Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

t3n 26

Website-Usability: So prüfst du die Nutzbarkeit deiner Website

Seite 2 / 2

Lautes Denken in der Praxis

Erfahrungsgemäß kommen nicht alle Probanden gut mit dem Lauten Denken zurecht. Eine genaue Erklärung ist daher unerlässlich. Die Probanden sollten erkennen können, dass es nicht um schön formulierte Aussagen geht, sondern um einen möglichst direkten Zugang zu ihren Gedanken.

Es ist sinnvoll, die Aussagen von Probanden und Versuchsleiter aufzuzeichnen – hierzu muss man zwingend die Zustimmung der Probanden einholen. Zur Aufzeichnung eignet sich ein beliebiger Audio-Rekorder als Software oder als Gerät. Bei gleichzeitigem Lauten Denken gilt: Erst die Audio-Aufnahme starten und dann mittels eines eindeutigen Signals markieren, wann die Screen-Aufnahme beginnt – so kann man die Aufnahmen später übereinanderlegen und weiß jederzeit, welche Stelle der Proband gemeint hat. Eine spezielle Software wie etwa Silverback übernimmt die Synchronisierung und Aufnahme automatisch.

Hat man zudem die Möglichkeit, das Gesicht des Probanden zu filmen, erlauben Gesichtsausdrücke oder Körperbewegungen (Augen zusammenkneifen, nach vorne beugen) wichtige Rückschlüsse. Nach der Untersuchung kann man weitere Tests durchführen. Ist es beispielsweise wichtig, was die Probanden vom Inhalt behalten haben, bietet sich ein Wissenstest an.

So verhält man sich als Untersuchungsleiter richtig
Fragenkatalog erstellen, um nichts zu vergessen.
Fragen aufzeichnen, damit man später kontrollieren kann, ob man den Probanden beeinflusst hat.
Probanden darauf hinweisen, dass man nur die Website testet. Das nimmt ihnen etwas den Druck.
Probanden bei Bedarf zu Lautem Denken anregen („Was geht Ihnen gerade durch den Kopf?“).
Zunächst nur offene Fragen stellen („Was denken Sie darüber?“).
Geschlossene Fragen nur verwenden, wenn die Probanden das Thema bereits angesprochen haben („Hätten Sie etwas anderes erwartet?“, nachdem ein Proband seine Überraschung ausgedrückt hat).
Suggestive Fragen sind tabu („Finden Sie, dass das Logo zu klein ist?“).

Auswertung

Die Auswertung ist der arbeitsintensivste Teil jeder Usability-Studie. Drei Schritte sind hier sinnvoll: Transkription, Zusammenfassung und Interpretation.

Bei der Transkription geht es darum, eine schriftliche Fassung der Aufzeichnungen anzufertigen. Beim nachträglichen Lauten Denken kann man die einzelnen Erkenntnisquellen zunächst unabhängig behandeln und erst danach aufeinander beziehen. Beim gleichzeitigen Lauten Denken hingegen ist es wichtig, dass der Untersuchungsleiter die Daten aus verschiedenen Quellen zeitgleich aufeinander beziehen kann. Dabei hat sich eine tabellarische Darstellung als sinnvoll herausgestellt, da man so verschiedene Teilaspekte der Daten übersichtlich nebeneinanderstellen kann. Die Infobox unten gibt einen Vorschlag über die verwendeten Spalten, den man den eigenen Bedürfnissen anpassen kann.

