Marketing

Hacker ins Business: Wie Unternehmen von mehr Hacker-Kultur profitieren

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Unternehmensstrategie: Einfach mal ausprobieren

Nicht nur Big-Players wie Facebook und Microsoft bemühen sich um mehr Hacker-Kultur in ihren Unternehmen. Bei Startups wie EyeEm aus Berlin durchzieht diese im Prinzip die gesamte Strategie. EyeEm entwickelt eine Foto-App inklusive wachsender Community und hat gerade einen digitalen Marktplatz für Fotos eingeführt. Und Ramzi Rizk, Mitgründer und CTO, sagt ohne zu zögern: „Wir haben die Hackerkultur.“

Für ihn bedeutet das, „dass man nicht viel braucht, um Sachen zu bauen.“ Im Gegensatz zu großen Unternehmen habe man als Startup eben ein kleines Budget. Es klingt zunächst paradox, wenn Rizk sagt: „Deswegen probieren wir vieles einfach mal aus.“ Und doch: Mit Experimentierfreude lassen sich Probleme nicht selten schneller und preiswerter lösen als mit Marktanalysen, Meetings oder Strategiepapieren. Ein Kollege von Rizk hat sich beispielsweise neulich die Programmiersprache „Go“ angeschaut. Davon inspiriert, begann er an einem Freitag mit der Optimierung der internen Message-Queue, einer digitalen Warteschlange in der Software. Als Rizk am Montag zur Arbeit kam, lief diese Queue wesentlich effizienter – der Kollege hatte das ganze Wochenende gebastelt. Einen derart positiven Ausgang könne man nicht immer erwarten, sagt Rizk: „Deswegen muss man Raum für kreative Prozesse lassen.“

Das ist wichtig, wenn Unternehmen Hacker-Herzen für sich gewinnen wollen. Denn Hacker wollen spielen – erhalten sie die Möglichkeit hierzu, achten sie ganz von selbst darauf, dass ihre anderen Aufgaben mit möglichst großer Effizienz erledigt werden.

Ramzi Rizk, Mitgründer und CTO von EyeEm, legt Wert auf kreative Spielräume für seine Mitarbeiter: „Manchmal erkennt man den Wert einer Idee erst viel später.“ (Foto: Aline Liefeld)

Ramzi Rizk, Mitgründer und CTO von EyeEm, legt Wert auf kreative Spielräume für seine Mitarbeiter: „Manchmal erkennt man den Wert einer Idee erst viel später.“ (Foto: Aline Liefeld)

Transparenz und Offenheit: Stichwort Open Data

Neben dem spielerischen Freiraum sind Offenheit und Transparenz wichtige Themen für Hacker. Mit proprietären Strukturen und Lizenzmodellen können sich viele von ihnen nicht anfreunden. Natürlich ist auch von ihnen ein gewisses Entgegenkommen vonnöten, wenn die Liaison mit der Business-Welt klappen soll. Doch auch den Unternehmen ist es durchaus möglich, die Grenzen in dieser Hinsicht auszuweiten. Betterplace und EyeEm etwa stellen viel Quellcode, der im Haus programmiert wurde, offen ins Netz.

Doch gerade Nicht-IT-Unternehmen müsse man erst erklären, wieso sie von Open Data profitieren können, sagt Friedrich Lindenberg. Der Berliner Medienwissenschaftler mit Hang zum Coding ist OpenNews-Stipendiat der Mozilla Foundation. Er verbrachte zehn Monate bei Spiegel Online, um sich auszutauschen und den Daten-Journalismus voranzutreiben. Dort schlug er unter anderem vor, bestimmte Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Und stieß auf Ablehnung: „Viele Leute ohne IT-Hintergrund brauchen erst ein gewisses Selbstbewusstsein, was Daten und Zahlen angeht.“

Mut zur Unfertigkeit schont die Ressourcen

Der Aufbau von Software, die Arbeitsschritte und Zeitabläufe eines Coders, Ergebnisoffenheit – wer mit Hackern zusammenarbeitet, muss sich Kenntnisse über deren Arbeitsweise aneignen. Zu dieser gehört, dass Hacker sich grundsätzlich lieber mit Problemen auseinandersetzen als mit dem Management von Projekten betraut zu werden. Und auch, dass Unvollständigkeit in Bezug auf die eigene Arbeit kein Makel ist: Informatiker gehören zu den wenigen Berufsgruppen, die nicht von unfertigen Projekten verfolgt werden. Betterplace-Initiator Gregory Igelmund ist ausgebildeter Medieninformatiker und kann mit seinen Erfahrungen in Marketing und Design durchaus nachvollziehen, dass die „Liegenlass-Mentalität“ der Hacker in der Wirtschaft so manchen entsetzt. „Hacker verfolgen häufig Ideen, Spielereien, deren Weiterbearbeitung viel Zeit in Anspruch nehmen würde“, sagt Igelmund. Man müsse nicht um jeden Preis zu einem Ergebnis kommen.

