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Podcaster Tim Pritlove: „Facebook ist das AOL des 21. Jahrhunderts“

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t3n Magazin: Wie viele Leute hören Ihre Podcasts?

Tim Pritlove: Ich habe eine nennenswerte, fünfstellige Hörerschaft, wobei das Minimum bei circa 20.000 liegt. Je nachdem, wie sehr sich eine Sendung herumspricht, kommen einzelne Episoden auch mal auf eine deutlich höhere Reichweite.

t3n Magazin: Wie ist im Vergleich dazu die Reichweite von Podcasts in den USA?

Tim Pritlove: Die Situation in den USA ist eine deutlich andere. Gerade Tech-Formate sind dort unheimlich populär, da erreichen entsprechende Formate durchaus eine Hörerschaft von einer viertel Million Leute pro Episode. Es ist aber auch eine andere Kultur in den USA, beispielsweise, was Werbung angeht. Was bei uns in Podcasts in Sachen Werbung als störend empfunden wird, gilt dort als absolut erträglich. In klassischen Medien wie im Fernsehen werden die Zuschauer in den Vereinigten Staaten mit sehr viel Werbung zugeschüttet. Die Medienlandschaft in den USA ist auch eine ganz andere, der Missstand ist extrem hoch und Podcasting, wie auch andere Medien im Netz, sind extrem populär, weil sie einfach das Medium der Nische sind. Und die Nische ist größer als der Mainstream – nicht eine Nische, aber alle Nischen zusammen.

t3n Magazin: In Deutschland sind in den vergangenen zwei Jahren viele Podcast-Projekte gestartet. Was würden Sie diesen jungen Projekten an Tipps mit auf dem Weg geben?

Tim Pritlove: Das Wichtigste ist, dass man weiß, worüber man reden will: also das Format und die inhaltliche Zielsetzung sollten klar sein. Zudem ist es entscheidend, in einer bestmöglichen Qualität zu produzieren. Das sind die beiden Dinge, die im Vordergrund stehen sollten. Darauf zu achten, dass man für Andere etwas produziert, ist ebenso von Bedeutung. Ein „normales“ Gespräch, das dann einfach aufgezeichnet wird, mag für einen kleinen Freundeskreis ganz interessant sein. Aber wenn das Ganze eine größere Reichweite haben soll, muss man sich klarmachen, dass potenziell eintausend weitere Leute im Aufnahmeraum sitzen. Diese Leute investieren Zeit und wollen dafür auch belohnt werden.

t3n Magazin: Als langjähriges CCC-Mitglied beschäftigen Sie sich seit den Anfängen des Internets intensiv mit dem Netz. Wie schätzen Sie die wachsende Dominanz von Facebook im Netz ein, auch vor dem Hintergrund der „Instagram“-Akquisition?

Tim Pritlove: Für mich ist Facebook das AOL des 21. Jahrhunderts. Facebook hat nämlich ein Problem gelöst, dasss das Netz nicht selbstständig hat lösen können: Einfachheit. Und einfache Systeme haben Erfolg. Dass sie jetzt Instagram kaufen, ist ein Eingeständnis der Schwäche. Darin sieht man, dass selbst ein so riesiger Laden wie Facebook nicht in der Lage ist, wirklich alle Trends zu erfassen. Facebook hat nicht Instagram gekauft, weil sie es unbedingt in ihrem Portfolio haben wollten, sondern weil es kein anderer kaufen sollte.Facebook ist für viele Leute die erste „Andockstation“ gewesen, um überhaupt mit „diesem“ Internet klarzukommen. Im Internet veröffentlichen, Fotos teilen, kommentieren: Das ist mit dem Standardbesteck einfach viel zu kompliziert und war lange Zeit nur einer kleinen Kaste von technisch affinen Leute wie mir vorbehalten. Ich sehe aber keine zwingende Notwendigkeit, dass das so bleiben muss. Instagram hat ja auch gezeigt, wie man etwas besser, vor allem einfacher machen kann. Und ich glaube, da liegen die Chancen. Man muss versuchen, dass Netz und seine ganzen Möglichkeiten einfach und damit automatisch auch offen zu gestalten.

Tim Pritlove in seinem Podcast-Studio in Berlin. Hier entstehen unter anderem mobileMacs und „Not Safe For Work“.
Tim Pritlove in seinem Podcast-Studio in Berlin. Hier entstehen unter anderem mobileMacs und „Not Safe For Work“.

t3n Magazin: Welche aktuellen Entwicklungen im Netz finden Sie besonders spannend?

Tim Pritlove: Payment-Lösungen im Internet sind ein sehr interessanter Themenbereich. Den Traum vom E-Geld gibt es ja schon länger, bisher hat sich da allerdings relativ wenig getan. Ich denke, dass Micropayment in der Lage sein könnte, eine Menge Dinge aufzubrechen. Flattr ist eine Antwort, es muss aber nicht die einzige bleiben. In dem Moment, wo Zahlungswege einfacher möglich sind, entsteht die Basis für ein gänzlich anderes Kulturschaffen. Auch das ganze Geklage, dass Geldströme nicht stattfinden und nicht möglich sind, hat im Wesentlichen mit der Unmöglichkeit zu tun, es eben „einfach“ zu gestalten. Payment im Internet ist einfach zu schwierig. In dem Moment, in dem Payment einfach und elegant wird und trotzdem sicher für den Nutzer bleibt, werden unzählige neue Dienste starten, die dann überhaupt erst existieren können. Der kleine Podcast-Kosmos funktioniert mit Flattr als Payment-System deshalb so gut, weil dieses Ökosystem die dafür nötigen Voraussetzung so gut erfüllt. Das sind im Wesentlichen der direkte persönliche Bezug sowie eine sehr spezielle Content-Erzeugung. Die Leute investieren im Prinzip in das Fortführen des Projekts. Sie zahlen deshalb Geld, weil sie sich an bestimmte Dinge gewöhnt haben und diese erhalten wollen. Und ich denke, dass sich dieses Prinzip auf andere Bereiche anwenden lässt. Der Kampf gegen etablierte Banken und Zahlungssysteme ist allerdings kein einfacher.

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