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Wir nannten es Arbeit! Was Künst­liche Intelligenz auch für deinen Arbeitsplatz bedeutet

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Bis jetzt hätte keiner seiner Kunden auch nur einen Mitarbeiter durch seine Software entlassen müssen, sagt Christian Ritosek. Er hat 2015 Candis gegründet, ein Startup, das sich der Automatisierung der Buchhaltung verschrieben hat. Die Kunden, häufig Steuerberater, hätten dadurch heute bereits viel Zeit für „wertsteigernde“ Aufgaben – also etwa die ausführliche Beratung der Mandanten. Die Software stünde aber noch relativ am Anfang, sagt Ritosek. „Wir sind überzeugt, dass sich die Buchhaltung zu 100 Prozent automatisieren lässt.“ Die Vision: Die maschinenlesbare Rechnung wird zugeordnet und verbucht, die Umsatzsteuer mit dem Finanzamt abgerechnet und der Betrag wird beim Jahresabschluss automatisch berücksichtigt.

„Automatisierung heißt, Mitarbeitern mehr ­Freiräume zu geben. Nicht, sie zu entlassen.“

Wie können Unternehmen mit den frei werdenden Kapazitätenumgehen? „Unternehmen müssen massiv in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren“, sagt Ritosek. Letztere tragen nach Einschätzung des Gründers zumindest eine Mitverantwortung dafür, ob Unternehmen sie trotz Automatisierung weiter beschäftigen: „Wer nicht digitaler denken will, der wird auf der Strecke bleiben.“ Mit einem personellen Kahlschlag tun sich Unternehmen auch wirtschaftlich auf Dauer keinen Gefallen, meint Berater Robert Laube. „Automatisierung heißt, Mitarbeitern mehr Freiräume zu geben“, sagt er. „Nicht, sie zu entlassen.“

Zu einem anderen Ergebnis kam Anfang des vergangenen Jahres ein japanischer Versicherer. Nachdem der Konzern IBMs künstliche Intelligenz Watson eingekauft hatte, um schneller über Zahlungen an seine Kunden entscheiden zu können, folgte eine Kündigungswelle. Ein knappes Drittel seiner Zahlungsabteilung setzte das Unternehmen vor die Tür – 34 Mitarbeiter waren betroffen.

Meldungen wie diese mögen noch die Ausnahme sein. Doch sie zeigen: Es wäre blauäugig zu glauben, dass die rasanten Sprünge bei künstlicher Intelligenz nicht tiefe Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen werden. In das Visier von Technologie-Startups geraten zunehmend auch Berufszweige, an denen die Digitalisierung bisher weitgehend vorbeigezogen ist.

Die Rechtsbranche etwa hat sich Coduka vorgenommen, das für die Seite Geblitzt.de bekannt ist. Autofahrer können darüber kostenlos Bußgeldbescheide anfechten. Das Startup hat eine Software entwickelt, die Partneranwälten den größten Teil der administrativen Arbeit automatisch abwickelt: Dokumente einscannen, der richtigen Akte zuordnen, ein passendes Musterschreiben generieren. Das soll den Prozess um den Faktor 20 effizienter und dadurch überhaupt erst rentabel machen.

Aktuell profitieren Anwälte noch von der Software: Sie gewinnen Mandate, die wegen geringer Streitwerte und hoher Personalkosten vormals selten zustande kamen. Doch je ausgefuchster die Algorithmen werden, desto mehr dürften Legaltechs wie Coduka oder auch die Juristen-KI Ross aus dem Hause IBM Watson auch in kompliziertere Fälle vordringen. „Anwälte, die auf Gebiete spezialisiert sind, die sich einfach automatisieren lassen, werden in Zukunft große Schwierigkeiten haben“, sagt Coduka-Chef Jan Ginhold. „Auch für Rechtsanwaltsfachange­stellte wird es weniger Arbeit geben.“

[/pullquote]„Der Krieg kommt. Und zwar in jeder einzelnen Industrie.“ [/pullquote]

„Der Krieg kommt“, orakelte Tech-Investor Frank Thelen schon vor einiger Zeit. „Und zwar in jeder einzelnen Industrie.“ Er sieht die deutsche Wirtschaft nicht ausreichend vorbereitet auf die Folgen der Digitalisierung – und er ist nicht allein.

Experten und Studien, die vor einem drohenden Arbeitsplatzarmageddon warnen, sind zahlreich. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group etwa rechnet damit, dass knapp acht Millionen Beschäftigte in Deutschland bis zum Jahr 2025 von der Automatisierung betroffen sind – davon seien mehr als 60 Prozent Fachkräfte.#

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