Shenzhen ist das Silicon Valley für Hardware-Firmen

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Das Epizentrum für Hardware-Firmen und Elektronik-Fans ist der zentrale Stadtteil Huaqiangbei. Er besteht nahezu ausschließlich aus Elektronik-Märkten. Früher machten die Märkte ihr Geschäft hauptsächlich als Zulieferer für Fabriken in den Außenbezirken Shenzhens. Heute wird auch immer öfter an Endkunden verkauft. Trotzdem sind die Verkäufer manchmal patzig, wenn ein Kunde nur ein oder zwei Exemplare eines Artikels kaufen will und nicht gleich einige Tausend. Schon beim Verlassen der U-Bahn finden sich die ersten kleinen Händler, die den Passanten in den Fußgängertunneln aufgerollte Speicherchips für Bestückungsroboter verkaufen wollen oder alte Smartphones auseinandernehmen, um die einzelnen Komponenten als Recycling-Ware zu verkaufen. Touristen sind hier oft überfordert: Es gibt keine großen Ladenketten, nur Tausende kleiner Abteile und Stände, die sich meist auf ein einziges Produkt spezialisiert haben – ein Stand mit Magneten, einer für Speicherkarten und einer für Kippschalter. Die Produkte stapeln sich auf den Tresen der Händler und Verpackungen, Preisschilder oder Kataloge sucht man vergebens.

Das Angebot der Stände auf einem Stockwerk ist oft nahezu identisch. Größere Unterschiede finden sich meistens nur zwischen den Stockwerken oder einzelnen Gebäuden. Ein paar Meter neben dem HAX-Accelerator gibt es ein mehrstöckiges Kaufhaus, in dem ausschließlich LEDs verkauft werden. Andere Häuser haben sich auf gebrauchte Smartphones oder Laptops spezialisiert. Die Atmosphäre unter den Händlern ist kollegial. Wer beim LED-Verkäufer nach Flachbandkabeln fragt, wird garantiert zum passenden Kollegen geschickt.

Dank der Stellung als Sonderwirtschaftszone verschicken die Händler ihre Ware inzwischen nach ganz China und in die restliche Welt. Wer das Ausmaß dieser Entwicklung verstehen will, muss am späten Nachmittag den wahnsinnigen Andrang in der sogenannten „Shipping Alley“ begutachten – einer Straße, in der ausschließlich Versand- und Verpackungsdienstleister ansässig sind. Gegen Feierabend stehen die Leute vor den meisten Läden in Schlangen. Überall hört man das Geräusch von Paketbandabrollgeräten. Anders als in Deutschland holt der Postbote die Pakete nicht ab. Weil es viele tausend Stände sind, die Produkte verschicken wollen, würde der Paketbote nicht rechtzeitig mit der Abholung fertig werden. Deswegen rennen hier die Verkäufer zu den Versendern wie die Fliegen zur Sonne. Der große Andrang verdeutlicht auch, wie viel Händler in Shenzhen heutzutage durch den Versandhandel umsetzen.

Michael Peither und Felix Kiefl an ihrem Arbeitsplatz im Büro von HAX. (Foto: Vitaly Vyazovsky)

Mitten auf einem der großen Elektro-Basare von Huaqiangbei sitzt der HAX-Accelerator im siebten Stock. Wer beim Erfinden und Entwickeln plötzlich ein Bauteil braucht, muss nur mit dem Aufzug einige Stockwerke nach unten fahren, maximal die Straße überqueren und findet dort das passende Stück – schon kann weitergelötet werden. In Deutschland oder den USA würden bei solchen Problemen hingegen ein paar Tage Lieferzeit ins Land gehen. In Shenzhen ist das anders: „Die ganze Stadt versteht den Gedanken von Just-in-Time-Produktion“, sagt Ke. „Wenn es eilig ist, bringt der Kurier auch mal morgens um vier ein gefertigtes Teil.“

