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Exits, von denen Berlin nur träumt: Über die Gründerszene und Startupförderung in Israel

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Wenn das Militär Innovation fördert

Das politische, soziale und wirtschaftliche Klima ist in Israel für Gründer so positiv wie sonst wohl kaum auf der Welt. Pro Kopf gerechnet gibt es hier weltweit die meisten Gründer. Doch warum gerade Israel, das umlagert ist von feindlichen Nachbarn und bedroht von Raketen und Selbstmord-Attentätern? Warum ausgerechnet Tel Aviv, wo Strand und Feindesland gerade mal zwanzig Autominuten auseinander liegen? Warum in einem Land, dessen Ballungsgebiete hoffnungslos übervölkert sind, da es zu sechzig Prozent von Wüste bedeckt ist?

Eine Antwort liegt gerade in diesen Herausforderungen. Sie halfen dem Agrarstaat, sein „Geschäftsmodell“ radikal zu wandeln. Von zahlenmäßig übermächtigen Gegnern umzingelt, musste Israel technologisch überlegen sein und eine militarisierte Gesellschaft akzeptieren, in der uniformierte Frauen und Männer mit geschultertem Sturmgewehr zum Straßenbild gehören. Jeder Bürger wird hier nach der High School für zwei bis fünf Jahre zum Wehrdienst eingezogen. Über fünf Prozent der Bevölkerung gehört zum Militär – entweder als Wehrpflichtige oder anschließend für bis zu 15 Jahre als Reservisten.

Reservist sein heißt in Israel nicht, den Karabiner aus dem Schrank zu nehmen und für ein paar Tage den Ernstfall zu mimen. Es heißt, tatsächlich Patrouillen- oder Kampfeinsätze zu fliegen – Woche für Woche einen halben Tag, wie ein Gründer erzählt, dessen Name, wie er betont, aus Sicherheitsgründen unerwähnt bleiben muss. Er ist Major der Luftwaffe und stellt für sein Startup grundsätzlich nur Kampfpiloten ein. Den unvermeidbaren Produktivitätsausfall nimmt er in Kauf, wenn die Haltung stimmt. Damit meint er den im Militärdienst kultivierten Mut, schnell zu entscheiden und nicht an Dienstanweisungen und Hierarchien zu kleben.

Das schließt auch den Mut ein, vor versammelter Mannschaft den Vorgesetzten zu kritisieren. „Rosh gadol“, „großer Kopf“, nennen die Israelis diese Eigenschaften, die sie uneingeschränkt positiv werten. Wer die falsche Entscheidung trifft, steht nicht als Versager da – das gilt auch für Unternehmer. Mit dem landesüblichen Pragmatismus werden fehlerhafte Entscheidungen bei nächster Gelegenheit korrigiert – im Zivilleben wie auf dem Gefechtsfeld.

Landesweites Networking

Das israelische Militär ist eine High-Tech-Armee mit Spezialeinheiten für Verschlüsselung, Spracherkennung und Web-Analyse, die ihre Angehörigen sorgfältig unter den Besten rekrutiert. Der Dienst in diesen Eliteeinheiten bringt spezialisierte Netzwerke hervor, die im Zivilleben fortbestehen. So kennt in Israel über zwei, drei Ecken nahezu jeder jeden. Jeder Isreali hat seinen „Track Record“. Selten muss ein Unternehmer einen völlig unbekannten Mitarbeiter einstellen. Schnell kann Vertrauen entstehen – ein unverzichtbarer Bestandteil produktiver Organisationen. Es kommt sogar vor, dass ein Offizier sich im Zivilleben als Angestellter seines ehemaligen Untergebenen wiederfindet.

