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New-Work-Urvater Frithjof Bergmann: Der alte Mann und das Mehr

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Aber nicht erst seitdem Bergmann im Krankenhaus weilt, ist er ein Freund der anekdotischen Evidenz. Auch seine Reden, Interviews und Bücher muten zum Teil an wie Märchenerzählungen. Mal geht er hierhin, mal geht er dorthin, mal spricht er mit Regierungen, mal mit Konzernchefs. Mal beginnt ein Arbeiter diesen neuen Job, mal wird eine Arbeiterin Managerin, weil sie gerne rumkommandiert. Konkrete Namen und Daten haben diese Erzählungen selten.

Das soll nicht heißen, dass man Bergmann diese Sachen nicht zutraut oder an der Echtheit der Anekdoten zweifelt. Man fragt sich nur, wozu er sie erzählt: Um die Neue Arbeit umzusetzen, die er sich ausgedacht hat? Um zu beweisen, dass sie befreit, im­ großen Maßstab, und nicht nur charismatische Philosophie­professoren? Geht es um die tatsächliche Revolution der Arbeit? Oder um die Theorie, um die Armut der Begierde und die anderen großen Begriffe, die er geprägt hat?

t3n Magazin: Herr Bergmann, wie ging es konkret bei GM weiter? ­Haben Sie mit den Mitarbeitern ­darüber gesprochen, was sie wirklich, wirklich wollen?

Frithjof Bergmann: Ja, sie sollten an Dingen arbeiten, die sie wirklich, wirklich wollen. Ein Automobilarbeiter hat dann ein Yoga­studio aufgemacht und war damit auch sehr erfolgreich.

t3n Magazin: Und GM hatte Raum für diese Art von Veränderung?

Frithjof Bergmann: GM wollte neu denken. GM war nicht darauf festgelegt, wie die Arbeit gemacht werden sollte und suchte nach einer besseren Art, wie Arbeit organisiert werden könnte. Es hat lange gedauert, bis ich ernst genommen wurde. Dann habe ich gesagt: Wenn ihr es ernst meint, was ihr sagt, dann braucht ihr neue Institutionen, Zentren für Neue Arbeit.

t3n Magazin: Und die wurden dann gebaut?

Frithjof Bergmann: Schon, aber nicht nur. Es gab bereits reichlich Plätze, wo das eingerichtet werden konnte. Dort wurden dann Zentren für Neue Arbeit angelegt, es war alles sehr improvisiert.

t3n Magazin: War es eigentlich für Sie selbst immer klar, was sie wirklich, wirklich wollen?

Frithjof Bergmann: Ich bin in einem österreichischen Gymnasium aufgewachsen. Und ich wusste erst nicht, was ich wirklich wollte. Aber schrittweise ist mir klar geworden, was das überhaupt bedeutet, etwas zu wollen. Und dass das wirkliche Wollen eine große Schwierigkeit ist, wurde mir in der Zeit in Flint klar. Es war alles andere als selbstverständlich, es war etwas, was ich mir mühsam beigebracht habe.

t3n Magazin: Sie haben ja auch diverse Jobs ausgeübt. Am ­spannendsten stelle ich mir den als Preisboxer vor. Wie passt denn sowas zur Philosophie?

Frithjof Bergmann: Ich hatte eine ganze Reihe von Kämpfen und ich war nicht ungeschickt dabei. Ich habe das geliebt. Mir lag sehr viel daran, ­Boxer zu sein. Genau genommen war ich ja doch auch Philosophie­professor, lieber Gott, unter all den Fabrikarbeitern. Und die haben gemerkt, dass ich auch geboxt habe und ohne große Schwierigkeiten den Ton ändern konnte: „Wir können darüber reden, wir können uns aber auch gerne prügeln, daran bin ich gewöhnt.“ Das war sehr erfrischend. Mir lag viel daran, aber es war kein ­Dauerberuf.

t3n Magazin: Wenn ich jetzt herausfinden will, was ich wirklich, wirklich will, wie mache ich das?

