Reportage

Köttbullar aus dem 3D-Drucker! Wie Ikea zum Tech-Konzern aufsteigen will

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Mit Blick auf den bisherigen Erfolg der Firmenphilosophie kann man dafür sogar Verständnis aufbringen. Die Margen in den Filialen sind attraktiver, der Vertriebsaufwand hält sich in Grenzen und nicht zuletzt lässt sich vor Ort durch Gastronomie und Kinderbetreuung eine höhere Bindung zur Marke herstellen. Auf diese Weise konnte Ikea das Internet lange und ohne schlechtes Gewissen meiden. Aber unbestreitbar ist auch: Immer mehr Menschen bestellen ihre Einrichtungsgegenstände online. Um 34 Prozent wuchs laut dem Bundesverband E-Commerce und Versandhandel das Internetgeschäft mit Möbeln, Lampen und Dekoartikeln im zweiten Quartal 2017. Da helfen auch die günstigen Hotdogs für den Nachhauseweg nicht mehr.

Der Konzern will das nun erkannt haben. „Es stimmt, dass wir spät angefangen haben, unser enormes E-Commerce-­Potenzial auszuschöpfen“, sagt Christian Möhring, Web- und ­Digitalmanager bei Ikea Deutschland. Grund dafür sei „die ­Historie als klassischer Retailer mit einem sehr klaren Fokus auf die Einrichtungshäuser“. Inzwischen verstehe sich der Konzern aber als „Multichannel-Händler“ mit dem nötigen Blick für das ­digitale Geschäft. So testet der Möbelriese nicht nur in Groß­britannien seit längerem eine neugestaltete Version seines ­Onlineshops. „In unserer Strategie ist auch klar festgehalten, dass wir mit neuen digitalen Möglichkeiten experimentieren und diese für das Unternehmen nutzbar machen wollen“, sagt Möhring.

Das virtuelle Möbelhaus

In Zukunft könnten sich Ikea-Kunden ihr Zuhause etwa mit der VR-Brille einrichten. Erste Pilotprojekte hat der Konzern dort gestartet, wo er sich wohl fühlt: in seiner Filiale in Berlin-Lichtenberg. An drei Stationen können Besucher mithilfe der Technologie ein virtuelles Wohnzimmer betreten, das nach den eigenen Vorstellungen umgestaltet werden kann. Wandfarben, Sofabezüge und Lichtstimmung können geändert sowie Regale und andere Möbelstücke aus dem Sortiment konfiguriert werden. Ein spe­zieller 3D-Sound soll das immersive Erlebnis verstärken.

Zur Zukunft des Einrichtens gehören für Ikea nicht nur per App steuerbare Lampen, sondern auch der virtuelle Möbelkauf, den Kunden der Filiale Berlin-Lichtenberg heute schon testen können. (Foto: Ikea) 

Gerrit Heinemann hält das Experiment für einen logischen Schritt. „In ein Möbelgeschäft werden die Menschen immer weniger gehen“, sagt der Leiter des E-Web Research-Center von der Hochschule Niederrhein. Heinemann rechnet in den kommenden zehn Jahren mit einer Verdopplung des innerdeutschen Onlineanteils im Möbelhandel von 15 auf 30 Prozent. Für Ikea prognostiziert er ein Wachstum des Onlineanteils am Gesamtumsatz auf mindestens 25 Prozent. Das werde auch mit einem spürbaren Rückgang bei der Anzahl der Möbelhäuser einhergehen. „Wenn auch nicht im gleichen Ausmaß. Aber schon heute sind die Möbelhäuser ja weitgehend nur noch Showrooms“, sagt der E-Commerce-Experte. Die Filialen würden kleiner, das Sortiment überschaubarer. Statt Kauforgien stünden künftig die persönliche Beratung und das Markenerlebnis im Vordergrund.

Auch wenn das Projekt mit den VR-Brillen in Berlin-­Lichtenberg noch in einer Testphase steckt, stellt Digitalmanager Möhring weitere Stationen in anderen Niederlassungen in ­Aussicht. Auf lange Sicht will Ikea die Technologie in die hei­mischen vier Wände der Kunden bringen. Der Konzern gehört bereits zu den ersten Partnern von ARKit, der Augmented-­Reality-Technik von Apple. „Die Technologie erleichtert es, zu Hause eine Kaufentscheidung zu treffen, sich inspirieren zu lassen und viele unterschiedliche Produkte, Stile und Farben unter fast realen ­Bedingungen auszutesten“, sagt Möhring. Denkbar ist, dass Kunden ihr ­individuelles Raumkonzept künftig einfach per Smartphone an Ikea übermitteln, online bezahlen und die passenden Möbel anschließend gratis nach Hause geliefert bekommen. Zumal dies auch den ungeliebten Onlineshop der Schweden überflüssig machen würde.

Langsam, aber sicher zur Tech-Firma

Bei aller berechtigten Kritik an der digitalisierungsfeindlichen Firmenphilosophie: Im Hintergrund zeichnet sich in den Chef­etagen von Ikea tatsächlich ein Umdenken ab, das weit über die angekündigte E-Commerce-Offensive hinausgeht. Und das schon länger. Geplant ist demnach nicht weniger als der größte Umbau seit 30 Jahren. So wurden auf Geheiß der Gründersöhne etliche Zuständigkeiten vom Ikea-Konzern – von der Logistik bis zum Einkauf – in eine eigenständige und wendigere Tochtergesellschaft, die Inter Ikea Group, umgeschichtet. Der Onlinehandel soll gestärkt, das Sortiment breiter aufgestellt werden.

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Ein Kommentar
3ddruckfan
3ddruckfan

Intersessant und nachvollziehbra, dass Ikea die Kundem eher vor Ort haben will. Allerdings ist ein Umdenken der Strategie online meiner Meinung nach nötig, auch wenn dies dem eigentlichen Business Plan vielleicht wiederspricht.
Mit freundlichen Grüßen
Joel von 3D Drucker kaufen.info

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