Diese Netzwerke öffnen die Türen in Israel unheimlich schnell, wie jeder feststellt, der etwas braucht. Das gilt auch für die Techies, die sich im Dienst der Armee Wissen angeeignet haben und nach dem Studium darauf brennen, es mit der richtigen Geschäftsidee zu Geld zu machen. Doch die Türen zum Wagniskapital bleiben gerade in der empfindlichen Gründungsphase verschlossen, wie Yossi Smoler kritisiert. Er ist Programmdirektor der „Technological Incubators“ im Büro des „Chief Scientist“ des Wirtschaftsministeriums.

mappedinisrael.com: Die Karte zeigt Startups (blau), Accelerators, Communities, Investoren und vieles mehr. (Screenshot: mappedinisrael.com)

mappedinisrael.com: Die Karte zeigt Startups (blau), Accelerators, Communities, Investoren und vieles mehr. (Screenshot: mappedinisrael.com)

Die Gründerszene in Israel: Brutkasten mit System

Der „Chief Scientist“ – eine Behörde mit über hundert Mitarbeitern – kennt deshalb auch nur eine Aufgabe: Startups mit Regierungsgeldern zu fördern ohne Ansehen der Nationalität, sofern sie ihre Forschung und Entwicklung in Israel betreiben. Nicht aus Lust am Risiko, wie Yossi betont, sondern um etwas zu korrigieren, was er Marktversagen nennt: Investorengeld kommt nur den bereits etablierten Unternehmen zugute, aber nicht den Tausenden von Visionären, die mit einem Bruchteil der Summen arbeiten könnten.

Deshalb entwickelte die Behörde für jedes Stadium das passende Programm: In dem weltweit einzigartigen Programm TNUFA und „Technological Incubators“ erhalten Garagenfirmen vor der Gründung Zuschüsse im fünfstelligen US-Dollarbereich. An dem Programm „Technological Incubators“ können alle Unternehmen teilnehmen, die von einem der 22 offiziell anerkannten Inkubatoren für das Programm vorgeschlagen wurden. Chief Scientist und Inkubator fördern das Startup mit maximal 500.000 US-Dollar, von denen der Chief Scientist 85 Prozent trägt.

Der Inkubator muss alles zur Verfügung stellen, was nicht Forschung und Entwicklung ist, und darf für seine Leistungen jährlich insgesamt nicht mehr als zwanzig Prozent der Lohnsumme des Startups kassieren. Dafür erhält er zwischen dreißig und fünfzig Prozent der Unternehmensanteile. Der Chief Scientist beansprucht keine Beteiligung, im Falle eines Exits jedoch die Rückzahlung seiner Investition inklusive drei Prozent Zinsen pro Jahr. Außerdem müssen Forschung und Entwicklung im Land bleiben. Andernfalls wird eine Ablösegebühr fällig.

Über 1.700 Startups hat das „Technological Incubators“-Programm seit 1991 schon zu einem positiven Exit geführt. Darunter den Wi-Fi-Spezialisten Alvarion, den Hersteller von Wasserentsalzungs- und -aufbereitungsanlagen DIE und den Technologieanbieter Given Imaging, der verschluckbare Minikameras für endoskopische Zwecke herstellt. Die Liste der privatwirtschaftlich organisierten Anwärter auf den Inkubatorenstatus ist lang und das Geschäft so attraktiv, dass viele internationale Tech-Firmen auf der Liste stehen. Für die Regierung ist das Programm ein Erfolg: Sie hat 690 Millionen US-Dollar investiert bei einer gleichzeitigen privatwirtschaftlichen Finanzierung von über 3,5 Milliarden US-Dollar.

Selbstorganisation der Pioniere

Doch nicht nur staatliches Investment führt zu den vielen erfolgreichen Exits, erzählt Karin Mayer Rubinstein, Geschäftsführerin der Israel Advanced Technology Industries (IATI). Der Dachverband der israelischen High-Tech-Wirtschaft hat in Herzliya nördlich von Tel Aviv seine Büros – auch das israelische Silicon Valley genannt. Dort konzentrieren sich auch die renommierten Venture Capitalists wie Sequoia, Greylock oder Bessemer.

Wie viele einflussreiche israelische Organisationen hat der IATI nur wenige Mitarbeiter. Es vertritt vom Gründer bis zum Tech-Riesen und Venture Capitalist alle Unternehmen. Unter den zirka 500 Mitgliedern findet man die unterschiedlichsten Unternehmen – vom Pharmagiganten Abbott bis zum Mobile-Dienstleister Zuznow. Der IATI organisiert mehr als 140 Events jährlich – etwa die größte israelische Konferenz für High-Tech und Life-Sciences. Hier lassen sich die Kontakte pflegen, die auch Unternehmen wie Screemo so dringend brauchen.

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