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Kreative PR für Startups: Es darf auch mal verrückt sein

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Hier noch einige weitere Beispiele von Aufmerksamkeiten, die wir im Laufe mehrerer PR-Jahre an Redaktionen verschickten: Pillendosen mit Psycho-Pharmaka (Pfefferminz-Bonbons), Bausätze für Kastanienmännchen, Superhelden-Umhänge, Gemälde mit Geheimfach auf der Rückseite, Miniatur-Einkaufswagen und last but not least: Strumpfbänder.

Zu diesen Aktionen gehörte natürlich mehr Mut als zur klassischen Pressemitteilung, und auch das Produkt sowie der Aufhänger mussten gut passen. Das Feedback jedenfalls war im Großen und Ganzen positiv. Einmal meldete sich sogar der Unterhaltungs-Chef einer großen deutschen Zeitung zurück, um sich schmunzelnd für ein Schweißband zu bedanken, das er gerade bekommen habe und nun auf dem Kopf trage. Es handelte sich dabei um das eben erwähnte Strumpfband, das im Zusammenhang mit einem „heißen“ Entertainment-Produkt an Redaktionen verschickt worden war. Auch für die Pillendose mit den vermeintlichen Psycho-Pharmaka gab es aus der Redaktion eines großen Online-Nachrichtenmagazins eine scherzhafte E-Mail-Antwort. Man kann sich also eine ganze Menge einfallen lassen – die Aktion muss nur zum Produkt und Empfänger passen und den richtigen Ton treffen.

Wer sich nicht ganz sicher ist, ob eine geplante Aktion wirklich gut ist und beim Gegenüber ankommt, sollte im Vorfeld den „Hausfrauentest“ machen. Sprich: die Aktion exakt so, wie sie geplant ist, mehreren Personen vorlegen, die mit dem Thema nichts oder nur bedingt zu tun haben. Wird die Idee sofort verstanden und sorgt für ein Lächeln, liegt man wohl richtig. Sorgt die Idee für ein halbes Dutzend ratlose Gesichter oder wird für „nicht so toll“ befunden, dann ist sie das meist auch nicht. In diesem Fall sollte man nicht zu sehr in die eigene Idee verliebt sein und einfach neu konzipieren.

Wenn Unternehmen sich mit fremden Federn schmücken…

Ähnlich wie in der Werbung mit dem Schweizer Hustenbonbon Ricola kommt es manchmal vor, dass Unternehmen sich mit fremden Federn schmücken. Im folgenden Beispiel war es ein Internet-Provider, der sich im Zuge einer Kooperation der Technologie von Jimdo, des oben erwähnten Website-Baukastens, bediente. Mit Hilfe des Startups brachte das Unternehmen ein ähnliches Produkt auf den Markt und kassierte bald darauf einen Innovationspreis dafür. Leider vergaß das Unternehmen, an angebrachter Stelle und in seiner Kommunikation zu erwähnen, dass es dieses Produkt nicht selbst entwickelt hatte.

Mit dieser Aktion wies Jimdo öffentlichkeitswirksam darauf hin, dass der Webseitenbaukasten von 1&1 auf der jimdo-Technik basiert.
Mit dieser Aktion wies Jimdo öffentlichkeitswirksam darauf hin, dass der Webseitenbaukasten von 1&1 auf der jimdo-Technik basiert.

Wie geht man also vor, wenn man selbst ein originelles Produkt entwickelt hat, aber jemand anderes die Lorbeeren dafür bekommt? Man gratuliert dem Innovationspreis-Gewinner möglichst schnell mit einer Aktion im Social Web, indem man das Ganze – auf nette Art und Weise – publik macht und auf das Bewusstsein für Fairness im Netz setzt.

Im Fall von Jimdo gratulierte also das Startup dem Provider und gab zur Feier des Tages über Twitter 111 Flaschen Bier aus. Und zwar jedem, der mit dem Hashtag #BierundBier auf die Frage antwortete: „Wer hat´s erfunden?“.

Mit einer Grafik erklärte das Startup die Aktion und erläuterte im eigenen Blog die Hintergründe der Zusammenarbeit [2]. Die 111 Flaschen Bier wurden noch am selben Tag an die Gewinner verschickt, die in den nächsten Tagen fleißig Fotos mit den erhaltenen Bierflaschen inklusive Hashtag posteten. #BierundBier landete am Aktionstag bei Twitter in den deutschen Trending-Topics, die Gewinnspielgrafik würde über 3.500 mal aufgerufen und unter dem Blog-Eintrag des Providers zum gewonnen Innovationspreis war in den Kommentaren einiges los – die Netzgemeinde kommentierte die Auszeichnung auf ihre Weise [3].

Des Weiteren erreichte die Kern-Botschaft „Wir sind das Original“ über Twitter einige Journalisten und Blogger, die ab diesem Zeitpunkt bei Vergleichstests und anderen Gelegenheiten gern auf die Zusammenhänge und das günstigere Startup-Produkt hinwiesen – so auch bei t3n [4]. Zusammengefasst lässt sich sagen: Selten war die Investition in 111 Flaschen Bier so sinnvoll.

So lustig und unterhaltsam diese Aktionen auch klingen: Natürlich sind solche PR-Maßnahmen keine Allzweck-Waffen. Man darf nicht glauben, dass eine einzelne Aktion bereits ausreicht, um ein Produkt oder Unternehmen dauerhaft in der Presselandschaft zu etablieren. Dazu gehört dann doch etwas mehr. Wer ausschließlich auf Effekte ohne Inhalt setzt, wird auf die Dauer nicht viel davon haben. So waren alle oben aufgeführten Beispiele eingerahmt von klassischer Pressearbeit – davor und danach. Außerdem sollte man davon absehen, auf Dauer-Kreativ-Befeuerung zu setzen, da es schnell zum Overkill für Journalisten kommen kann. Am besten ist es, zwischen solchen Aktionen immer genügend Zeit vergehen zu lassen und ein vernünftiges Maß zu finden.

FAZIT

Content ist und bleibt King – auch bei kreativer PR-Arbeit. Startups dürfen und sollen mit frischen Ideen an Pressearbeit herangehen. Es darf dabei durchaus keck, aber dennoch freundlich und charmant zugehen. Doch ganz egal, wie ausgefallen die PR-Ideen sind, nach dem „Zauber und Zinnober“ sollte immer das inhaltliche Abliefern folgen – sowohl in Sachen PR-Arbeit als auch in Sachen Produkt.

Ohne nun gleich zum Fürsprecher der anfangs erwähnten „Beamten-PR“ zu werden – Startups sollten sich an den Satz „Erst die Pflicht, dann die Kür“ halten. Wer dies verinnerlicht hat, der kann getrost und ganz im Sinne von George Bernhard Shaw das Normale vergessen und auch mal gekonnt verrücktspielen.

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