Interview

Millionär – doch nicht glücklich: Wie dieser Gründer seine Sinnkrise bewältigt

Buffer-Gründer Leo Widrich: „Jetzt muss ich keine Geldsorgen mehr haben“ (Foto: Helena Manhartsberger)
Lesezeit: 9 Min.
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Leo Widrich kommt aus der österreichischen Provinz und baute im Silicon Valley eine Millionenfirma auf: das Social-Startup Buffer. Nach einem Exit hat er ausgesorgt, glücklich machte ihn das nicht.

Es ist der Traum einer ganzen Generation an Gründern: Durch das Internet zum Millionär werden. Für Leo Widrich hat er sich erfüllt. Der Österreicher ist Mitgründer von Buffer und hat aus dem Nichts etwas aufgebaut, das ihn schon früh im Leben in den Vorruhestand schicken könnte. Renommierte Firmen wie Spotify, ­Happy Socks oder Stripe nutzen das Social-Media-Monitoring-Tool, um ihre Postings abzusetzen und zu analysieren. Forbes schätzte den Wert der Anteile von Leo Widrich zuletzt auf mehr als zwölf Millionen Euro.

Doch was macht das mit einem, wenn Geld keine Rolle mehr spielt? Während die einen sich zurücklehnen und das Leben genießen, wird es für Getriebene wie Widrich zum existenziellen Problem. Wir haben mit dem Unternehmer im ersten Teil des Interviews über seinen unbändigen Wunsch nach Erfolg, das spannungsgeladene Verhältnis zu seinem Buffer-Mitgründer und die Sinnkrise nach seinem Exit gesprochen. Im zweiten Teil über seinen Heilungsweg und den Stellenwert von Reichtum fürs Glücklichsein.

Buffer-Gründer Leo Widrich: „Ich dachte, wenn ich erfolgreich bin, bin ich auch superglücklich“

Leo Widrich kommt aus Melk in Österreich und hat im Silicon Valley eine Millionenfirma aufgebaut. (Foto: Helena Manhartsberger)

t3n: Leo, du hast einen millionenschweren Exit mit Buffer hingelegt und jetzt quasi ausgesorgt. Bist du dadurch ein zufriedenerer Mensch geworden?

Leo Widrich: Das war zumindest immer meine große Hoffnung. Als wir 2012 mit Buffer anfingen, langsam erfolgreich zu werden, lebte ich noch in Hongkong. Wir machten damals so 200.000 bis 300.000 US-Dollar im Jahr. Ich hatte ein fancy Apartment in einem Hochhaus mit Boden-­zur-Decke-Fensterfront und einen Blick über den Hafen. Ich war erst 21 Jahre alt und dachte: Wow, schau mich an, jetzt hab ich’s geschafft. Jetzt muss ich keine Geldsorgen mehr haben und kann mir diese krasse Wohnung leisten. Genau an dem Punkt hatte ich jedoch auch zum ersten Mal einen richtigen Durchhänger. Ich war enttäuscht, weil ich dachte, wenn ich erfolgreich bin, bin ich auch superglücklich. Aber dem war nicht so.

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t3n: Was war passiert?

Ich saß da, hatte diese Einsicht – und meine Welt ist ein bisschen zusammengebrochen. Ich habe mein Handy genommen und ­gegoogelt, „Wer ist der glücklichste Mensch der Welt?“ – und dachte, eigentlich müsste ich es sein, wenn ich doch all das erreicht habe. Ich komme aus einem Elternhaus, in dem Geld immer knapp war. Das war ein Problem, das zu vielen weiteren Problemen führte: einem gewalttätigen Vater, einer überforderten ­Mutter, ich, der sich nicht geliebt gefühlt hat. Ich dachte: Wenn ich Geld habe, löst das alle Probleme. Dann sind wir alle glücklich.

t3n: Aber das hat es nicht?

Nein, aber ich habe das trotzdem nicht gleich erkannt. Ich habe dann noch härter geackert und nahm an, dass es vielleicht einfach nur noch mehr Geld braucht.

