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Gründen lernen: „Kinder sind die besten Entrepreneure“

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t3n Magazin: Das klingt nicht so, als könne man Entrepreneurship auf dieselbe Weise wie andere Studienfächer unterrichten.

Helge Löbler: Es scheint tatsächlich vielerorts den Glauben zu geben, man könne gezielt Entrepreneurship unterrichten. Ich glaube das nicht. Gleichwohl bin ich fest davon überzeugt, dass man Entrepreneurship lernen kann. Man kann es aber nicht lehren, denn Entrepreneurship ist etwas, was vor allem außerhalb von intellektuellen Diskursen stattfindet. Ja, es findet sogar in weiten Bereichen jenseits von Sprache statt. Erst wenn man das verstanden hat, wird man eine angemessene und erfolgreiche Entrepreneurshipausbildung anbieten können. Wir müssen weg von dem Glauben, dass man Entrepreneurship gezielt unterrichten könne. Entrepreneurship ist eben keine Fertigkeit und Fähigkeit, sondern lediglich eine Beschreibung dessen, was man sich wünscht und zu tun glaubt.

t3n Magazin: Ist dies ein Aufruf zu mehr Praxisnähe an den Universitäten?

Helge Löbler: Nein. Nach meiner Überzeugung haben wir heute viel zu viel vordergründige Praxisnähe. Konzeptionelles, eigenständiges, kreatives Denken wird abgelöst vom platten Nachvollziehen und der Wiedergabe von (auswendig) Gelerntem. Der Einzug der Modularisierung in den Bachelorprogrammen hat der wirklichen Bildung geschadet. Dies haben ja auch die Studenten selbst hinreichend beklagt. Wenn in Universitäten lediglich nur noch das gelehrt und gelernt wird, was bereits in der Praxis Realität ist, dann kann sich eine Gesellschaft nicht entwickeln. Stattdessen wird sie sich auf dem Status quo perpetuieren. Das kann weder im Sinne der Gesellschaft noch der Universitäten sein.

t3n Magazin: Was ist der Kern Ihres Programms SMILE?

Helge Löbler: Unser Entrepreneurship-Programm stellt den Lernenden in den Mittelpunkt und geht von ihm aus. In unserem Programm gibt es alles das, was die Gründungsinteressierten und die angehenden Gründer lernen wollen. Und wenn es etwas noch nicht gibt, dann wird es halt erfunden. Es geht nicht darum, Wissen zu vermitteln, sondern es geht darum, die Talente, die in den Individuen stecken, freizulegen und zu entwickeln. Ein Lernender, der sich aus guten Gründen entscheidet, nicht Unternehmer zu werden, ist uns lieber als einer, der sich entscheidet Unternehmer zu werden, obwohl es nicht seins ist. Deshalb heißt unser Programm auch Selbstmanagementinitiative Leipzig, kurz SMILE, und die Buchstaben stehen als Akronym für diese Bezeichnung. Es geht darum, dass junge Menschen über sich selbst und ihr Leben Entscheidungen zu treffen lernen. Denn wir sind davon überzeugt, dass man Unternehmer nicht mechanistisch produzieren kann.

t3n Magazin: Ganz konkret: Was machen Sie mit den Studenten, die an Ihrem Programm teilnehmen?

Helge Löbler: Entscheidend ist nicht, was wir als Lehrende machen, sondern was die Lernenden machen. Ein Trainer, der einen 100-Meter-Läufer trainiert, braucht selbst kein guter Sportler zu sein; er muss aber verstehen und nachfühlen können, was einen guten 100-Meter-Läufer ausmacht, und den Läufer dazu bringen, genau das zu tun beziehungsweise zu lernen. Wir haben pro Semester über 50 verschiedene Lernveranstaltungen.

t3n Magazin: Können Sie Beispiele nennen?

Helge Löbler: Natürlich. In der Lernveranstaltung Selbstmanagement zum Beispiel erarbeiten wir anhand der Aktivitäten, die die Teilnehmer in die Veranstaltung einbringen, was es bedeutet, sich selbst zu „managen“. Hier kann es beispielsweise vorkommen, dass ein Lernender ständig zu spät kommt. Es wird dann direkt an diesem Teilnehmer erarbeitet, woran es liegt, dass er zu spät kommt, und was er mal ausprobieren kann, um nicht mehr zu spät zu kommen. Im Allgemeinen lernt dann nicht nur dieser eine Teilnehmer etwas, sondern alle anderen auch, da sie ja gewissermaßen als „Berater“ oder besser „Coaches“ mitarbeiten. Auch verstehen sie das Gelernte als ihr persönlich Gelerntes und fühlen sich dafür verantwortlich.Ein weiteres Beispiel ist die Lernveranstaltung „Freies Sprechen“. Hier laden wir die Teilnehmer ein, mit einem kurzen, freien Redebeitrag (5 bis 7 Minuten) die anderen zu begeistern. Dafür bekommen die Teilnehmer mindestens 30 Minuten Vorbereitungszeit. Dann präsentieren sie ihre Idee, und diese Präsentation wird aufgezeichnet. Im Anschluss analysieren die Teilnehmer gemeinsam die einzelnen Präsentationen. Dabei wird vieles besprochen: Authentizität, Körpersprache, Ausdruckweise, Wortwahl – eben alles, was einen guten Vortrag ausmacht. Schließlich probiert es jeder noch einmal und wir alle erleben dramatische Verbesserungen.

t3n Magazin: Wie gehen Gründungsinteressierte, die sich vertieft mit Entrepreneurship befassen wollen, am besten vor?

