Karriere

Unmenschliche Lifehacks: Warum GTD, ZTD und andere Produktivitätsansätze so häufig scheitern

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Das Problem: Der Mensch als Maschine

Lasst uns einen Schritt zurück machen, um das Ganze zu betrachten und ein paar grundsätzliche Probleme in unserer Herangehensweise zu identifizieren.

Ich bin immer wieder fasziniert von unserem Produktivitätsglauben. Wir wollen immer mehr in immer kürzerer Zeit „erledigt bekommen“, um dann noch mehr Zeit dafür zu haben, noch mehr zu schaffen. Äußerst interessant finde ich in diesem Zusammenhang den Begriff „Lifehacks“. Hacks seien hier einmal grob als Tricks definiert, mit denen man eine Maschine dazu bringt, Dinge zu tun, die eigentlich nicht vorgesehen waren oder an die man bei der Entwicklung zumindest nicht gedacht hat.

Nun hat sich für Produktivitätstricks der Begriff „Lifehacks“ eingebürgert und enthüllt damit das Verständnis, das wir unbewusst beim Thema Arbeit von uns selbst haben: Wir sehen uns als Maschinen. Wir glauben, dass es nur die richtige Bedienung und ein paar Hacks braucht, um uns zu deutlich effizienteren Maschinen zu machen und den produktiven Output zu erhöhen. Wie Ingenieure stehen wir an der Produktionsstraße, betrachten uns selbst wie Fertigungsroboter und suchen nach Optimierungspotenzial. Wenn wir selbst nicht mehr weiterkommen, müssen Consultants wie David Allen (Getting Things Done) oder Leo Babauta (Zen to Done) her, damit unser Produktivitätsfaktor wettbewerbsfähig bleibt.

Maschinendenken in der Wissensgesellschaft

Meine These ist, dass dieses Verständnis eine unbewusste Reaktion auf den Verlust der einfachen Produktivitätsmessbarkeit in der Industriegesellschaft ist, die bei der Ablösung durch die Dienstleistungs- beziehungsweise Wissensgesellschaft entsteht. Wir sind über Generationen geprägt worden, unseren Wert als Arbeiter in der Größe unseres Outputs in einem bestimmten Zeitraum zu messen. Mit dem Wandel zur Wissensgesellschaft rückten Werte wie Kreativität und Wissensanwendung in den Fokus, die sich nicht mehr mit den Skalen Zeit und Einheiten messen lassen. Wir haben unseren Bezugspunkt verloren und suchen ihn nun in den Lifehacks, die das Maschinendenken der Industriegesellschaft in die Wissensgesellschaft übertragen und uns zu vermitteln versuchen, wie wir produktive „Wissensmaschinen“ werden können.

Das ist sehr schade, denn aus meiner Sicht hat gerade das Hervortreten von Kreativität und Wissen als ausschlaggebende Faktoren uns unsere Menschlichkeit in der Arbeitswelt zurückgegeben. Plötzlich sind unsere menschlichen Fähigkeiten in der Arbeitswelt gefragt. Unser Ziel sollte es da doch sein, diese zur vollen Geltung zu bringen, statt sie wieder in ein industrielles Schema zu zwängen. Ich hole mir ja auch nicht einen Designer für die Gestaltung einer Webseite, um ihn seine Designs dann in einem Texteditor erstellen zu lassen. Trotzdem braucht auch ein Designer bestimmte Rahmenbedingungen und Vorgehensweisen, um seinen Job machen zu können. Inspirationsquellen wie Bildbände, Ausstellungen oder Screenshotsammlungen helfen ihm, Ideen für erste Richtungen zu entwickeln. Eine individuell eingerichtete und intuitiv zu bedienende Oberfläche seines Grafikprogramms unterstützt ihn dabei, sich ganz auf die Umsetzung des Designs zu konzentrieren.

Die spannende Herausforderung für mich liegt im Schaffen neuer Rahmenbedingungen für uns als Wissensarbeiter, die uns helfen, unsere Arbeit optimal zu verrichten und gute Ergebnisse zu liefern.

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3 Kommentare
bernd
bernd

Guter Artikel, der das Thema von einer wichtigen Perspektive beleuchtet. Ich bin eher der Typus Künstler/kreativ/Chaos und bei ist mir ist in den letzten Jahren wirklich jedes GTD System gescheitert. Faktoren wie Spass, Muße, Inspiration, etc. werden von GTD und Co einfach nicht erfaßt. Ich bewege mich meist zwischen Ordnung und Chaos hin und her. Das ist für mich wichtig. GTD betont die Ordnung sehr einseitig und das Chaos wird als Zeitverschwendung/Prokrastination verdammt.

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Florian Fiegel

Also im Sinne von großen Produktivitätssystemen wie GTD stimme ich Dir ohne weiteres zu: unmenschlich und sinnfrei. Allerdings denke ich, dass Du den ZTD-Punkt dabei nicht ganz richtig einordnest. Bei ZTD geht es ja darum Gewohnheiten die einen selbst nerven oder die man sich angewöhnen will in den Griff zu bekommen. Also ganz langsam nach und nach die Produktivität zu erhöhen. Wobei auch das weniger im Vordergrund steht. Stichwort: Zen.

ZTD zielt nicht darauf ab sich in ein System zu pressen, sondern eben mit den kleinen Elementen einfach ein paar sinnvolle Verhaltensweisen anzutrainieren. Man steckt sich hier ebenfalls ein Framework und schafft sinnvolle Rahmenbedingungen.

Ich habe aus ZTD bzw. Zenhabits und Dinge geregelt kriegen meine entspannte Sichtweise bekommen und einen Weg gefunden jeden Tag zufrieden zu beenden. Ein paar Verhaltensweisen angewöhnen und den Rest dann dem Flow überlassen. Und nicht von heute auf Morgen auf die Idee kommen plötzlich übermäßig gut organisiert sein zu müssen.

Und es ist durchaus sinnvoll sich beispielsweise anzugewöhnen ein Notizheft in der Nähe zu haben, Emails nach einem möglichst sinnvollen System zu bearbeiten oder auch Informationen innerhalb einer möglichst simplen Systems für sich selbst zu managen. Gerade mit sowas steckt man sich die Rahmenbedingungen um den Kopf während der kreativen Arbeit frei zu haben.

Ansonsten ein wirklich guter Artikel zum Problem der übertriebenen Anforderungen.

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Matthias Orgler

Wäre schön, wenn mehr Menschen das in diesem Artikel erwähnte endlich verstehen würden. Ich selbst habe als ausgebildeter Ingenieur (M.Sc. Wirtschaftsinformatiker) und früherer Profimusiker das Aufeinanderprallen beider Welten erlebt: Anfangs wollte ich Bands managen wie ein Industrieunternehmen – zum Glück durfte ich sehr früh zu der Erkenntnis kommen, daß kreative Schaffensprozesse ganz anders funktionieren als industrielle. Dennoch spüre ich überall in unserer Gesellschaft noch die Einstellung, daß nur dann etwas Arbeit ist, wenn es auch mühsam aussieht und man „was tut“. Der einzige Ausweg für mich ist, meine eigenen Unternehmen mit dieser Philosophie aufzubauen und mich darüber zu freuen, daß immer mehr Menschen die Lehren dieses Artikels erkennen und umsetzen werden :).

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