Frithjof Bergmann: Man muss versuchen, ein Zentrum zu finden, in dem diese Frage ernst genommen wird. Ich glaube, dass es ohne Zentrum nicht geht.

Bergmann-Spuren in Berlin

In seinem Buch schreibt Bergmann, dass seit seinem Engagement in Flint bis zu 30 Zentren für Neue Arbeit auf der Welt entstanden seien. Aber leider bekommt man nicht aus ihm heraus, wo diese Zentren denn jetzt genau sind. Also macht man sich selbst auf die Suche. Und im ersten Moment ist das etwas ernüchternd.

Fragt man bei GM an, ob sie dort noch ein Zentrum für Neue ­Arbeit haben und was von der Arbeit mit einem Philosophie­professor namens Frithjof Bergmann noch übrig ist, schreibt eine Mitarbeiterin der Kommunikationsabteilung: „Ich habe etwas gegraben und, da das schon einige Jahrzehnte her ist, haben wir zu dem Thema nichts mehr beizutragen.“ In Deutschland findet man noch ein paar vereinzelte ­organisierte Bergmann-Enthusiasten. Menschen, die Bergmann selbst mal gesehen haben, in einem Hörsaal, zum Beispiel an der Universität Kassel. In diesem Umfeld gibt es ein paar Websites, die nach den frühen 2000ern aussehen. Es gibt einen monatlichen Skype-Treff mit einer Handvoll Menschen, die sich für das Thema Neue ­Arbeit begeistern. Aber weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick findet man ein Zentrum, in dem ein Mensch sich konkret zur Neuen Arbeit beraten lassen könnte.

Und irgendwie hat man das Gefühl, dass Bergmanns Erlösung zu einem guten Teil Bergmann-Charisma und Bergmann-Wort geblieben ist. „Viele Leute sind ganz engagiert, wenn sie mit Herrn Bergmann in Berührung kommen. Dann finden sie keine Zentren für Neue Arbeit, keine Berührungspunkte, dann verebbt das wieder“, erklärt Sebastian Bercker, der ­Neue-Arbeit-Enthusiast, der den Skype-Call organisiert.

Auch die Liste der Projekte, die mit Bergmanns Vision arbeiten, ist überschaubar: Es gibt eine „Sozialistische ­Selbsthilfe ­Mühlheim“, die mit Langzeitarbeitslosen arbeitet und sich auf die Prinzipien der Neuen Arbeit beruft. Es gibt einen Verein in Stuttgart, dessen Webadresse mittlerweile aber auf eine Website mit einem Wiki über österreichische Dörfer verlinkt. Es gibt auch einen Künstler in Wien, der sich mit dem Thema beschäftigt. Das ist die alte, von Bergmann und seinem Charisma inspirierte Szene. Die Nankis (NANK = Neue Arbeit, neue Kultur), wie sie Sebastian Becker nennt.

Unberührt davon, dass diese Neue Arbeit, die Zentren, von denen Bergmann spricht, nirgendwo zu finden sind, lebt die Neue Arbeit auf abstrakten Bühnen. Mit oder ohne Bergmann selbst, auf den Panels von Konferenzen, in Interviews und Zeitungs­artikeln, in Podcasts. Überall ist Bergmanns Geschichte mit drin, aber ebenso anekdotisch, wie er sie erzählt. Es ist ja auch eine schöne Geschichte, und Bergmann ein toller Protagonist: ­Bergmann der Boxer, der ­Neue-Arbeit-Erfinder, der Hafenarbeiter. Der Philosoph, der Regierungen beraten hat und Unternehmen. Irgendwann mal, irgendwo bestimmt.

