Porträt

New-Work-Urvater Frithjof Bergmann: Der alte Mann und das Mehr

(Foto: Xing)

Wer sich mit New Leadership beschäftigt, stößt früher oder später auf Frithjof Bergmann: Der geistige Vater des „New Work“-Konzepts ist seit einigen Jahren ein gern gesehener Gast auf Konferenzen und in Interviews. Doch was steckt hinter diesem Mann, um den ein regelrechter Personenkult entstanden ist? Und was kann er uns über die Zukunft der Arbeit lehren?


Es ist fast egal, wo man Frithjof Bergmann zum ersten Mal sieht oder hört. Am Anfang dieser Recherche beispielsweise steht ein Youtube-­Clip, in dem Bergmann mit langen, zerzausten grauen Haaren und grauem Bart zu sehen ist. Er wird auf eine ­Bühne geschoben, eine Band spielt dazu, es ist die Konferenz eines deutschen Internetkonzerns zum Thema New Work, der Neuen ­Arbeit. Und Frithjof ­Bergmann liefert. Er ist ein begnadeter ­Redner. Es ist schwer, sich seinem Bann zu entziehen. Zumal er über etwas spricht, das uns fast alle betrifft – die Arbeit – und dabei empfindliche Stellen trifft: Womit wollen wir wirklich die Zeit verbringen, die wir haben? Wissen wir eigentlich, was wir wirklich, wirklich wollen? Frithjof Bergmanns großes Versprechen ist die Antwort auf diese Frage.

Jetzt, wo Bergmann fast 90 ist, wird seine Philosophie wieder aufgegriffen. In Universitäten und Pilotprojekten, auf Konferenzen, in Banken und Ministerien. Seine mehr als 40 Jahre alte ­Theorie ist plötzlich die Antwort auf eine der dringendsten Fragen unserer Zeit: Wie verändert die Digitalisierung unsere Arbeit? Und vor allem – wie reagieren wir darauf? Bergmann scheint sich diese Fragen vor allen anderen gestellt zu haben, immerhin entwarf er sein Konzept schon in den 1970er Jahren, als Antwort auf die Automatisierung in den ­A­utomobilfabriken der USA.

Es wirkt ein wenig so, als hätte man plötzlich einen weisen ­alten Mann aus dem Hut gezaubert, der das alles schon einmal erlebt hat, damals, in der ersten Runde. Und dessen Vision einer besseren, ­stärker an den Wünschen und Vorstellungen des Individuums ausgerichteten Arbeitswelt uns auch heute wieder helfen könne – dabei nämlich, durch die Herausforderungen der digitalen Transformation zu navigieren. Doch welche konkrete Vision steckt hinter dem Buzzword „New Work“? Und was müssen wir laut Bergmann tun, um es mit Leben zu füllen? Wie sich herausstellt, sind die Antworten auf diese Fragen gar nicht so einfach.

Alles beginnt in Flint

Die Geschichte von Bergmanns Neuer Arbeit beginnt in den frühen 1980ern in Flint, einer der wichtigsten Autostädte der USA. Den Fabriken von ­General Motors stand zu dieser Zeit eine Welle von Entlassungen bevor. Bergmann hatte damals schon eine bewegte Karriere hinter sich: Dank eines Stipendiums der österreichischen Botschaft in den USA war der Pfarrerssohn zum Studium nach Amerika gekommen. Nach Gastspielen als Preisboxer, als Hafenarbeiter und als Philosophiedoktorant in Princeton war er an der Universität Michigan gelandet, ungefähr 50 Meilen südlich von den General-Motors-Werken in Flint.

Als Philosophieprofessor hatte Bergmann sich schon eine Zeit lang mit dem Thema Arbeit und der Automatisierung beschäftigt, ­Bücher und eine Fernsehserie dazu geschrieben. Zusammen mit Freunden aus der Wirtschaft, der Gewerkschaft, der Politik, so schreibt er in seinem Buch „Neue Arbeit, neue Kultur“, gründete er das erste „Zentrum für Neue Arbeit“. Der erste Vorschlag dieses Zentrums für Neue Arbeit an General ­Motors war: Statt wegen der Automatisierung die Hälfte der Arbeiter zu entlassen, und damit die „halbe Stadt arbeitslos und die andere Hälfte überarbeitet“ zu machen, sollte GM lieber einen „horizontalen Schnitt“ wagen: Alle bleiben, arbeiten aber nur noch sechs Monate im Jahr. In den anderen sechs Monaten, so Bergmann, sollten die Arbeiter ins Zentrum für Neue Arbeit kommen, um herauszufinden, was sie „wirklich, wirklich wollen“. Das Zentrum für Neue Arbeit würde ihnen dabei helfen, damit tatsächlich auch Geld zu verdienen.