Davon profitiert auch Voltstorage. „Wir hatten neulich ein schwieriges Spritzguss-Teil, einen Kunststoff-Sockel, der sehr leicht verbiegt“, berichtet Kiefl. „Wir haben den HAX-Mitarbeitern einfach unser 3D-Modell gezeigt und erklärt, was wir brauchen, und am nächsten Tag hatten sie jemanden an der Hand, der das Teil produzieren konnte.“ Das Angebot erhalten Unternehmen auf Chinesisch mit Preis und Stückzahl, die Zahlung läuft über Wechat, Chinas größte Messaging-App, die auch eine eigene Bezahlfunktion anbietet. Ähnlich laufe es auch mit den Platinen, sagt Kiefl:„Wir brauchen nur einen Schaltplan und kriegen einen Tag später eine fertige Platine. Die Jungs hier kümmern sich um das Layout, die Bestückung und löten alles zusammen.“ Dafür beschäftigt der Accelerator ein eigenes Team von erfahrenen Ingenieuren und Fachleuten für Maschinenbau, Elektrotechnik und Fertigungsverfahren. Sie kennen die besten lokalen Unternehmen für jede erdenkliche Aufgabe: Spritzguss, Eloxieren, Sandstrahlen oder SMD-Löten. Sie helfen den oft unerfahrenen Startups auch, ihre Prototypen produktionsreif zu machen. Wo ein Spritzguss-Teil zu dünn, ein Material falsch gewählt oder eine Leiterbahn zu nah an der anderen ist, greifen sie rechtzeitig ein und ersparen den Teams zeitaufwendige Rückschläge.

Felix Kiefl im Gespräch mit Mitarbeitern des HAX-Accelerators. (Foto: Vitaly Vyazovsky)

Gleichzeitig kümmert sich ein eigenes Kreativteam um den äußeren Eindruck der Startups: Gestalter entwerfen Logos und Websites, Fotografen und Kameramänner erstellen professionelle Produktfotos und -Videos. Ein Großteil der HAX-Teams vertreibt seine Produkte über Kickstarter, weswegen die optische Aufmachung und Videos eine besonders große Rolle spielen.

Während Shenzhen bisher dem Großteil der Welt nur als Produktions-Standort bekannt ist, tut die Stadt inzwischen viel dafür, dieser Rolle zu entwachsen. Accelerator-Programme wie HAX und Coworking-Spaces nehmen stark zu. Die Regierung hat im Herbst 2016 auch zum zweiten Mal eine offizielle Maker Week ausgerufen. In der ganzen Stadt fanden Veranstaltungen rund um die florierende Maker- und Hacker-Szene statt. Die Gästeliste unterstrich die Wichtigkeit von Shenzhen für die weltweite Hardware-Industrie: Mark Zuckerberg, Bill Gates und Tim Cook kamen persönlich vorbei. Apple gab dabei sogar bekannt, 2017 ein Entwicklungszentrum in Shenzhen zu eröffnen. Vielleicht könnte also eines der nächsten iPhones dann nicht nur den Schriftzug „Made in China“, sondern auch „Engineered in China“ tragen. Chinesische Marken wie Xiaomi und Huawei zeigten in den vergangenen Jahren bereits eindrucksvoll, dass China eben nicht nur produzieren, sondern auch entwickeln und gestalten kann. Das beste Beispiel vom Standort Shenzhen ist die Firma DJI, deren Gründer Frank Wang nur wenige Kilometer entfernt auf der Hong Kong University of Science and Technology studierte und 2006 seine Firma für unbemannte Luftfahrzeuge, vor allem Quadrocopter, gründete. Heute sitzt das Hauptquartier des Herstellers in Shenzhen. DJI ist der weltweite Marktführer in seinem Segment und gehört längst zum Club der chinesischen Unicorns–Firmen mit einer Evaluierung von mehr als einer Milliarde US-Dollar.

„Was Xiaomi oder DJI produzieren, hat mich echt umgehauen“, bekennt Michael Peither. „Die sind anderen Marken technologisch so weit voraus.“ Er kritisiert das Image der chinesischen Anbieter in Deutschland: „An deutschen Stammtischen ist ‚Made in China’ immer noch ein negativer Stempel.“ Aber auch wenn Voltstorage das chinesische Epizentrum geholfen hat: 2017 wird das Team zurück nach Deutschland zurückkehren. Dort soll künftig der finale Zusammenbau stattfinden – unter anderem aus Angst vor Produktpiraterie. Die Einzelteile sollen aber weiter in Shenzhen gefertigt werden. Das passende Etikett wäre dann wohl: „Proudly made in China and Germany“.

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