Interessanterweise scheint es für den zweiten Frühling der ­Neuen Arbeit, die Renaissance des Konzepts im Zuge der Digitalisierung, gar nicht so entscheidend, ob man sich im Detail mit den Bergmann-­Ursprüngen auseinander gesetzt hat oder nicht. In der Berliner ­Coworking-Szene etwa finden sich durchaus Bezüge auf Frithjof Bergmann – etwa im Titel des Instituts für Neue ­Arbeit der ­St. Oberholz GbR, die auch den populären gleichnamigen ­Coworking-Space betreibt. Mehr als eine „willkommene gedankliche Unterstützung“ will aber beispielsweise Christoph Fahle, einer der Gründer des Berliner Betahauses, die Bergmann-Theorien nicht nennen. Und auch Katy Zühlke, die für das Oberholz und das dazugehörige Institut für Neue Arbeit Unternehmen zu Themen wie Arbeit und Arbeitsplatz berät, sieht sich nicht im Bergmannschen Konzept verhaftet. Ihr aktuelles Projekt etwa, in dem sie gemeinsam mit der Sparda Bank eine Coworking-Space-Filiale in Frankfurt (Oder) aufbaut, in der die Grenzen zwischen Bank und Arbeitsplatz verschwimmen sollen, sei keine Frage der Bergmannschen Neue-Arbeit-Theorie gewesen: „Wir haben nicht gesagt: ‚So, jetzt machen wir Neue Arbeit‘. Das funktioniert nicht. Das geht genauso wenig, wie 20 Mitarbeiter in einen Raum mit Kaffeemaschine zu stecken und zu sagen: So, jetzt macht ihr hier Coworking.“ So etwas entstehe eher so: Es ist Sommer, die ­Laptops haben plötzlich WLAN, die Cafés auch, und eine Menge Leute denken sich: „Okay, cool, dann gehen wir jetzt mal raus zum Arbeiten.“ „Und daraus entstehen Läden wie das Betahaus und das Oberholz. Und damit auch eine neue Arbeitskultur.“

Vielleicht liegt ja gerade in der Unschärfe ihrer Konturen das, was Frithjof Bergmanns Neue Arbeit so zeitlos macht. Sie lässt sich immer wieder neu mit dem füllen, was wir selbst als unabdingbar für eine gute Arbeitskultur erachten – mit dem also, was wir wirklich, wirklich wollen. Einen Propheten aber, der uns den Weg hin zur Erlösung weist, suchen wir in Bergmann vergebens. Die digitale Transformation der Arbeitswelt müssen wir schon selbst hinkriegen.

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Eine Reaktion
Richard Hebstreit

Die Visionen von Frithjof Bergmann werden langsam aber sicher Wirklichkeit. Da ist es kein Wunder, dass man sich seiner immer mehr erinnert. Noch mehr wird man sich sicher erinnern, wenn Frithjof Bergmann nicht mehr "unter uns weilt".

Ein Jünger und auch Kritiker von Prof. Bergmann, der Wiener Franz Nahrada, hat mal vor ein paar Jahren folgendes postuliert:

"Die Informationsgesellschaft und ihre auf Mikroelektronik basierende Technologie ist sowohl in der Richtung der extremen Arbeitsteilung als auch in der Richtung der Reintegration von Arbeitsvorgängen grundsätzlich offen. Sie kann eine von Roboterhänden gesteuerte Fabrik, menschenleere Produktionsstraßen mit gewaltigem stofflichem Input an Ressourcen und Energien und Output an Produkten und Abfall schaffen sie kann aber genauso im Prinzip die bisher getrennten Arbeitsvorgänge wieder integrieren - und schafft so die Möglichkeit der dezentralisierten Hausarbeit, des "ganzen Hauses" der traditionalen Gesellschaften in neuer Form. Er meint, was da folgt, ist die "dezentralisierende Automatisierung"...."Die Maschinen schrumpfen, sie passen sich dem Benutzer und ihrer Umgebung an, sie sind aber miteinander und mit dem Benutzer ständig in einem Netzwerk des Informationsaustausches verbunden."