Helge Löbler: Zunächst einmal sollten Gründungsinteressierte – wie alle, die studieren wollen – herausfinden, welche Talente sie haben und welche Talente sie entwickeln wollen. Bedauerlicherweise erfährt man das ja in der Schule nur, wenn man Glück hat und das Talent zufällig als Fach existiert. Wenn man seine eigenen Talente kennt, kann man sich fragen, wie man diese Talente entwickeln möchte, und schließlich wird man sich fragen müssen, was man mit diesen Talenten tun will. Aus meiner Erfahrung würde ich keinem Gründungsinteressierten empfehlen, einen vollständigen Studiengang Entrepreneurship zu absolvieren. Stattdessen empfehle ich, herauszufinden, was der Gründungsinteressierte lernen will, um sich dann zu fragen, wo und wie er das lernen kann.

t3n Magazin: Welche Art von Modulen ist hilfreich, welche nicht?

Helge Löbler: All die Studiengänge, die nach der Logik aufgebaut sind, Module zu belegen, Klausuren zu schreiben und Credit Points zu verdienen, sind für einen Entrepreneur nicht wirklich hilfreich. Lernen ist eben ein aktiver Prozess, den man dem Lernenden nicht abnehmen kann. Auch die Auswahl von Studienfach und Studienschwerpunkt ist bereits ein Lernprozess, der vom Lernenden aktiv angegangen werden muss. Wer zu diesen Aktivitäten nicht bereit ist, der sollte sich eben doch in seinen Kleiderschrank einschließen und sich morgens Kaffee und Zeitung heranreichen lassen.

Zu Helge Löbler

Prof. Dr. Helge Löbler ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Marketing an der Universität Leipzig sowie Leiter der SMILE-Initiative (http://www.smile.uni-leipzig.de). Nach dem Studium der Kybernetik und Volkswirtschaftslehre und der Promotion arbeitete Löbler am Institut für Mittelstandsforschung der Universität Lüneburg. Nach der Habilitation übernahm er die Professur an der Universität Leipzig. Dort ist er Direktor des Instituts für Service und Relationship Management. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sozialer Konstruktionismus, Kommunikation neu Denken und Service als Form der Koexistenz.

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5 Kommentare
Ingo Hagemann

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Redaktion,

leider scheint das Linkziel „http://t3n.me/Checklist_Selbstständigkeit“ ungültig zu sein.
Könnten Sie uns bitte einen alternativen Link nennen?

Vielen Dank und beste Grüße an die ganze Redaktion! Tolles Magazin.

Mit freundlichen Grüßen

Ingo Hagemann

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Wolfgang Dietz
Wolfgang Dietz

das Interview m. Prof. Löbler ist eine der treffendsten Zusammenfassungen zu einem brisanten, tiefreichenden, jedoch leider politisch auch völlig unterschätzen Thema! Gratulation! Dies noch mit den ganzheitlichen Ansätzen eines Jesper Juul verwoben – und unsere bildungs- u. gesellschaftspolitischen Stotter-Motoren könnten grad noch die Kurve kriegen.

Wie aber soll man (wie im Heft 28 aufgefordert) zeitnah und angemessen in die Diskussion steigen, ohne Textfreigabe? Gerade in den universitären u. päd. Bereich scheint mir der Transport sinnvoll. Zielgruppen, die nicht zwingend t3n-Leser sind, wage ich mal zu konstatieren. Hier ist doch Potenzial, dies zu ändern, Leute!

bestens

Wolfgang Dietz

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Peter Hadorn

Tolles Interview, Prof. Löbler spricht mir aus dem herz. Im Gespräch mit Jugendlichen stelle ich fest, dass „Entrepreneurship“ aufgrund der jahrelangen schulischen Verformung oft gar nicht mehr in ihrem Raum der Möglichkeiten existiert. Und nicht nur in Bezug auf „Entrepreneurship“ gilt, dass wir die schulische Prägung am besten Schritt für Schritt wieder loslassen…

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Zanfra
Zanfra

Ich habe das bei kleineren Kindern bemerkt, ihr Denkprozess ist tatsächlich frei und voller Freude wie bei den Zen Meistern. Dann kommt das Ego zum Wort und ist das ganze vorbei…
Man denkt schon schematisch und versucht sich immer an irgendwelche Regeln anzupassen…

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