Bergmanns Idee dahinter: Klassische Lohnarbeit sei nur so alt wie die Industrielle Revolution, also 200 Jahre, und daher keinesfalls ein Naturgesetz. Und, da Lohnarbeit jetzt nicht mehr funktioniere, sei die Zeit für ein neues Konzept gekommen, die Neue Arbeit. Bei der Lohnarbeit, so Bergmann in seinem Buch, war „die zu erledigende Aufgabe das Ziel“. Der Mensch nutzt ­dafür „sich selbst als Werkzeug, als Mittel zur Verwirklichung dieses Zwecks“. Mensch unterwirft sich also Arbeit. Die Neue ­Arbeit wolle diesen Zustand umkehren: „Nicht wir sollten der Arbeit dienen, sondern die Arbeit sollte uns dienen. Die Arbeit (…) sollte uns mehr Kraft und Energie verleihen (…), bei unserer Entwicklung unterstützen, lebendigere, vollständigere Menschen zu werden.“ Arbeit, so Bergmann, solle „köstlich und wunderbar“ werden. „Sex muss schon sehr gut sein, wenn er dem Vergleich mit dieser Arbeit standhalten will“, das ist so ein Bergmann-Satz, der hängenbleibt. Kurz: Falsche Arbeit ist laut Bergmann eine „milde Krankheit“, die irgendwann vorübergeht. Das gelte auch, wenn man diese falsche Arbeit, die klassische Lohnarbeit, lediglich etwas angenehmer gestalte, ihr einen „Minirock“ anziehe – auch so ein Bergmann-Bild. Das, so wetterte Bergmann kürzlich in einem Interview, sei eben noch lange nicht „New Work“. Die richtige Neue Arbeit sei viel mehr als nur Lohnarbeit mit Dekoration: Sie sei eine Erlösung.

Ein Satz, der viel verspricht – aber wo findet sich diese Form der Neuen Arbeit? Und wie kann es mit ihrer Hilfe gelingen, nicht nur einige wenige Arbeitnehmer, sondern uns alle von der ­„milden Krankheit“ der klassischen Lohnarbeit zu erlösen – ganz konkret?

„Ein Obstteller ist nicht genug“

Ein Anruf bei Frithjof Bergmann morgens um zehn erreicht ihn in einem Rehazentrum in der Universitätsstadt Ann Arbor, ­Michigan. Das Gespräch ist nicht ganz einfach: Die Verbindung ist schlecht, immer wieder kommen Krankenhausmitarbeiter ins Zimmer und Bergmann muss unterbrechen, um sie hinauszukomplimentieren.

t3n Magazin: Herr Bergmann, können Sie nochmal kurz erklären, wie Ihre Neue Arbeit funktioniert?

Frithjof Bergmann: New Work ist eine andere Art, Arbeit zu organisieren. Die Absicht ist, Arbeit so zu organisieren, dass sie nichts ­Gezwungenes ist, sondern man Arbeit tut, die man wirklich, wirklich will. Das ist, was ich seit vielen Jahren predige.

t3n Magazin: In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Vordenker und Unternehmen mit dem New-Work-Konzept beschäftigt. Sind wir Ihrer Idee von Neuer Arbeit damit schon nähergekommen?

Frithjof Bergmann: Ich glaube schon, dass man sich dem angepasst hat. Man sagt jetzt, Arbeit solle den Leuten Spaß machen. Aber Spaß kommt mir wie ein viel zu flaches, dummes Wort vor. Spaß ist nicht genug. Nicht Spaß, sondern wirklich, wirklich wollen – das ist ein großer Unterschied. Man kann mit allen möglichen Dingen Spaß haben, aber das ist nicht das, was ich meine. Mir geht es um das wirkliche Streben.

t3n Magazin: Manchmal hat man das Gefühl, dass Unternehmen, die ­Arbeit neu denken wollen, einen Obstteller aufstellen und damit hat sich die Sache dann erledigt. Was halten Sie davon?