Gut, seine Visionen über die "Neuen Zentren der neuen Arbeit" sind noch nicht in seinem Sinne überall komplett existent geworden. Doch wenn man manches Geschehen der Realität der Auseinandersetzung mit der Arbeit betrachtet, findet man einiges was einige Theorien von Prof. Bergmann als "INPUT" bewußt oder unbewußt realisiert haben. Die Teecampagne von Prof. Valtin ist offensichtlich auch mit Theorien von Prof. Bergmann gestrickt wurden. (Die beiden kennen sich!). Das tun, "was man wirklich, wirklich will " erinnert mich auch an den Multimillionär Klaus Zapf, einen Berliner Umzugsspediteur, der wie ein professioneller 68er Jahre Gammler manchmal Flaschen sammelnd durch die Berliner Straßen lief. (Zapf kannte keinen Bergmann - er agierte trotzdem bewusst das Prinzip "wirklich, wirklich das tun, was man will!" Auch so manche Arganöl Kooperative in Marokko koppelte sich vom bisherigen Marktgeschehen ab.

Fast die gleiche Technik der Nadeldrucker von damals können heute vollautomatisch Klamotten zusammen nähen. Per Laserschitt, ist der Schnitt der Stoffe in wenigen Sekunden in allen Konfektionsgrößen möglich! Eine Elektrolokomotive kann man damit aber zur Zeit und auch in naher Zukunft noch nicht bauen. Macht nix. Vergesellschaftung von Großindustrieproduktion-Produktionsmitteln ist heute auch kein wesentliches tolles revolutionäres Problem mehr. Die Vergesellschaftung von Wasserbetrieben und der Elektroenergieversorgungen macht sowas vor! Neue Eisenbahnverbindungen mit Flixbahn klappt ja nun auch schon!

Nicht nur das maschinelle ändert sich, sondern auch Distributionsstrukturen:
In fast jeder Berliner Straße mit massiver Blockbebauung sind die "Tante-Emma-Läden" wieder heute präsent! Oft rund um die Uhr und ganze achtköpfige Familien leben davon. Wie das alles funktioniert, kann mann fünzigsprachig weltweit verfügbar sehen. Das ist nicht SF, das funktioniert heute schon.

Vor vielen Jahren fiel mir mal ein Buch in die Hand. "Ursprung der Dinge" von Julius Lips. Der beschrieb da die Kulturgeschichte des Menschen. Um Kultur geht es da nicht so vordergründig. Es ging um die Entwicklung der Handwerkszeuge der Menschen seit ...zig tausenden von Jahren. Nur, mit den Entwicklungsstand von vor ca. tausend Jahren hat er aufgehört.

Bergmann spinnt jetzt mit Überspringen der tausend Jahre Lücke einfach weiter. Bergmann extrapoliert im Sinne der Entwicklung der Produktionsmittel einfach weiter. Die eigenen ungeschickte Erfahrung, mit Axt und Säge den amerikanischen Wald sich gehörig zu machen haben ihn geprägt. Er schielte danach nach der Mühsal dieser schweren Arbeit nach der Kettensäge und studierte erst mal Philosophie.

Am derzeitigen weltweit agierenden monopolkapitalistischen Kapitalismus kratzt er nicht sehr herum, wenn auch die Linke ihm das schwer vor wirft. Bergmann ist ein Fan der "WTR" der "Wissenschaftlichen technischen Revolution" und meint die Geduld zu haben noch zu seinen Lebenszeiten zu zu schauen, wie die gegenwärtigen "demokratischen" kapitalistischen Gesellschaftsmodelle wegen der WTR, schlicht und einfach wahrscheinlich zwar nicht implodieren, aber schön vorschriftsmäßig nach Marx und Engels wenigstens teilweise zusammenklappen.

Frithjof Bergmann vor 10 Jahren:
https://www.flickr.com/photos/rhebs/sets/72157614486767580/

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