Porträt

Warum Apple auf das Startup dieses 24-Jährigen abfährt

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Die Investoren sehen vor allem im Zusammenspiel aus nutzer­generierten Daten und den vielschichtigen Algorithmen von Mapify ein Alleinstellungsmerkmal: „Aus meiner Zeit bei Airbnb weiß ich, dass die Planung einer ganzen Reise über eine einzige Onlineplattform ein bisher ungelöstes Problem in der Branche darstellt“, sagt Gunnar Froh über seine Beweggründe. Die kürzlich eingeführte Funktion Mapify Plan steht laut Froh stellvertretend für das große Potenzial der Algorithmen.

Patrick Häde ist sich der großen Konkurrenz in der Branche bewusst. Sicher seien ihm Google oder auch Airbnb bei den technischen Möglichkeiten noch voraus, sagt er. Er betont aber auch: „Viele Anbieter suchen wegen unserer wertvollen Daten auch die Zusammenarbeit.“ Reiseunternehmen hätten schließlich ein ­großes Interesse daran, zu erfahren, wann, wohin und mit wem ein Nutzer die nächste Reise plane. „Daraus ergeben sich völlig neue Umsatzmöglichkeiten, was uns letztlich für andere Wett­bewerber sehr interessant macht“, erklärt Häde.

Erste Gründung schon in der Schule

Auch die Lebensläufe der Mapify-Gründer waren sicher ein wichtiges Kriterium für den Handschlag der Investoren: ­Sebastian Häde, ­Magnus Langanke und David Pflugpeil beispielsweise gründeten in ihrer Heimatstadt Kassel neben der Webagentur Wunderfactory bereits ein Logistik-Startup mit. Der 20-jährige David Pflugpeil wurde wegen seiner Programmierkenntnisse vor zwei Jahren sogar von ­Apple zur Entwicklerkonferenz ­eingeladen.

Auch für Patrick Häde ist Mapify nicht die erste Firmengründung. Mit einem Kommilitonen baute er zuvor das Flugrechtportal ­Compensation2go auf, das Entschädigungen für geprellte ­Passagiere eintrieb. Sein erstes Startup gründete Häde aber bereits während seiner Oberstufenzeit im Gymnasium: Während seine Mitschüler sich für Mädchen interessierten, schrieb der damals 17-Jährige lieber Businesspläne. So auch für den Onlinemarktplatz That’s my Market, den Häde gemeinsam mit einem Mitschüler aus dem Informatik­leistungskurs ins Leben rief.

Mapify produziert auch eigene Videos, um die Reisen von Mapify-Influencern zu dokumentieren. (Foto: © Michael Hübner)

Über das Portal konnten jüngere Jahrgänge günstig Schulbücher kaufen, die Ältere nicht mehr brauchten. Das Geschäft – ­finanziert aus dem Verkauf von Werbeanzeigen – lief über­raschend gut. Schnell wuchs das Projekt mit 7.000 Mitgliedern zur größten Flohmarktgruppe in ganz Hessen heran. Nach nur eineinhalb Jahren musste Häde den Shop jedoch vom Netz nehmen: Wegen der großen Kundennachfrage konnten er und sein Mitschüler den Entwicklungs­aufwand nicht mehr bewältigen.

Gelernt hat Häde in dieser Zeit viel. „Ich habe verstanden, wie eine Unternehmensgründung funktioniert und Onlinemarketing zum Erfolg beitragen kann – auch wenn mich am Anfang viele Mitschüler ausgelacht haben“, sagt er rückblickend.

Dem Berufswunsch des Unternehmers ist Häde folgerichtig treu geblieben. Es folgte die Mitgründung der Webagentur ­Wunderfactory, an der sich auch sein Bruder Sebastian sowie Magnus Langanke und David Pflugpeil beteiligten. Das verdiente Geld aus dem Agentur­geschäft steckten die Jungunternehmer schließlich in Mapify. „Insgesamt 40.000 Euro“, sagt Häde. Um seine inzwischen vierte Startup-Gründung auf sichere Beine zu stellen, ging der Jungunternehmer im vergangenen Jahr sogar an das Massachusetts ­Institute of ­Technology (MIT) in den USA. Dort besuchte er Informatik­vorlesungen und brachte Mapify in das Finanzierungsprogramm der renommierten Universität. Aus dem Topf des MIT erhielt das damals noch in den Kinderschuhen steckende Startup 5.000 Euro ­sowie erste Serverkapazitäten.

„Tut Dinge, die nicht skalieren“

Nicht gerade ein üppiges Starterpaket, um die Idee von einem welt­umspannenden Reisenetzwerk auf Anhieb bekannt zu ­machen. Zumal Mapify aus Kostengründen bis heute weder in Onlineanzeigen noch in Suchmaschinenoptimierung investiert hat, wie Häde klarstellt. Das Wachstum entstehe ausschließlich organisch. Zu verdanken hat das Startup dies auch einer ungewöhnlichen Taktik: der Zusammenarbeit mit Influencern.

Durch einen Zufall entdeckte Häde während seines Auslandssemesters in San Francisco den Youtube-Kanal des professio­nellen Naturfilmers Tobias Schnorpfeil. Der 27-jährige Deutsche hatte sich dort und bei Instagram mit insgesamt 50.000 ­Followern bereits eine beachtliche Reichweite aufgebaut. Als Vielreisender stieß er jedoch selbst schnell an die Grenzen des sozialen Netzwerks. Als Häde ihm per Skype von seiner Idee erzählte, war Schnorpfeil sofort angefixt. So sehr, dass er sich nicht nur bei Mapify anmeldete, sondern auch als Teilhaber in die neu gegründete Firma einstieg. Im Gegenzug übernahm Schnorpfeil die Verantwortung für die Contentstrategie auf der Plattform und tritt bis heute als Markenbotschafter für das junge Startup auf.