Frithjof Bergmann: Ein Obstteller ist nicht genug, nein. Die Frage ist, was ist es, was ich wirklich, wirklich will? Die meisten Menschen haben keine Ahnung, wie das zu beantworten ist. Viele denken, das ­Wollen der Menschen sei selbstverständlich, aber ich behaupte das ­Gegenteil: In meinem Kopf spielt der Gedanke, dass man nicht weiß, was man will, eine ­große Rolle. Es gibt eine Armut der ­Begierde. Und jetzt sind wir am Kern der Sache: Mein Konzept geht davon aus, dass die Menschen nicht wissen, was sie wollen. Das ist ein großer Unterschied zu der Annahme, dass das selbstverständlich ist.

t3n Magazin: Was meinen Sie konkret mit der Armut der Begierde?

Frithjof Bergmann: Ich war ja irgendwann einmal Philosoph. Und mir kam es so vor, als ob das ein großer Fehler in der Philosophie ist: Dort denkt man, die meisten Menschen wüssten genau, was sie wollen, streben danach, erreichen es aber nicht. Aus meiner Sicht ist das falsch: Dass man sich nicht eingesteht, dass die meisten Menschen natürlich keine Ahnung haben, was sie wirklich wollen. Sie sind arm an Begierde.

„Die meisten Menschen haben keine Ahnung, was sie wollen. Sie sind arm an Begierde.“

t3n Magazin: Wann ist Ihnen das aufgefallen?

Frithjof Bergmann: Schon während meiner Zeit bei General Motors in Flint, wo ich zum ersten Mal richtig gearbeitet habe. Am Anfang war ich ein merkwürdiger Mitarbeiter. Ich habe in der Fabrik genau das getan, was andere da auch tun. Ich habe an der Maschine gearbeitet. Aber die anderen wussten: Das ist ein Mensch, der auch Philosophie unterrichtet. Überraschenderweise ist GM recht sympathisch auf mich zugegangen: Da ist ein Mitarbeiter, der hat andere Ideen. Dann versuchen wir, das einzubauen. Meine persönliche Situation war, dass ich Vorschläge machen konnte, und die wurden auch nicht abgetan.

Das sind so typische Bergmann-Antworten. Was genau Bergmann in der Fabrik nun gemacht hat – man kriegt es schwer aus ihm heraus. Zum Teil ist es vermutlich dem Umstand geschuldet, dass Bergmann jetzt ein alter Mann ist. „Ich werde alles essen. Ich werde alles austrinken. Ich werde alles tun, was von mir erwartet wird. Aber gerade bin ich am Telefon“, hört man ihn zwischendurch in den Hintergrund rufen. Und man kann sich ausmalen, wie eine Pflegekraft in einem Krankenhaus von Ann Arbor gerade in diesem Moment wortlos ein Tablett auf einen Tisch stellt und dem alten Mann seinen Willen lässt.

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Ein Kommentar
Richard Hebstreit
Richard Hebstreit

Die Visionen von Frithjof Bergmann werden langsam aber sicher Wirklichkeit. Da ist es kein Wunder, dass man sich seiner immer mehr erinnert. Noch mehr wird man sich sicher erinnern, wenn Frithjof Bergmann nicht mehr „unter uns weilt“.

Ein Jünger und auch Kritiker von Prof. Bergmann, der Wiener Franz Nahrada, hat mal vor ein paar Jahren folgendes postuliert:

„Die Informationsgesellschaft und ihre auf Mikroelektronik basierende Technologie ist sowohl in der Richtung der extremen Arbeitsteilung als auch in der Richtung der Reintegration von Arbeitsvorgängen grundsätzlich offen. Sie kann eine von Roboterhänden gesteuerte Fabrik, menschenleere Produktionsstraßen mit gewaltigem stofflichem Input an Ressourcen und Energien und Output an Produkten und Abfall schaffen sie kann aber genauso im Prinzip die bisher getrennten Arbeitsvorgänge wieder integrieren – und schafft so die Möglichkeit der dezentralisierten Hausarbeit, des „ganzen Hauses“ der traditionalen Gesellschaften in neuer Form. Er meint, was da folgt, ist die „dezentralisierende Automatisierung“….“Die Maschinen schrumpfen, sie passen sich dem Benutzer und ihrer Umgebung an, sie sind aber miteinander und mit dem Benutzer ständig in einem Netzwerk des Informationsaustausches verbunden.“

