Reportage

Flexible Arbeitszeitmodelle: Vor- und Nachteile des unbegrenzten Urlaubs

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Doch Experten zweifeln daran, dass die neue Zeitautonomie in jedem Fall gelingt. Im Betrieb kann Chaos ausbrechen, wenn jeder seinen eigenen Nutzen optimiert. Und soziale Konflikte sind vorprogrammiert, wenn die absolute Selbstbestimmung auf ­Kosten der Kollegen geht. Geißler, der mittelständische Unternehmen in Zeitkultur und systemischer Organisationsentwicklung berät, sieht die völlige Autonomie deshalb skeptisch. „Manche flexiblen Arbeitszeitmodelle sind ein Fake, weil sie als Ver­besserung für die Mitarbeiter daherkommen, sich dahinter aber ein System zur Selbstausbeutung verbirgt.“ Die Folgen: unkontrollierte Mehrarbeit, Leistungsdruck und psychische Erkrankungen.

Diesen Eindruck bestätigt auch Lilian Gombert. Sie arbeitet am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der Technischen Universität Dortmund im Fachbereich Psychologie und forscht über flexible Verhaltenssteuerung. „Flexibilität kann auch belastend sein – zum Beispiel, wenn es zu Rollenkonflikten kommt“, sagt Gombert. Oft prallten die gefühlten Erwartungen der Arbeitgeber und der Familie aufeinander – und der Arbeitnehmer trägt selbst die Verantwortung. „Der Wunsch, beiden Rollen gerecht zu werden, kann zu Erschöpfung führen.“ Auch die ständige Erreichbarkeit über Smartphones und gehe auf Kosten der Erholung. Wer nicht richtig abschalten kann, schläft häufig schlechter.

„Wenn alle Mitarbeiter selbst für ihre Urlaubstage verantwortlich sind, können zwei Dinge passieren: Entweder sie vergessen sie komplett. Oder sie sind sich unsicher, wie viele freie Tage wirklich okay sind“

Was ein Arbeitssystem ohne zeitliche Vorgaben anrichten kann, hat Mathias Meyer erlebt. Unbegrenzter Urlaub führte ­seine Berliner Firma Travis CI, die eine Software zum Testen von Programmcode entwickelt hat, in eine Abwärtsspirale der Unsicherheit. „Wenn alle Mitarbeiter selbst für ihre Urlaubstage verantwortlich sind, können zwei Dinge passieren: Entweder sie vergessen sie komplett. Oder sie sind sich unsicher, wie viele freie Tage wirklich okay sind“, schrieb der Co-Gründer vor drei Jahren in einem Blogbeitrag. Die absolute Zeitautonomie habe seine Angestellten an den Abgrund des Burnouts gestoßen. Ein Teammitglied sei kurz davor gewesen, die Firma zu verlassen.

Meyers Fazit fällt deshalb kritisch aus: „Eine freie Urlaubsregelung kann Gift für das Teamgefühl und die Zufriedenheit deiner Leute sein.“ Der Grund: Die Grenzen fallen auch im Privaten weg. Die Zeit, die ein Mitarbeiter normalerweise für sich und die Familie einkalkuliert, ist plötzlich nicht mehr klar definiert – und verkürzt sich dadurch oft. In manchen Jahren, schreibt Meyer, habe er sich selbst keinen einzigen Tag freigenommen. Er sei ein schlechtes Vorbild gewesen für seine mehr als 40 Mitarbeiter.

Moderne Märtyrer

„Work Martyr Complex“ haben Experten in den USA dieses Verhalten der Aufopferung im Job getauft. US-Bürger bleiben demnach lieber am Schreibtisch sitzen, anstatt nach dem Urlaub zu einem Berg an liegengebliebener Arbeit zurückzukehren. Das ist allerdings auch fehlenden rechtlichen Vorgaben geschuldet: In den USA sind Arbeitgeber nicht verpflichtet, freie Zeit zu bezahlen. Laut Statistiken des US-Arbeitsministeriums bekommen nur 73 Prozent der Angestellten überhaupt bezahlten Urlaub. Die Ausbeute ist nicht gerade üppig: Für Vollzeitkräfte gibt es im Durchschnitt gerade einmal 7,6 Tage. Auch deshalb führen ­Unternehmen wie Evernote Prämien ein, die Mitarbeiter zu mehr Urlaub motivieren sollen.

Dagegen wirkt die rechtliche Lage in Deutschland mehr als entspannt. Laut Bundesurlaubsgesetz hat jeder Deutsche das Recht auf jährlich 24 Werktage bezahlten Urlaub. Obendrauf gibt es je nach Bundesland mindestens elf gesetzliche Feiertage. Wer sich als Chef hierzulande nicht um ein Mindestmaß an Erholung für seine Teams kümmert, geht eine teure Wette ein. Bis zu 15.000 Euro an Bußgeld drohen laut Arbeitszeitgesetz, wenn beispielsweise Ruhezeiten nicht gewährt werden oder Mehrarbeit nicht aufgezeichnet wird – vorausgesetzt, jemand zeigt die Missstände an. Doch es wäre als Chef ohnehin sehr kurz gedacht, eine Horde aus ungezügelten Arbeitstieren vor sich hertreiben zu wollen. Wer seine Mitarbeiter immer weiter an die Grenze ihrer Leistungs­fähigkeit führt, riskiert schwerwiegende Konsequenzen für das Unternehmen – darunter Krankheitstage und Personalausfall.

Mathias Meyer hat aus der Vergangenheit gelernt. Nach dem Fehlschlag bei Travis CI erweiterte er die freie Urlaubsregel um eine fixe Untergrenze. Seit drei Jahren müssen alle Mitarbeiter weltweit mindestens 25 Tage pro Jahr freinehmen. Bezahlt, versteht sich. Und das wird laut CEO auch kontrolliert. Nach oben gibt es weiterhin keine Einschränkung.

„Es fällt nach wie vor nicht allen – auch mir nicht – leicht, proaktiv diese Auszeiten einzuplanen“, sagt Meyer. Mindestens zehn freie Tage, dreimal im Jahr, peilt er für sich an. Aber was ihn zurückhalte, sei „das Gefühl, dass es immer viel zu tun gibt, und auch das Gefühl, einziger Wissensträger zu sein“. Ein bisschen Vertrauen, dass die Kollegen das schon schaffen, gehört bei unbegrenztem Urlaub eben dazu – gerade beim Chef.

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