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t3n 27

Mobile Crowdsourcing als Lebensretter

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Bessere städtische Strukturen

Auch hierzulande wird Crowdsourcing genutzt, um Aspekte des städtischen Lebens zu verbessern. Mit der App von NoiseTube können Nutzer beispielsweise die Lärmwerte ihrer Umgebung messen und veröffentlichen. Zwar erhebt auch die EU die Lärmwerte ihrer Mitgliedsstaaten – aber nur alle fünf Jahre. Noise Tube liefert Nutzern wertvolle Informationen über ihren potenziellen zukünftigen Wohnort und könnte zukünftig auch für die verantwortlichen Stadtentwickler von Bedeutung sein. Die NoiseTube-App, ein Gemeinschaftsprojekt der Sony Computer Science Laboratory in Paris und der Freien Universität Brüssel, gibt es derzeit für Java und Android, eine iPhone-App ist in der Pipeline.

Auch der Umgang mit Luftverschmutzung wird dank Crowdsourcing zunehmend demokratisiert. „Portland Smells“ war ursprünglich als Kunstprojekt gedacht, dann entstand daraus die Ausgründung whatsinourair.org, ein Projekt, bei dem es um soziale und ökologische Gerechtigkeit geht. Nutzer melden, wenn sie in ihrem Wohngebiet auf seltsame Gerüche aufmerksam werden (was in einer Industriestadt wie Portland/Maine nicht gerade selten vorkommen dürfte).

Bei whatsinourair.org sieht man auf den ersten Blick, wo es in Portland stinkt.
Bei whatsinourair.org sieht man auf den ersten Blick, wo es in Portland stinkt.
Um den Duft zu beschreiben, gibt es bereits vorgefertigte Antwortmöglichkeiten: Farbdämpfe, verbrannter Gummi, Benzin und anderes. Auf diese Weise können zum Beispiel illegale Müllhalden ausfindig gemacht und Erhebungen zur Luftverschmutzung in einzelnen Stadtteilen – beispielsweise in der Nähe von Schulen – gemacht werden. Leider gibt es von whatsinourair.org derzeit noch keine Smartphone-Applikation, dies wird aber hoffentlich nur noch eine Frage der Zeit sein [3].

Schweizer Mitbürger aus Zürich haben seit einiger Zeit eine tolle Möglichkeit, um die Stadt auf Missstände in der städtischen Infrastruktur aufmerksam zu machen. Mit der entsprechenden iPhone-App fotografieren sie beim Spazierengehen einfach beobachtete Mängel an Straßen, Laternen, Automaten etc. und schicken die Bilder inklusive GPS-Daten direkt an die Stadtverwaltung. Das Projekt ist ein sinnvolles Einsatzgebiet für Crowdsourcing, schließlich kann keine Stadtverwaltung die gesamte städtische Infrastruktur im Blick behalten [4].

Ein weiteres Anwendungsfeld ist der Stadtverkehr: Die Applikation Waze (www.waze.com) erhebt per GPS Daten über das eigene Fahrverhalten. Die Bewegungen (bzw. Nicht-Bewegungen) erlauben Rückschlüsse über Verkehrsaufkommen und -hindernisse; Nutzer erhalten rechtzeitig Angaben, welche Straßen aktuell besser zu meiden sind [5]. Auch Google Maps nutzt mittlerweile Handy-Daten, um Staus rechtzeitig zu erkennen.

Biketastic (www.biketastic.com) schlägt sich hingegen auf die Seite der Radfahrer. Mit Hilfe der App können Fahrrad-Pendler die beste Route für die Fahrt zum Arbeitsplatz ermitteln, was vor allem in Großstädten sinnvoll ist. Die Ermittlung erfolgt, indem zahlreiche Nutzer Daten wie GPS, Beschleunigung und Geräusche per Smartphone übermitteln und mit persönlichen Anmerkungen ergänzen. Wichtige Faktoren sind zum Beispiel die Beschaffenheit der Straße, Höhenunterschiede und die Länge der Stoppzeiten.

Täter- und Tierfahndung

Mit der App von barcoo erhalten Nutzer sämtliche Infos zu den eingescannten Produkten – samt Preisvergleich.
Mit der App von barcoo erhalten Nutzer sämtliche Infos zu den eingescannten Produkten – samt Preisvergleich.
Ein recht neues Einsatzgebiet für mobiles Crowdsourcing ist die Fahndung nach Tätern oder Tieren. Vor allem bei den sommerlichen Krawallen in London und anderen englischen Städten wurde die Crowd mobilisiert, beim Finden von Randalierern zu helfen. Ein frustrierter Mitbürger stellte Bilder von Plünderern auf der Webseite „Catch a looter“ ein und forderte dazu auf, die Täter zu identifizieren und zu melden. Andere taten es ihm gleich und machten beim Gang durch die Straßen „Schnappschüsse“ von Menschen bei kriminellen Handlungen.

Etwas weniger heikel geht es bei catmapper zu. Dort werden nicht Menschen gemeldet, sondern Katzen. „Then I got obsessed with cats. While walking around neighborhoods in Portland you will run into them all over the freaking place“, schreibt Gründer Max Ogden. Er fragte sich, in welchen Stadtgebieten wohl die höchste Katzendichte herrscht und ob man nicht Informationskampagnen zur Sterilisation von Katzen gezielter angehen könne, wenn man Zugang zu den Daten hätte. Also fing er an, unterwegs gesehene Katzen zu filmen und mit einer vom ihm programmierten Webapp auf Basis von jQuery Mobile [6] im Netz zu veröffentlichen. In Schwung gekommen ist die Idee zwar nicht, aber der Ansatz ist interessant. User können auf einer Karte lokalisieren, wo ihnen ein Kater begegnet und ein Foto samt GPS-Daten verschicken [7].

Verbraucherschutz

Wo die Menge zusammenarbeitet, kann man Verbrauchern in Zukunft nichts mehr vormachen. Mit der App von barcoo gewinnt der Verbraucherschutz kräftig an Fahrt. Smartphone-Besitzer nutzen ihr Handy, um damit in Ladengeschäften oder Onlineshops die Produktcodes zu scannen. Neben dem Vergleich, wo der Artikel am günstigsten angeboten wird, kommen Nutzer so an sämtliche Zusatzinformationen zu den Produkten. So bündelt barcoo zum Beispiel in Zusammenarbeit mit dem Forschungsprojekt WeGreen Informationen zur sogenannten Corporate Social Responsibility (CSR) und kennzeichnet die soziale Verantwortung der Hersteller mit einer „Nachhaltigkeitsampel“.

Fazit

Die möglichen Einsatzgebiete von mobilem Crowdsourcing sind enorm. Örtliche Flexibilität verbunden mit den Möglichkeiten der neueren Handys, intelligenter Apps und GPS-Ortung führt das „normale“ Crowdsourcing auf die nächste Stufe und hat vor allem im sozialen und bürgerpolitischen Bereich vieles zu bieten. Haiti und Fukushima haben es gezeigt: Wo Regierungen versagen und Behörden oder Hilfsorganisationen an ihre Grenzen kommen, wird die Intelligenz des Schwarms zu einer lebensnotwendigen Ergänzung. Aber auch in weniger dramatischen Situationen bietet Mobile Crowdsourcing tolle Möglichkeiten, als Menge das eigene Geschick selbst in die Hand zu nehmen, ob bei städtischer Luftverschmutzung oder infrastrukturellen Mängeln. Insofern ist Crowdsourcing, vor allem in seiner mobilen Variante, auch ein Weg zu mehr demokratischer Mitbestimmung.

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