Interview

Künstliche Intelligenz: „Gehirne in die Cloud laden? Absurd!“

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t3n Magazin: Ray Kurzweil ist von dem Wunsch nach Lebensverlängerung getrieben. Eine Tendenz, die auch bei anderen Personen im Silicon Valley zu beobachten ist. Ein Szenario betrifft auch die KI: die Vorstellung, dass der Mensch irgendwann sein Gehirn in die Cloud hochladen kann. Halten Sie den Upload unseres Geistes für möglich?

Überhaupt nicht. Das ist eine Fantasie von Ray Kurzweil. Was wir sind, lässt sich nicht auf Programme im Hirn reduzieren. Wir sind auch Körper. Und darauf basiert vieles von dem, was wir erleben. Manchmal ist man fröhlich, weil einem die Sonne auf die Haut scheint und so die Ausschüttung von Hormonen bewirkt. Manchmal ist man depressiv, weil es zu lange dunkel war. Auch empfinden wir Hingabe und Zuneigung zu anderen Menschen. All das sind Abläufe, die im ganzen Körper stattfinden. Wir sind unsere Gedanken plus unsere Zellen und Organe. Wir können unsere Gedanken und Empfindungen nicht einfach vom Körper, von Herz, Magen und Nieren trennen, auf einen Computer laden, und dann auch noch glauben, wir wären derselbe Mensch wie zuvor. Das ist Stoff für eine gute Science-Fiction-Geschichte, aber mehr auch nicht.

Tesla-Grüner elon Musk will das Gehirm am liebsten mit einem Breitbandanschluss vernetzen. Der Wissenschaftler Raul Rojas glaubt nicht daran: Wir wüssten ja heute nicht mal, wie das Gehirn kodiert ist. (Foto: © Jamie-James Medina)

t3n Magazin: Und was ist mit der Hoffnung auf den Daten-Download ins Gehirn? Elon Musk sieht hierin die wichtigste Herausforderung für die KI – quasi den Breitbandanschluss des Hirns an die Cloud, um beim Denken direkten Zugang auf Wikipedia zu haben.

Das ist absurd. Von Computern, wie wir sie heute kennen, werden wir keine direkte Schnittstelle zum Hirn bauen können. Schon aus technischer Sicht geht das nicht, weil wir nicht wissen, wie das Gehirn kodiert ist. Selbst wenn wir die Kodierung irgendwann verstehen, kann man da nicht einfach per Funk oder Kabel Daten reinleiten. Das soll nicht heißen, dass es nicht bestimmte Arten von Prothesen geben kann.

Für Parkinsonpatienten gibt es beispielsweise schon spezielle Sensoren, die man wie einen Schrittmacher im Gehirn einpflanzen kann. Aber in die Datenverarbeitung des ganzen Gehirns einzugreifen, egal ob nun in Richtung Upload oder Download, das ist nicht machbar und das wird meiner Einschätzung nach dieses Jahrhundert auch nicht mehr passieren.

t3n Magazin: Welche Aufgabe der KI ist denn wichtiger als das ewige Leben?

In der KI-Forschung geht es nicht darum, menschliches Leben zu erzeugen oder zu verlängern, sondern darum, menschliche Fähigkeiten auf Maschinen zu übertragen, beispielsweise für die Arbeit in der Fabrik oder zur Steuerung autonomer Fahrzeuge. Schon dabei müssen wir uns fragen, wie weit wir gehen wollen.

Durch die Robotik kommt auf uns das Problem zu, dass wir zu viele Arbeitsplätze ersetzen, aber dass Roboter bekanntlich keine Produkte kaufen. Diese sozialen Auswirkungen der KI sind wichtiger als die Schnittstelle zum Gehirn. Und was die Sehnsucht nach dem ewigen Leben angeht: Im Roman „Nachtzug nach Lissabon“ denkt der Protagonist über Unsterblichkeit als die große Langeweile nach. Man bräuchte überhaupt nicht mehr zu handeln, weil sich alles auch auf später verschieben ließe. Wir würden in eine starre Existenz verfallen. Man sollte sich also ganz grundsätzlich fragen, ob das ewige Leben ein anstrebenswertes Ziel ist.

t3n Magazin: In Japan gibt es heute Menschen, die ihre Aibo-Roboter zeremoniell bestatten. Die Besitzer glauben, dass die Maschinen durch das ihnen einprogrammierte Lernverhalten eine eigene Persönlichkeit entwickelt haben. Wenn wir schon keine menschliche Form der KI schaffen können: Können aus der KI eines Tages für ihre Einzigartigkeit schützenswerte, künstliche Lebensformen entspringen?

Nein, das glaube ich nicht. Die Japaner haben eine große Begeisterung für Spielzeuge. Man kann sich auch mit einer Puppe identifizieren und diese irgendwann begraben. Aber zu glauben, dass Spielzeuge eine emotionale Verbindung mit Menschen eingehen oder gar eine neue Spezies werden könnten, ist wirklich verfrüht. Außerdem kann man bei einem Roboter wie bei einem Lego-Spielzeug alle Teile ersetzen und auch die Programmierung jeden Tag umformen. Weshalb sollte man so etwas schützen? Es wird noch viele solcher Spielzeuge geben, und sie werden für uns auch verschiedene Aufgaben erledigen. Zwischen dem Lebendigen und dem Unbelebten wird aber immer ein Abstand bleiben. Wir verlieben uns ja auch nicht in unsere Waschmaschine.

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Ein Kommentar
Steffen Hannemann
Steffen Hannemann

Geht es in der KI-Forschung nicht darum Grenzen zu überwinden. ;)
Grenzen des Lebens, Grenzen der Wissensaufnahme, wenn wir eine Superintelligenz erschaffen die über alles Wissen der Menschheit verfügt und dies eigenständig weiterentwickelt, werden wir auch durch die SuperKI bald die Möglichkeit haben unsere Wissensaufnahme zu steigern, hundert mal so viel, oder Millionen mal so viel wie heute.

Die Skepsis klingt doch sehr bekannt: Als Jules Verne seine Zukunft-Visionen beschrieben hat, war er für die Zeitgenossen ein Spinner und heute… :)

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