Reportage

Köttbullar aus dem 3D-Drucker! Wie Ikea zum Tech-Konzern aufsteigen will

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Die Schweden sind bemüht, nicht als bloßer ­Ideenstaubsauger missverstanden zu werden. „Zuallererst geht es uns darum, dass die Gründer an den großen Herausforderungen der Zukunft arbeiten und mit uns die Vision teilen, einen besseren Alltag für die vielen Menschen zu schaffen“, lässt sich Alex Farcet, Mitbegründer des Bootcamps, zitieren. Ein Schwerpunkt liege deshalb auch auf Technologien, die auf den ersten Blick nur entfernt ­etwas mit dem Kerngeschäft von Ikea zu tun haben. ­Essensinnovationen zum Beispiel oder die Entwicklung neuer Mobilitätslösungen. Zum weiteren Teilnehmerfeld im Inkubator gehört deshalb das Hamburger Startup Nüwiel, das einen elektrischen Fahrrad­anhänger entworfen hat. Er nutzt die gewonnene Bremsenergie zum Aufladen der Batterie. Warum sich Ikea für Nüwiel interessiert? Der Anhänger könnte den Transport von ­Möbeln in Großstädten künftig einfacher und umweltfreund­licher machen.

Forschen am Fleischbällchen

Wie die konzerneigenen Visionen dagegen aussehen, versucht Ikea in Kopenhagen zu ergründen. In einem ehemaligen Fischerei­gebäude im Szeneviertel Vesterbro unterhalten die Schweden seit 2015 das Space10 Research Lab. An die Vergangenheit erinnern nur noch die mit Rostflecken übersäten Fliesenwände. ­Ansonsten bestimmen ausladende Couchgarnituren und moderne Apple-Rechner das Bild. In dem Bau beschäftigen sich freischaffende Designer, Ingenieure und Entwickler mit der Frage, wie die Wohnformen der Zukunft aussehen und welche Auswirkungen etwa der Klimawandel, die Urbanisierung oder der schnelle technologische Fortschritt darauf haben. Die ­Arbeitsphasen der Teams sind kurzlebig: Alle drei Monate steht ein neues Projekt auf der Agenda. Scheitern ist ausdrücklich erlaubt.

Innovationslabor Space10: In einem ehemaligen Fischereigebäude in Kopenhagen lässt Ikea die Auswirkungen von Klimawandel und technologischem Fortschritt auf das Raumdesign erforschen. (Foto: Space10)

Von einem lediglich auf cool getrimmten Innovationslabor will Ikea auf Nachfrage nicht sprechen. „Klassische Forschungsabteilungen arbeiten im Geheimen, wir geben uns offen“, sagt ­Simon Caspersen, der bei Space10 die Pressearbeit verantwortet. Er ist überzeugt, dass sich die globalen Herausforderungen nur kollaborativ bewältigen lassen. Apple habe die meisten Apps ja schließlich auch nicht im Alleingang entwickelt. Hinter dem ­Space10 steht laut Caspersen auch kein wirtschaftliches Interesse: „Wir teilen alle unsere Erkenntnisse mit der Öffentlichkeit und stellen viele Projekte unter Open-Source-Lizenz.“

Dazu gehören Projekte wie etwa eine weltweite Umfrage zur Ermittlung der Kundenerwartungen an eine künstliche Intelligenz in Möbelstücken. Soll sie männlich oder weiblich sein? Darf sie eine Religion haben? Den Kunden vor Fehlern beim Aufbau warnen? Das Innovationslabor bringt auch Handfestes hervor – wie den Growroom: Dahinter verbirgt sich ein aus 17 Sperrholzplatten und 500 Schrauben bestehender Selbstversorger-Garten in Kugelform, den man sich auf die Terrasse stellen kann. Die Bauanleitung gibt es unter einer freien Lizenz im Netz zum Download. „Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass der Bedarf an Lebensmitteln in den nächsten 35 Jahren um 70 Prozent steigt. Das erfordert smartere und ­effi­zientere Lösungen“, sagt Caspersen. Angesichts der zu­nehmenden ­Nahrungsmittelknappheit forschen die ­Space10-Mitarbeiter daher auch an Alternativen zu den beliebten schwedischen Frikadellen, den Köttbullar.

In einer Studie kamen die Forscher zu dem Schluss, dass das Fleischbällchen von morgen aus Insekten oder Algen bestehen könnte. Kein Scherz: Caspersen zufolge enthalten Mikroalgen mehr Eiweiß als Fleisch, sind reich an Vitaminen und lassen sich umweltverträglich in der Natur gewinnen. Der Bezug zur ­Digitalisierung erschließt sich erst auf den zweiten Blick: Mit Hilfe von Biofabrikation könnten diese und andere Mahlzeiten irgendwann aus dem 3D-Drucker kommen. Ganz uneigennützig ist die Weltverbesserung im Space10 vor diesem Hintergrund aber nicht: Immerhin hat Ikea allein mit seinen Restaurants im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,7 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Für jeweils drei Monate arbeiten ­Designer, Entwickler und Ingenieure im Space10 an einem Projekt – Scheitern ist ausdrücklich erlaubt. (Foto: Space10)

Der Wunsch nach einer offenen ­Möbelplattform

Auch diese Zahl zeigt eindrucksvoll, wie wichtig das ­Filialgeschäft für den Möbelriesen noch immer ist – und zunächst wohl auch bleiben wird. Zwar hat sich Ikea für der Digitalisierung viel vorgenommen. Wie groß die Fortschritte des Konzerns in den kommenden Jahren sein werden, wird angesichts einer so stark auf den stationären Handel ausgerichteten Firmenphilosophie jedoch auch von der Bereitschaft abhängen, das bisherige Geschäfts­modell möglicherweise komplett zu hinterfragen.

Die zahlreichen Visionen der Schweden teilen jedenfalls nicht alle. E-Commerce-Experte Alexander Graf hält ­Initiativen wie den Startup-Inkubator für eine vorübergehende Modeerscheinung, die virtuelle Filiale gar für einen PR-Gag. Die Maßnahmen seien für den Verbraucher schlichtweg nicht relevant. „Am Ende werden immer die Filialen und der Verkauf von Snacks und Ramsch­artikeln im Mittelpunkt der Geschäftsstrategie stehen.“

Von Ikea erwartet der Kassenzone-Blogger bei der ­Digi­­t­alisierung deshalb auch künftig keine ernstgemeinten Anstrengungen. „Die Innovationen im Online-Möbelbereich werden eher von US-Händlern wie Wayfair kommen, vielleicht auch von Home24“, sagt Graf. Dabei habe Ikea durchaus das Zeug, eine Führungsrolle bei der Digitalisierung des Möbelhandels einzunehmen. Wünschenswert, so der Experte, sei etwa eine offene Einrichtungsplattform, auf der auch andere Möbelhändler ihre Produkte verkaufen könnten. Dass Ikea bei einem derartigen Projekt eine federführende Rolle übernimmt, erscheint zum jetzigen Zeitpunkt zwar weit hergeholt. Aber wer weiß: Vielleicht bringt diese Anregung die Schweden bald auf eine neue, revolutionäre Idee.

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Ein Kommentar
3ddruckfan
3ddruckfan

Intersessant und nachvollziehbra, dass Ikea die Kundem eher vor Ort haben will. Allerdings ist ein Umdenken der Strategie online meiner Meinung nach nötig, auch wenn dies dem eigentlichen Business Plan vielleicht wiederspricht.
Mit freundlichen Grüßen
Joel von 3D Drucker kaufen.info