Gut, seine Visionen über die „Neuen Zentren der neuen Arbeit“ sind noch nicht in seinem Sinne überall komplett existent geworden. Doch wenn man manches Geschehen der Realität der Auseinandersetzung mit der Arbeit betrachtet, findet man einiges was einige Theorien von Prof. Bergmann als „INPUT“ bewußt oder unbewußt realisiert haben. Die Teecampagne von Prof. Valtin ist offensichtlich auch mit Theorien von Prof. Bergmann gestrickt wurden. (Die beiden kennen sich!). Das tun, „was man wirklich, wirklich will “ erinnert mich auch an den Multimillionär Klaus Zapf, einen Berliner Umzugsspediteur, der wie ein professioneller 68er Jahre Gammler manchmal Flaschen sammelnd durch die Berliner Straßen lief. (Zapf kannte keinen Bergmann – er agierte trotzdem bewusst das Prinzip „wirklich, wirklich das tun, was man will!“ Auch so manche Arganöl Kooperative in Marokko koppelte sich vom bisherigen Marktgeschehen ab.

Fast die gleiche Technik der Nadeldrucker von damals können heute vollautomatisch Klamotten zusammen nähen. Per Laserschitt, ist der Schnitt der Stoffe in wenigen Sekunden in allen Konfektionsgrößen möglich! Eine Elektrolokomotive kann man damit aber zur Zeit und auch in naher Zukunft noch nicht bauen. Macht nix. Vergesellschaftung von Großindustrieproduktion-Produktionsmitteln ist heute auch kein wesentliches tolles revolutionäres Problem mehr. Die Vergesellschaftung von Wasserbetrieben und der Elektroenergieversorgungen macht sowas vor! Neue Eisenbahnverbindungen mit Flixbahn klappt ja nun auch schon!

Nicht nur das maschinelle ändert sich, sondern auch Distributionsstrukturen:
In fast jeder Berliner Straße mit massiver Blockbebauung sind die „Tante-Emma-Läden“ wieder heute präsent! Oft rund um die Uhr und ganze achtköpfige Familien leben davon. Wie das alles funktioniert, kann mann fünzigsprachig weltweit verfügbar sehen. Das ist nicht SF, das funktioniert heute schon.

Vor vielen Jahren fiel mir mal ein Buch in die Hand. „Ursprung der Dinge“ von Julius Lips. Der beschrieb da die Kulturgeschichte des Menschen. Um Kultur geht es da nicht so vordergründig. Es ging um die Entwicklung der Handwerkszeuge der Menschen seit …zig tausenden von Jahren. Nur, mit den Entwicklungsstand von vor ca. tausend Jahren hat er aufgehört.

Bergmann spinnt jetzt mit Überspringen der tausend Jahre Lücke einfach weiter. Bergmann extrapoliert im Sinne der Entwicklung der Produktionsmittel einfach weiter. Die eigenen ungeschickte Erfahrung, mit Axt und Säge den amerikanischen Wald sich gehörig zu machen haben ihn geprägt. Er schielte danach nach der Mühsal dieser schweren Arbeit nach der Kettensäge und studierte erst mal Philosophie.

Am derzeitigen weltweit agierenden monopolkapitalistischen Kapitalismus kratzt er nicht sehr herum, wenn auch die Linke ihm das schwer vor wirft. Bergmann ist ein Fan der „WTR“ der „Wissenschaftlichen technischen Revolution“ und meint die Geduld zu haben noch zu seinen Lebenszeiten zu zu schauen, wie die gegenwärtigen „demokratischen“ kapitalistischen Gesellschaftsmodelle wegen der WTR, schlicht und einfach wahrscheinlich zwar nicht implodieren, aber schön vorschriftsmäßig nach Marx und Engels wenigstens teilweise zusammenklappen.

Frithjof Bergmann vor 10 Jahren:
https://www.flickr.com/photos/rhebs/sets/72157614486767580/

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