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t3n: War es dieser erbitterte Antrieb, der euch wenig ­später bis ins ­Silicon Valley und Buffer zum Erfolg geführt hat?

Ich glaube, das war eine wichtige Komponente, ja. Mein Mitgründer Joel hatte da ganz andere Intentionen. Ich weiß nicht, ob er da jetzt zustimmen würde, aber mein Eindruck war: Er als talentierter Programmierer hatte schon vor unserer Gründung gut verdient. Ob ­Buffer jetzt erfolgreich wird oder nicht, im Zweifel wäre er wieder Free­lancer geworden und hätte gutes Geld gemacht. Ich hingegen habe die Uni abgebrochen und hatte keine echten Skills. Für mich war es die große Chance, aus meiner alten Welt auszubrechen. Intern nannte man mich die „Maschine“. Ich war der, der alles nach vorne trägt. Joel war da schon längst zufrieden und wollte – anders als ich –, dass die Firma einfach weiter vor sich hinplätschert.

t3n: Das sind zwei völlig unterschiedliche Ideale. Wie konntet ihr so neben­einander arbeiten?

Zu Beginn hat ihm mein Ehrgeiz noch gut gefallen, bis zu dem Punkt, an dem ich gemerkt habe, er wird für die weiteren Wachstumsschritte zum Problem. Als wir Buffer auf die 15-Millionen-Umsatzmarke brachten, war ich parallel in Gesprächen mit großen Silicon-Valley-Playern, die schon dort angekommen ­waren, wo ich unbedingt hinwollte: zur Milliardenfirma. Sie sagten: „Wenn du bei 10 bis 15 Millionen Umsatz bist, vergiss, wie du auf 20 kommst. Du musst jetzt nur noch daran denken, wie du auf 100 kommst. Dann kommt der IPO, und du kriegst dein Milliardenunternehmen!“ Joel konnte bis zur 15-Millionen-Marke gut mitgehen, doch dann – das war so 2016 – sagte er mir, dass er nicht mehr wolle. Da kam es zum Konflikt.

t3n: Warum hast du dann Buffer verlassen und nicht er?

Anfangs sah das noch anders aus. Ich habe ihn während eines Leadership-Offsides zur Seite genommen und gesagt, dass ich das Gefühl habe, Buffer mache ihm keine Freude. Die Firma hatte sich allmählich in zwei Camps aufgeteilt: die High-Performer, die ich reingebracht habe, und die Gemütlichen, die eher so Joels Arbeitsrhythmus hatten. Ich sagte zu ihm, dass er nicht high-­performing ist, und ich nicht möchte, dass er noch mehr Verantwortung trägt. Das klingt jetzt sehr abwertend, aber so war nun mal mein Mindset. Ich gab ihm zu verstehen, dass ich ihn nicht raushauen will, er aber uns, die wir Freude an dem Unternehmerischen haben, lieber machen lassen soll.

t3n: Und daraufhin zog er sich zurück?

Das war sicher nicht leicht für ihn. Ich übernahm alles und ­arbeitete mich noch mehr kaputt. Am Ende des Jahres kam Joel dann aber zu mir und wollte wieder mitmischen. Ich fragte, was sich geändert habe. Und er sagte: nichts. Er wolle es lediglich noch mal probieren. An seiner Einstellung zum Erfolg hatte sich aber nichts geändert. Also entschied ich mich, zu gehen, weil ich keine Lust auf einen Streit hatte, der auf jeden Fall gekommen wäre. Ich dachte mir: Was, wenn dieses Unternehmen nur der Anfang war? Ein erster, guter unternehmerischer Versuch?

t3n: Dein Leben verlief dann allerdings komplett anders, als gedacht: Du hast zwar in New York ein neues Unternehmen gegründet, bist aber deinem Milliarden-Mantra nicht mehr gefolgt und hast es wieder zugemacht. Warum?

