Interview

Grundsatzfragen der künstlichen Intelligenz: Wie lange können wir den Maschinen noch trauen?

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t3n Magazin: Wird das nicht viele Menschen den Arbeitsplatz kosten?

Toby Walsh: Es gibt zwei Perspektiven auf die Arbeitsplatzthematik. Auf der einen Seite können Unternehmen darüber nachdenken, welche Jobs sie automatisieren, wie viele Stellen sie entsprechend streichen und wie sie ihr Business so effizienter machen. Das ist aber kein besonders verantwortungsvoller Umgang mit künstlicher Intelligenz. Auf der anderen Seite ließe sich darüber nachdenken, wie es mit Hilfe von KI-Systemen möglich wird, das eigene Business einfach besser zu machen, indem Unternehmen beispielsweise bessere Personalisierungsangebote einrichten und ihren Kunden eine bessere Produkterfahrung bieten – mit den Menschen, die sie bereits beschäftigen und eben nicht mit weniger.

t3n Magazin: Facebook hat mit seinen knapp zwei Milliarden Nutzern eines der größten Daten-Archive der Welt. Zuckerberg investiert massiv in KI. Seine Vision ist es, eines Tages in Echtzeit zu verstehen, was auf der Plattform inhaltlich passiert – vor allem auch, um Missbrauch einzudämmen. Wird das eines Tages möglich sein?

Toby Walsh: Absolut. Ich glaube, dass es die einzige Chance für Facebook ist, über intelligente Maschinen die Milliarden von Updates in den Griff zu bekommen. Und es wird aktuell ein erheblicher Fortschritt gemacht, um genau das zu erreichen. Auf Satz-Ebene – schauen Sie etwa auf Google Translate – lassen sich bereits Übersetzungen realisieren. Auch die Beantwortung einfacher Fragen ist möglich – das ist ja oftmals auch die Basis von Chatbots. Eine KI versteht aber nicht den Sinn einer Konversation, die mehrere Sätze, Absätze oder Seiten umfasst. Dass KIs eines Tages ein tiefe Verständnis von echten Gesprächen erreichen – davon sind wir vermutlich noch Jahrzehnte entfernt.

t3n Magazin: Im Bereich der Textproduktion können KIs schon kurze Texte wie Zusammenfassungen von Fußballspielen oder Finanznachrichten schreiben, die heute auch schon veröffentlicht werden.

Toby Walsh: Ja, das funktioniert. Und solche Systeme schreiben derartige Texte auch deutlich schneller als wir Menschen. Aber was KI-Systeme auf absehbare Zeit nicht leisten können, sind große investigative Geschichten mit 5.000 Wörtern und mehr – der Job des Journalisten wird nicht aussterben. Der Pulitzer-Preis wird für eine sehr lange Zeit weiterhin an Menschen gehen.

t3n Magazin: Wird es überhaupt eines Tages eine künstliche Intelligenz geben, die die Gehirnleistung eines Menschen übersteigt? Der Google-Futurist Ray Kurzweil glaubt an die Singularität, also an einen Zeitpunkt in der Zukunft, ab dem Maschinen die menschliche Intelligenz übertreffen und sich selbstständig weiterentwickeln …

Toby Walsh: Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir eines Tages Maschinen bauen werden, die so smart sind wie wir Menschen. Und wenn das möglich sein wird, gibt es auch keinen Grund, dass wir nicht auch Maschinen bauen werden, die sogar intelligenter sind als Menschen. Aber worin ich und viele meiner Kollegen mit Ray Kurzweil nicht übereinstimmen, ist seine These von der Singularität – also dass es einen spezifischen Zeitpunkt in der Zukunft geben wird, an dem die Maschinen anfangen werden, sich zu verbessern und selbst Maschinen zu bauen, die sich wiederum selbst verbessern – also so eine Art Schneeball-Effekt auslösen. Und dass dieser Zeitpunkt dann die von Kurzweil beschriebene Singularität ist, bei der sich die Intelligenz in gewisser Weise verselbstständigt. Es ist ja nicht so, dass wir eines Tages aufwachen und plötzlich die intelligenten Maschinen vor unserer Tür stehen. Es wird ein sehr langsamer, harter Prozess werden. Und die Milliarden US-Dollar, die aktuell in die KI-Entwicklung fließen, werden uns definitiv darin unterstützen, Maschinen mit menschenähnlicher Intelligenz zu bauen – aber es wird eben sehr viel Zeit und Arbeit in Anspruch nehmen.

t3n Magazin: Wenn Maschinen intelligenter sind als Menschen, wozu braucht es uns dann eigentlich noch?

Toby Walsh: Wenn wir Maschinen erschaffen, die intelligenter sind als wir, dann wird das in der Tat ein bedeutender Moment für uns Menschen sein – weil wir bisher eben die intelligenteste Spezies auf der Erde sind. Wir sind nicht die schnellste, nicht die stärkste, aber eben die intelligenteste Spezies – weshalb wir auch unsere Umwelt dominieren. Sollte das irgendwann einmal nicht mehr der Fall sein, dann wird das sicher ein interessanter Zeitpunkt in unserer Geschichte und Evolution, der zu einem tieferen Nachdenken über unsere Existenz führen wird und uns hoffentlich auch Demut lehrt. Und es wird auch unsere Gesellschaft radikal verändern, wenn Maschinen bessere Entscheidungen treffen als wir. Ich hoffe, dass wir diese Entwicklung positiv gestalten werden.

t3n Magazin: Aber der Mensch ist doch mehr als sein Gehirn, er hat auch einen Körper und ist beispielsweise schlecht gelaunt, weil es seit Wochen regnet oder euphorisch, weil die Sonne scheint und er die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut spürt. Werden Maschinen jemals so etwas wie ein Bewusstsein oder Gefühle erlangen?

Toby Walsh: Das sind in der Tat tiefgründige Fragen, die wir nicht beantworten können. Wir wissen bis heute nicht, was Bewusstsein oder Empfindungen eigentlich genau sind. Das menschliche Gehirn ist ein hoch faszinierendes „Ding“, es ist das komplexeste System, das wir in unserem Universum kennen. Nichts kann es bisher mit den Milliarden von Neuronen, den Billionen von Verbindungen und Synapsen im menschlichen Gehirn aufnehmen. Und es braucht lediglich 20 Watt an Leistung für den Betrieb, was die atemberaubendste Ingenieurskunst der Evolution ist. Es waren Millionen von Jahren nötig, um sie zu erreichen. Es kann deshalb durchaus sein, dass wir intelligente Maschinen erschaffen, die niemals Bewusstsein oder Empfindungen haben werden. Oder aus der Komplexität der Systeme erwacht eine Art Bewusstsein. Das sind die großen und noch unbeantworteten Fragen der Wissenschaft.

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