Digitale Wirtschaft

Mit dem Schwarm ins Verderben? Gunter Dueck über die Herausforderungen zeitgemäßer Mitarbeiterführung

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t3n Magazin: Aber wie findet man eine Balance zwischen Planbarkeit und kreativem Ausprobieren im digitalen Neuland?

Gunter Dueck: Gar nicht. Es gibt zwei irgendwie ewig gegenüberstehende unumstößliche „Wahrheiten“. Die eine ist: „Das Verschiedenartige und Diverse bringt Fruchtbarkeit, Kreativität und Innovation.“ Und dann wird dagegengehalten: „Es ist immer besser, alles einheitlich zu haben.“ Und da sind sie wieder, die Pole des Zwanghaften und des Hysterischen, des Geregelten und des Kreativen.

Gunter Dueck: Das sind keine Kommunikationsgräben, sondern Weltauffassungsunterschiede. Sie sind überall: Manche Schulen möchten die individuellen Begabungen fördern, dann aber wollen alle ein am besten global einheitliches Abitur. Jeder soll einzigartig sein, aber chancengleich. Diese Fronten sind derzeit verhärtet, weil das digitale Zeitalter an der Macht der „Regelungswütigen“ (so schimpft die Gegenseite) rüttelt.

t3n Magazin: Können Sie veranschaulichen, wie dieser Dualismus die Mitarbeiterführung beeinflusst?

Gunter Dueck: Das ist wie beim Kochen: Man kann alles streng nach Rezept herstellen und muss das Ergebnis akzeptieren und aufessen – oder man kocht so, dass ein wundervolles Ergebnis erzielt wird, wobei man zwischendurch mittels flexibler Zugabe von Zutaten und durch Einbeziehung des künftigen Essers dafür sorgt, dass es diesem am Ende auch mundet.

Gunter Dueck: Beim Kochen nach Rezept muss zur Disziplin erzogen werden – genau wiegen, gute Zutaten, genaue Garzeiten. Wer aber ein Festmahl für Freunde bereiten will, kümmert sich mehr um ein Ergebnis für die Freunde als um das Rezept. Entsprechend ändert sich die Mitarbeiterführung: Der Mitarbeiter muss flexibel kochen können, einen guten Geschmack haben und Einfühlungsvermögen in den Geschmack anderer entwickeln. Dazu muss man den Mitarbeiter entwickeln, und zwar zur Kochkunst – über das prozessfixierte Hamburgerbraten hinaus.

Gunter Dueck: Nehmen wir die Entwicklung nach dem klassischen Wasserfallmodell: Hier steckt die Hauptintelligenz im Plan, nicht in den Ausführenden. Agilität verlangt dagegen mehr Meisterschaft bei allen Projektmitarbeitern. Das wird oft nicht gesehen. Man verlangt von Hamburgerbratern dann Kochkunst – und man nennt diesen Befehl „Umstellung auf agil“. Das funktioniert nicht. Wenn man die Haupthirnarbeit des Masterplans oder Pflichtenhefts auf die Mitarbeiter übertragen und so dezentralisieren will, müssen die eben viel besser sein als solche, die nur diszipliniert Teiljobs abhaken.

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t3n Magazin: Ihr nächstes Buch handelt von der Schwarmdummheit. Wie genau entsteht sie – und welche Konsequenzen hat sie für die Mitarbeiterführung?

Gunter Dueck: Ich schließe gleich an die vorige Frage an: Agilität zielt auf das Erzeugen von Schwarmintelligenz. Im normalen Leben aber sitzen die Leute in Planungsmeetings und öden sich an. Unproduktive Meetings kosten Nerven, graue Haare und abgebissene Fingernägel. Viele Menschen fragen sich nach der Arbeit: „Wieso macht meine Firma überhaupt Gewinn?“

Gunter Dueck: Ich habe über die Ursachen dieser Verzweiflung und über unsere „gefühlte“ Schwarmdummheit nachgedacht. Wie entsteht sie? In etwa so: Man verlangt zu viel von den Mitarbeitern („doppelt so schnell wachsen wie der Markt“), setzt sie unter Druck und kontrolliert sie unentwegt. Wenn man wirklich erfolgreich sein will, überlegt man sich Innovationen und neue Geschäftsmodelle. Wenn man aber nur gehetzt und kontrolliert wird, ist man im Stress und versucht, das ganze Problem mit Beschleunigung und Überstunden zu lösen.

Gunter Dueck: Ein paar Prozent holt man damit heraus, aber der Manager verlangt dann immer mehr und nochmals mehr. Nun arbeitet man unter Höchstlast und verfehlt ab jetzt alle noch höheren Ziele. In diesem Moment setzt so etwas wie kollektiver Irrsinn ein. Man vergisst Innovationen und vor allem den Kunden. Man sagt, das Tagesgeschäft fresse einen auf. Man beginnt bei der Qualität zu schummeln, woraus zusätzliche Kontrollen folgen – noch mehr Arbeitslast!

Gunter Dueck: Dann übervorteilen sie alle die anderen Abteilungen, buchen Umsätze kreativ und schummeln beim Messen der Arbeitsleistungen. Das erzwingt Abstimmungsmeetings ohne Zahl. Noch mehr Arbeit. Und am Ende wursteln sich alle nur noch durch ein selbsterzeugtes Chaos. Schließlich sagen die verblendeten Schwarmdummen: „Die Komplexität der Arbeit nimmt zu.“

Laut Gunter Dueck grassiert Schwarmdummheit in vielen Unternehmen. Schuld sei unter anderem der enorme Druck, den Führungskräfte heute erfahren. Quartalsergebnisse dürften eben nicht die alleinigen Gradmesser sein. (Foto: fotolia)

Laut Gunter Dueck grassiert Schwarmdummheit in vielen Unternehmen. Schuld sei unter anderem der enorme Druck, den Führungskräfte heute erfahren. Quartalsergebnisse dürften eben nicht die alleinigen Gradmesser sein. (Foto: fotolia)

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