Ich bin sehr motiviert gestartet, habe mir einen neuen Mitgründer gesucht – und wir haben gleich den Anspruch gehabt, mit Matter ein 100-Millionen-Unternehmen aufzubauen. Wir schufen eine Software, mit der Unternehmen herausfinden können, wie divers ihre Teams aufgestellt sind. Wie viele Frauen und Männer welcher Ethnien in welchen Abteilungen vertreten sind – und wer wo fehlt. Wir haben gleich mit richtig großen Firmen wie Pinterest und Salesforce zusammengearbeitet.

t3n: Das klingt doch gut.

Klar. Aber dann fing alles an, zu kriseln, weil diese Getriebenen­sache mich allmählich richtig krank machte. Außerdem verkaufte ich einen kleinen Teil meiner Buffer-Anteile, weil ich mich weiter von Joel lossagen wollte. Damals kam ich da schon allein auf zwei Millionen Euro und dann realisierte ich, dass ich, selbst wenn ich die sehr konservativ investiere, von den Renditen ­problemlos ­leben kann. Das veränderte etwas in mir. Ich war einerseits ausgelaugt und brauchte andererseits kein Geld mehr. Das führte mich in eine tiefe Sinnkrise.

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11 Kommentare
Träumer
Träumer

Langer Rede kurzer Sinn: Ein mal Glück gehabt, die Sache dann mit übermut man könne es immer wiederholen, in den Sand gesetzt. Und dann die Aussteigergeschichte mit Kloster, Sinnsuche usw.
Was lehrt uns das? Mach gleich gar nichts und bleib Glücklich. Diese ganzen Startup Geschichten sind eh nur Luftnummer um Generation Z anzuheizen und abzuziehen. Nur meinen Meinung, ihr könnt gerne leeren Träumen hinterherlaufen. Einer von Millionen wird es immer mal schaffen, die anderen Träumen weiter.

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Tabs
Tabs

Mal schön eine ganze Generation über einen Kamm geschoren, die Arbeit von Vielen für den Aufbau eines Millionenunternehmens als Glück abgestempelt.

Man liest Dinge immer so, wie man sie will. Schön, dass sie die Wahrheit hinter den ganzen Startups kennnen im Gegensatz zum ganzen Rest der Welt. Ist ja nicht so, dass unser gesamtes System auf Innovation aufbaut.

Und man lernt, dass man bei dem Streben nach Geld und Erfolg niemals sich selbst und die tatsächlichen Erfüllungen im Leben vernachlässigen sollte. Für mich jetzt nicht zwangsweise hilfreich, aber auch nicht sooo schwer zu erkennen aus dem Text.

Ansonsten aber ein sehr differenzierter und guter Kommentar…

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F>U
F>U

Jo ganz schweres Leben, hat der Junge man … wtf

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Sebastian
Sebastian

Man sollte einfach mal Glücklich sein, dass man es Geschafft hat!
Es gibt um weiten mehr arme unglückliche Menschen als reiche…

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divos
divos

Darum ging es doch gar nicht in dem Artikel?

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Sebastian
Sebastian

„Sagen wir es so: Es ist beruhigend, es zu haben. Aber es gibt ­deinem Leben keinen tieferen Sinn.“

Versteht mich nicht falsch aber durch relativ unlimitierten Geldvorrat kann man sich viel viel einfacher einen tieferen Sinn im Leben suchen.
z.B. Existenz, Familie und und und…

Die meisten armen Schlucker haben auf dem Weg zum Sinn des Lebens die Flasche für sich entdeckt oder noch schlimmeres.

Ich habe schon öfters von unglücklichen Millionären gelesen, kann es auch zum Teil Nachvollziehen, jedoch sind meist solche „armen Kindheitserinnerungen“ nur Publicity.

Man sollte auch einfach mal Glücklich sein, dass man es so viel erreicht hat!

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Tony
Tony

Den Satz „Sagen wir es so: Es ist beruhigend, es zu haben. Aber es gibt ­deinem Leben keinen tieferen Sinn“ kann man halt auch nur sagen, wenn man in dieser Position ist. Wenn eine Familie am Verhungern ist oder Menschen ihre Miete nicht bezahlen können, gibt Geld deinem Leben schon einen tieferen Sinn. Sicherlich würde er einen tieferen Sinn für sein Leben finden, wenn er mit der ganzen Kohle soziale Projekte und Einrichtungen aufbaut. Das ist nichts gegen den Leo persönlich, aber Leute mit Geld haben um einiges weniger Probleme als Leute ohne, Punkt.

