Digitale Gesellschaft

Süddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger im Interview: „Mauern passen nicht zum Netz“

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t3n Magazin: Was halten Sie von Social-Reader-Apps wie Flipboard oder Google Currents?

Stefan Plöchinger: Auf solchen Plattformen erwirtschaften potenziell oder reell Dritte Erlöse mit unseren Inhalten. Das ist für uns grundsätzlich immer schwierig. Wir wollen an unseren Inhalten natürlich erstmal selbst verdienen. Trotzdem, Plattformen wie Flipboard oder Google Currents sind interessant, insbesondere auch, um neue Leser zu finden. Zugleich sollte man aber nicht glauben, dass sie die Rettung für die Zeitungs- und Verlagsbranche sind.Ich glaube, dass wir nicht nur einen Nutzertypen da draußen haben, sondern viele verschiedene. Unter diesen verschiedenen Nutzertypen gibt es einen, der liest nur noch über seine Twitter-Timeline. Andere nutzen lieber Flipboard, wieder andere besuchen unsere Website oder nutzen nur noch unsere mobilen Angebote.Flipboard und andere Social-Reader-Apps muss man sich genau anschauen, was wir getan haben. Allerdings sind wir natürlich nicht begeistert, wenn wir unsere etablierten Abo-Modelle nicht anbieten konnten – schließlich wollen wir mit unserem Angebot möglichst viel Geld verdienen.

t3n Magazin: Infografiken sind der Renner im Netz. Wie stehen Sie zu dieser neuen Form der Informationsaufbereitung?

Stefan Plöchinger: Unsere iPad-Redaktion erstellt jeden Tag eine interaktive Grafik. Für die Online-Redaktion setzen wir auch teilweise viel komplexere Sachen um, wie beispielsweise den Zugmonitor im Frühjahr oder jetzt zur dritten Start- und Landebahn am Münchener Flughafen ein großes interaktives Tool. Mit Hilfe des Tools können sich Leser beispielsweise über Lärm und Abgase informieren. Solche Tools und Grafiken bleiben im Kopf, weil sie Informationen auf neue und angenehmere Art aufbereiten, als es im reinen Text möglich wäre. Deshalb halte ich es journalistisch für ein sehr wichtiges Format –auch aus Sicht eines Chefredakteurs, der seine publizistische Marke bekannter machen will.

t3n Magazin: Ist Datenjournalismus ein Format, das sich langfristig durchsetzen wird?

Stefan Plöchinger: Datenjournalismus ist großartig. Es ist Journalismus, wie er nur im digitalen Raum möglich ist. Journalisten können mit den entsprechenden Tools in riesigen Datenbanken recherchieren. Sie können plötzlich Fakten, die ihnen normalerweise „nur“ mitgeteilt werden, auf ganz neue Art hinterfragen. Das ist von der grundsätzlichen Herangehensweise eigentlich nichts anderes als „Computer-assisted Reporting“, also die computergestützte Recherche und Analyse für journalistische Zwecke – was im Grunde seit den 80er Jahren bekannt ist. Was jetzt dazu kommt ist, dass man den Lesern die Informationen, die man in großen Datenbanken recherchiert hat, auch noch auf innovative Weise präsentieren kann, so dass ein journalistisches Informationserlebnis entsteht. Ein Zugmonitor, unsere Echtzeit-Analyse des Fernverkehrs der deutschen Bahn, kann ich nur im Netz machen – und wenn ich es im Netz richtig mache, dann kapieren die Leute plötzlich viel besser, wie Bahnverspätungen funktionieren – besser, als es jeder Text leisten könnte. Immer dann, wenn wir bei der Süddeutschen Zeitung denken, dass wieder eine Geschichte über Bahnverspätungen fällig ist, können wir diesen Datensatz abrufen und auswerten.

t3n Magazin: In den USA ist der Umsatz, der mit eBooks generiert wurde, erstmals größer als der Umsatz mit Hardcover-Büchern. Wird es in zehn Jahren noch eine gedruckte Version der Süddeutschen geben?

Stefan Plöchinger: Ich glaube, ja. Den Tod der Zeitung haben die Leute schon vor zehn Jahren vorhergesagt. Es gibt sie aber nach wie vor. Die überregionale Verbreitung unserer Zeitung ist überaus stabil und wächst in den Großstädten sogar noch. Es gibt ganz offensichtlich einen Wunsch nach einer guten, informativen Tageszeitung, die keinen 0815-Journalismus praktiziert, sondern Artikel von guten Autoren mit analytischem Tiefgang liefert. Selbst wenn Leser irgendwann nicht mehr eine gedruckte Zeitung wollen, sondern ihre Zeitung lieber auf einem iPad lesen wie ich, wird das keinen großen Unterschied machen. Denn was uns persönlich wirklich überrascht hat: Die Zahlungsbereitschaft auf dem iPad ist hoch. Wir konnten innerhalb kurzer Zeit einen signifikanten vierstelligen Bereich an Abos auf dem iPad verkaufen. Solche Zuwächse erreichen Sie im gedruckten Medium kaum noch. Mit der gedruckten Zeitung verdienen wir allerdings noch mit Abstand das meiste Geld. Das mit Abstand größte Wachstum haben wir jedoch in den digitalen Medien. Niemand wird bei der Süddeutschen Zeitung in 20 Jahren an Papier als Verbreitungsart hängen. Ich glaube aber, dass alle an dieser Form des Journalismus, für den die SZ steht, festhalten wollen – unabhängig, ob gedruckt oder digital.

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4 Kommentare
Chefpraktikant
Chefpraktikant

Peinlich, ausgerechnet in einem Artikel über die Süddeutsche gleich drei sz-Fehler (dass/das) zu finden. Ändert zwar nichts am interressanten Inhalt, ist aber einfach unprofessioneller Journalismus.

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Jan Christe
Jan Christe

@Chefpraktikant Danke für den Hinweis. Die Fehler sind korrigiert.

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Luczi Knox
Luczi Knox

Alles nicht ohne Hand und Fuß soweit, bis auf den platten Apple-Werbeblock im 4. Absatz:
WIR waren schon ‚mobil‘, als Hr. Plöchinger noch seine [Markenname]Superabsorbers getorturetestet hat, und Apple … who?

Aber – Chuzpe! – wie er da stolz seine Prinzenrolle in die Kamera hält, wo man uns 50plusses jede Lachfalte im Gesicht per Abmahnung dokumentiert.
Öfter um den Block laufen hält länger ‚hip‘ …

Artikel wertig, ungeachtet dessen.
:)

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Daniel
Daniel

„Mauern passen nicht zum Netz“ – und gleichzeitig Apple bejubeln, die durch Zensur und Patent-Terror genau diese Mauern schaffen. Wenn’s nicht so traurig wäre könnte man fast drüber lachen.

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