Mit beachtlicher Wirkung: Die Zahl der auf Mapify aktiven Influencer hat sich seitdem vervielfacht. 180 Reise-Influencer mit mehreren Tausend Followern teilen heute regelmäßig ihre Erlebnisse auf der Plattform. Für das junge Startup eine Win-win-­Situation: Zum einen werden wichtige Nutzer von Konkurrenzplattformen wie Instagram abgeworben, zum anderen kommen ständig neue Daten hinzu, die von den Algorithmen wiederum genutzt werden können, um noch bessere Reiseempfehlungen für Nutzer zu generieren.

Trotzdem ist diese Strategie allein noch kein Patentrezept für den Erfolg einer Technologiefirma. Schließlich bringt das größte Nutzerwachstum wenig, wenn ein Großteil von ihnen der Plattform schon nach wenigen Tagen wieder den Rücken kehrt. Das Team hinter ­Mapify arbeitet daher nicht nur zahlengetrieben.

Um Nutzer bei der Stange zu halten, hat es sich vielmehr einer für Startup-Verhältnisse untypischen Philosophie verschrieben: „Tut ­Dinge, die nicht skalieren“, sagt Häde. Den denkwürdigen Satz hat sich der Unternehmer zugegebenermaßen nicht selbst ausgedacht. Er stammt von Paul Graham, einem der Mitgründer von ­Y-Combinator, jener Startup-Schmiede aus dem ­Silicon ­Valley, die bereits Airbnb und Dropbox groß gemacht hat. In einem Blogpost hat Graham Gründern geraten, nicht nur an die Nutzerakquise zu denken. Es gehe auch darum, neue Kunden glücklich zu machen: „Ihre ersten Benutzer sollten das Gefühl haben, dass die Anmeldung bei Ihnen eine der besten Entscheidungen war, die sie je getroffen haben“, schreibt Graham. Der Investor verweist auf ein amerikanisches Startup für Online-Umfragen, das jedem Neukunden eine handgeschriebene Dankeskarte zuschickte. Ein wichtiger Tipp, den auch Mapify beherzigt hat.

So erhalten Nutzer nach der Registrierung nicht nur eine persönlich von Geschäftsführer Patrick Häde unterzeichnete E-Mail. Wer besonders viele Reisemomente in der App teilt, bekommt außerdem T-Shirts, Sticker, Jutebeutel oder Trinkflaschen mit dem Firmensignet von Mapify nach Hause geschickt.

Nette Gesten, die das Startup viel Zeit und Geld kosten. Trotzdem zahlt sich die Investition in den Augen von Häde aus: „Die Nutzer sind loyaler und viel eher bereit, uns wertvolles Feedback zu geben, das wir in der Weiterentwicklung der Plattform ­berücksichtigen können“, sagt der Unternehmer.

So verwundert es nicht, dass Mapify für die Zukunft längst eine lange Liste an neuen Ideen in der Schublade hat. „Viele Nutzer wünschen zum Beispiel noch eine To-do-Liste und eine Suchfunktion für passende Mitreisende“, sagt Häde. Vorstellbar sei ­darüber hinausgehend ein kostenpflichtiges Abonnement, das Nutzern weitere Vorteile bei der Verwirklichung ihrer Traum­reise ­verschafft. „Wir denken da konkret an Rabatte für eine Outdoorausrüstung oder ­Zutritt für die Lounge am Flughafen.“ Auf lange Sicht will er ­sogar einen professionellen ­Beratungsservice nicht ausschließen. Viele junge Leute hätten oft gar keine Zeit, eine Rundreise bis zum Ende durchzuplanen. Auf Basis der persönlichen Wünsche – und über die Algorithmen ­hinaus – könnten Experten gegen Aufpreis dann individuelle Reisen für Nutzer erstellen, sagt Häde. Spätestens dann werde Mapify auch für die klassischen Reisebüros eine ernst zu nehmende Bedrohung.

Bis es so weit ist, benötigt Mapify jedoch erst einmal frisches Geld. Geplant haben die Gründer eine Kapitalspritze von rund 1,5 Millionen Euro. Bereits seit einigen Monaten reist Häde dafür regelmäßig zurück nach Kalifornien, um vor Ort mit Investoren zu sprechen. Einen Abschluss der Finanzierungsrunde erwartet er noch in diesem Sommer. Mit dem Geld will Häde dann auch das Personal weiter ausbauen. Bis zum kommenden Jahr, sagt er, ­werde sich das Team auf rund 20 Mitarbeiter vergrößern. Auch eine Expansion in die USA sei dann denkbar.

Weiterhin kein Geld will der Jungunternehmer aus Kassel dagegen in Werbung stecken. Auch, weil Mapify nach wie vor kräftige Anschubhilfe aus Cupertino bekommt. Apple bewirbt das ­Reisenetzwerk wie neulich an Weihnachten inzwischen regelmäßig im App-Store. Die damit verbundenen Besuchermassen bringen das iPhone von ­Patrick Häde aber nicht mehr zum Glühen. Seine ­Serverkapazitäten hat das Startup längst aufgestockt.

Dieser Text erschien zuerst im t3n Magazin Nr. 53 im August 2018.

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