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Bullsh itdetector

„Ich war erst 21 Jahre alt und dachte: Wow, schau mich an, jetzt hab ich’s geschafft. Jetzt muss ich keine Geldsorgen mehr haben und kann mir diese krasse Wohnung leisten. Genau an dem Punkt hatte ich jedoch auch zum ersten Mal einen richtigen Durchhänger. Ich war enttäuscht, weil ich dachte, wenn ich erfolgreich bin, bin ich auch superglücklich. Aber dem war nicht so.“

Hmmmm, also mal nachdenken:
Keine Sorgen um Miete, keine Sorgen, dass das Geld am Ende des Monats nicht zum Essen reicht, nur weil du es gewagt hast, ein mal in 3 Monaten mit Partnerin und Kind ins Kino zu gehen. Keine Angst vor der jährlichen Stromnachzahlung. Keine Angst, dass schon das kleinste Stottern deines Wagens dich finanziell ruinieren könnte.
Das ist schon eine Menge an Glück, die der gute Leo offensichtlich nicht bewusst genug wahrnehmen mag, obwohl er es definitiv hat.

Abgesehen davon… wer zum Teufel hat denn bitteschön das Märchen in die Welt gesetzt, dass Erfolg und Reichtum allein einen „superglücklich“ machen würden („Ich war enttäuscht, weil ich dachte, wenn ich erfolgreich bin, bin ich auch superglücklich.“)?
SELBSTVERSTÄNDLICH machen dich Erfolg und Geld nicht glücklich. Es sind jedoch die damit einhergehenden >>>Möglichkeiten und die relative Sorglosigkeit<<>>WÜNSCHEN<<< sich viele Menschen auf dieser Welt. Meine Wenigkeit eingeschlossen.

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Bullsh itdetector

wtf, wieso fehlt da ein Teil des Kommentars?!

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sparolito
sparolito

Es stimmt schon, dass Geld allein nicht glücklich macht, aber es erleichtert einem um so vieles. Man muss keine billigen und minderwertigen Lebensmittel kaufen, um zu überleben. Man wählt sorgfältig aus. Das ist auch eine Form der Nachhaltigkeit. Und die andere Seite ist auch, dass man durch den erworbenen Reichtum auch ein Stückchen die Welt verändern kann. Es liegt an einem selbst, ob zum Guten oder zum Schlechten… Ich hätte gegen paar Millionen nichts dagegen. Ich würde mir persönlich nichts kaufen, dafür aber in Länder investieren, die die Wiederbewaldung und Renaturierung von ganzen Landstrichen durchführen und dauerhaft erhalten. Davon hat jeder etwas und bringt mehr, als wenn pseudosnobs pseudosaubere Elektroautos fahren… Nichts für ungut, aber das ist genau dieses gewisse Etwas, womit man mit Geld die Welt ein wenig besser machen kann. In diesem Sinne ;-)

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ich habe da was anzumerken
ich habe da was anzumerken

Leider macht der Mann keinen sympathischen Eindruck auf mich. Als die Sache mit dem Lammorghini noch hinzu kam, habe ich mich ernsthaft gefragt, was genau er da im Kloster gemacht bzw. gelernt hat. Anscheinend nichts. Als hätte man zwei Jahre vegan auf einem Lebenshof für Tiere verbracht und kaum ist man draußen, geht man ins Steak House und gönnt sich erstmal ein fettes Stück Fleisch. Wenn den Herren seine Millionen nicht glücklich machen und er selbst im Interview anmerkt, dass die USA ein Land der Extremen ist, wo bittere Armut und unvorstellbarer Reichtum nebeneinander her existieren, warum gibt er nicht etwas von seinem Reichtum für soziale Projekte ab? Oder tut er das längst und es wurde nur nicht erwähnt?

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