Auch Microsoft kennt diese Arbeitshaltung: „Als Entwickler will man ja nur wissen, wie etwas funktioniert“, gibt Meixner zu, „das ist bei mir nicht anders.“ Sobald ein System verstanden sei, widme man sich einem neuen – ohne die bislang kreierte Software weiter zu entwickeln. Microsoft steuert dieser Hacker-Gewohnheit, die den Interessen des Unternehmens im Grunde genommen ja zuwiderläuft, in Form von Anreizen gegen: So enthalten Entwickler, die ihre Software während oder nach dem Hackathon fertigstellen, schon einmal neue Windows-Geräte oder exklusiven, kostenfreien Support.

Auch Hacker können in Business-Umfeldern etwas lernen

Dass auch unausgereifte Ideen, Codeschnipsel und Designversuche irgendwann zu Erfolgsprojekten werden können, zeigte sich auf dem anfangs erwähnten Berliner Game Jam: Auch hier hatten einige Teilnehmer unfertige Arbeiten aus vorangegangenen Projekten mitgebracht und diese als Komponenten in ihre Spiele eingebaut. Und die Ergebnisse am Ende des achtstündigen Hackathons konnten sich sehen lassen: Auf den gemeinsam zusammengepuzzelten Software-Fundamenten war es den Teams im Berliner Coworking-Büro gelungen, durch kreative Spielereien unterhaltsame Mini-Spiele zu entwickeln – im Design nicht perfekt, erfüllten sie ihren Zweck doch zu 100 Prozent. Der Gedanke, dass die hier zum Ausdruck kommende Mentalität auch in Arbeitskontexten helfen kann, Ressourcen effizienter zu nutzen, liegt dabei nicht fern.

Im Gegenzug können Hacker, die sich auf die Struktur eines Unternehmens oder einer NGO einlassen, ebenfalls dazulernen: „Bei einer NGO bekommt ein Hacker vielleicht einen Einblick in Gebiete, in denen seine Hacks mehr als Spielerei sind und die Welt ein wenig besser machen können“, so Betterplace-Entwickler Igelmund. Er glaubt, dass die Grundvoraussetzung hierfür in gutem Projektmanagement und fähigen Moderatoren liegt, die die unterschiedlichen Horizonte von Hackern und Unternehmen unter einem Dach vereinen.

Nicht aneinander vorbei, sondern gemeinsam arbeiten

Neben Igelmund versucht auch EyeEm-CTO Ramzi Rizk, eine Brücke zwischen der geisteswissenschaftlichen und der technologischen Welt zu schlagen. Bei EyeEm gibt es regelmäßig Teambuilding-Maßnahmen wie etwa das gemeinsame Entwickeln von Fotos: „Bei einem Foto-Unternehmen gehört so etwas einfach dazu.“ Zudem gibt es oft Vorträge, nicht nur zu technischen Themen. Wenn ein Designer über Typografie reden möchte, hören auch die Programmierer zu: „Wenn der Entwickler dann etwas über Typografie lernt, versteht er den Designer von nun an besser.“ Mit solchen Maßnahmen erreicht EyeEm, dass alle Abteilungen auf demselben Level kommunizieren.

Bei Facebook haben Hackathons eine lange Tradition. Für Teilnehmer gilt: Projekte aus dem Arbeitsalltag sind tabu, es soll Neues entstehen. (Foto: Facebook)

Bei Facebook haben Hackathons eine lange Tradition. Für Teilnehmer gilt: Projekte aus dem Arbeitsalltag sind tabu, es soll Neues entstehen. (Foto: Facebook)

„Auch mal Projekte außer der Reihe durchziehen“

Wer Hacker zum Hack-Day lädt, um seine API testen zu lassen oder den Kontakt zu einer Community herzustellen, muss sich solche Gedanken nicht machen. Doch wer sich Hacker ins Unternehmen holen will, um wie Spiegel Online den Umgang mit Daten zu verbessern oder wie Microsoft von deren Innovationsfähigkeit und Experimentierfreude zu profitieren, dem muss klar sein: Flexible Arbeitszeiten und eine adäquate technische Ausstattung alleine reichen nicht.

„Es klingt wie ein Klischee, aber wir sind wie eine Familie“, sagt etwa Rizk von EyeEm. „Das heißt, wir sind extrem offen miteinander. Und ermöglichen auch immer wieder kleine Projekte, die mit unserem Unternehmensziel nicht viel zu tun haben.“ EyeEm ist aus dieser Geisteshaltung heraus gegründet worden, für andere Unternehmen können Hacker im Haus einen ernsthaften Kulturwandel bedeuten.

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