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Nichts neues seit Paulus und Müntefering: Für Felix Schwenzel sind New-Work-Buzzwords ein alter Hut

(Foto: Shutterstock / chrisdorney)

Wenn wir uns nicht trauen, ­Arbeit grundlegend neu zu denken,­ helfen ­sämtliche New-Work-­Versprechungen ­wenig, meint Felix Schwenzel in seiner Kolumne für Irrelevanz.

Work-Life-Balance, Co-Working-Spaces, Jobsharing, Holacracy, Scrum: Die Diskussion um New Work ist nicht neu, in den vergangenen Jahren prasselt sie aber schlagwortartig immer intensiver auf uns ein. Seit 40 Jahren versucht Frithjof Bergmann unseren Begriff von Arbeit zu reformieren, seit 15 Jahren diskutieren wir über ein bedingungsloses Grundeinkommen, seit 80 Jahren versucht die Camphill-Bewegung ­Arbeitsmodelle neben der klassischen Lohnarbeit in Lebens­gemeinschaften praktisch anzuwenden, bei denen nicht das Produzieren im Vordergrund steht, sondern das Ent­decken eigener Potenziale.

Und doch scheinen all diese Bemühungen und Diskussionen, all diese Lebensmodelle und Experimente, um neue Formen der Arbeit auszuprobieren, nichts an unserer Sicht auf Arbeit, insbesondere auf die Stellung von Lohnarbeit, geändert zu haben. Wir haben es in den letzten 15, 40 oder 80 Jahren nicht geschafft, uns von einer überkommenen, über 2.000 Jahre alten, Vorstellung von Arbeit zu lösen.

Ein paar Jahre nach Christi Geburt schrieb der Apostel Paulus einen Brief, in dem es hieß: „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.“ Diese Vorstellung von Arbeit hat sich auf eine äußerst bornierte und bigotte Art im Gewebe unserer Gesellschaft festgefressen. Als Franz Müntefering noch Vizekanzler war, behauptete er einmal, dass dieser Bibelvers ein „ganz alter Spruch in der Sozialdemokratie“ sei. Genau betrachtet dürfte dieser Spruch ein ganz alter Gedanke in ungefähr allen politischen Strömungen sein, ganz besonders beliebt ist diese Ansicht aber ausgerechnet in der SPD. Andrea Nahles pflichtete ihrem ehemaligen Chef kürzlich bei, als sie sämtlichen Alternativen zur Lohnarbeit in einem einzigen Satz pauschal eine Absage erteilte: „Die SPD steht für ein Recht auf Arbeit – und nicht für bezahltes Nichtstun.“

Die Gestrigkeit der SPD ist natürlich nur eine Reflexion der Sicht, die die ­Mehrheit der Deutschen auf Arbeit hat. Unsere gesamtgesellschaftliche Interpretation von Paulus’ Spruch lässt kaum Spielraum: Wer für seine Arbeit kein Geld bekommt, also keiner geregelten Lohnarbeit nachgeht, tut nichts und taugt nichts. Die Verlogenheit dieser Interpretation zeigt sich bei unserem Blick auf Arbeit, die nicht in Form von Lohnarbeit organisiert ist: Hausarbeit, Care-Arbeit oder zum Beispiel künstlerische Arbeit. Versuche, Haushaltsarbeiten wie Kindererziehung, Wäschewaschen, Putzen oder Kochen überhaupt als Arbeit sichtbar zu machen oder gar zu entlohnen, werden routinemäßig mit ökonomischen Argumenten abgebügelt.

Arbeiten, die aus dem Raster der ­klassischen Lohnarbeit fallen, sind nicht nur für die SPD eine Art „Nichtstun“. Solche Arbeiten anständig zu bezahlen oder als ordentliche Arbeit anzuerkennen, scheint für uns als Gesellschaft nicht infrage zu kommen. Das Problem ist allerdings, dass die Umbrüche, die Disruptionen der klassischen Arbeits­bereiche, unerbittlich kommen. Wir wissen seit mindestens 40 Jahren, dass wir angesichts von immer weitreichenderer Automatisierung, Digitalisierung und der Globalisierung nicht nur neue Formen des Zusammenarbeitens finden müssen, sondern auch, dass wir den Begriff der Arbeit neu denken müssen. Statt umzudenken und zu beginnen, die Arbeitswelt umzubauen, versuchen die USA unter Trump, sich zurück in die „guten, alten“ 1950er-­Jahre zu katapultieren. In Deutschland schönen wir uns die Arbeitsmarkt­zahlen, so wie VW sich die Abgaswerte über Software­tricks geschönt hat. Auf die Idee, etwas Grundlegendes zu ändern, kommen wir offenbar erst, wenn es brennt.

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Dass es bereits brennt, zeigen unter anderem die Gelbwesten in Frankreich. Trotz ordentlicher Wirtschaftszahlen, von denen offenbar nur etwas im oberen Drittel der Gesellschaft hängen bleibt, explodieren in Frankreich die Proteste von Unzufriedenen, Unterprivilegierten. Von Menschen, die arbeiten, aber doch fürchten, unter die Räder der Globalisierung und des Fortschritts zu geraten. Wenn wir es als Gesellschaft nicht schaffen, unser Bild von Arbeit zu überdenken, Strukturen oder Systeme aufzubauen, die auf Solidarität und nicht nur auf Gier als treibende Wirtschaftskraft setzen, bleibt New Work ein leeres Schlagwort, mit dem ein paar wenige gut ausgebildete Wissensarbeiter ihre gute alte (Büro-)Arbeit ein bisschen optimieren, angenehmer gestalten und sich davon gegenseitig auf New-Work-­Kongressen vorschwärmen.

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