Nummerierung sinnvoll zum späteren Verweis auf die Textstellen, idealerweise verwendet man für jeden neuen inhaltlichen Aspekt eine neue Zeile mit einer eigenen Nummer
Nutzeraussagen möglichst wörtliche Transkriptionen
Handlungen Aktivitäten des Nutzers mit der Webseite und dem Browser, z. B. Klicks auf Navigationspunkte oder den Back-Button
Mimik und Gestik hier achtet man auf Handlungen, die Anhaltspunkte für die Interpretation geben, etwa Augen zusammenkneifen oder Vorbeugen

Bei der Zusammenfassung der Daten geht es darum, die große Menge auf ein überschaubares Maß zu bringen, ohne sie zu verfälschen. Das ist besonders für die Transkription des Lauten Denkens sinnvoll. Ein Beispiel: Die beiden Aussagen „Wo ist der Warenkorb?“ und „Ist hier nicht so ein Einkaufswagen-Symbol?“ kann man als „Proband findet Warenkorb nicht“ zusammenfassen. Am besten schreibt man die Zusammenfassung in eine Spalte direkt neben der wörtlichen Transkription – so kann man später jederzeit überprüfen, ob die Zusammenfassung den Inhalt verfälscht hat.

Bei der Auswertung schließlich bezieht man die Zusammenfassungen und die Notizen zu Nutzerinteraktionen und Mimik/Gestik aufeinander. Dabei muss man sowohl auf eindeutige Aspekte (Proband fragt nach Warenkorb, kneift Augen zusammen und klickt an verschiedenen Stellen) als auch auf Widersprüche (Proband drückt Verwirrung aus, findet den gesuchten Navigationspunkt aber direkt) achten. Lassen sich diese Widersprüche auflösen? Könnte der richtige Klick zufällig gewesen sein? Könnte es Gründe geben, warum der Proband nicht die Wahrheit gesagt hat? Gibt es Anhaltspunkte für diese Interpretationen, zum Beispiel aus Gestik und Mimik?

Am Ende der Auswertung steht eine Übersicht mit Erkenntnissen, mit denen man arbeiten kann. Hat man zwei Gruppen von Probanden angelegt, kann man nun direkte Rückschlüsse auf Vor- und Nachteile der getesteten Varianten ziehen. Hat man hingegen nur eine Gruppe, geben die Erkenntnisse Anhaltspunkte für konkrete Verbesserungen. Dass man auch diese in einem späteren Schritt testen sollte, versteht sich mittlerweile von selbst.

Björn Rohles
Björn Rohles

hat während seines Studiums lange Jahre im Rezeptionslabor gearbeitet und dabei jede Rolle vom Probanden über den Techniker bis zum Untersuchungsleiter eingenommen. Nun trägt er die Erkenntnisse in die Praxis. Er bloggt unter jorni.de.

Startseite
  • Seite:
  • 1
  • 2

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

4 Reaktionen
Lothar Seifert

Wenn man selbst eine Webseite gestaltet, dann hat man die so oft angeschaut, dass einem Fehler kaum noch auffallen. Das Prüfen durch weitere Personen ist sehr sinnvoll. Danke für die Tipps. Eine gute Möglichkeit habe ich bei einer speziellen Gruppe im Netzwerk Xing gefunden. Die Ratschläge hier hier kommen ehrlich und unvoreingenommen.

Solarstrom Simon

Aktualität und Inhalte für den Nutzer sind wichtig.

Die Idee mit den Test kosten Günstig bringt einiges.

Irgendwann ist man von seiner eigenen Gestaltung so Überzeugt das man glaubt das wäre es......

mit sonnigen Grüßen Solarstrom Simon

Max

Unmoderierte Remote Usability-Tests sind auch noch eine Alternative, die man sich anschauen kann.
Bei uinspect beispielsweise können Usability-Tests auch einfach per Online-Formular beauftragt werden.

Die Videos mit Sprach- und Bildschirmaufzeichnung der Testpersonen sind dann schon wenige Stunden später abrufbar.

Andreas

"... Teilt man die Versuchspersonen in zwei Gruppen auf, kann man später gut vergleichen, welche Gruppe das Szenario am besten gelöst hat."

Argh! Epic fail in der Formulierung! Personen scheitern nicht - nur Testobjekte. Es wird ja nicht die Person, sondern das Testobjekt geprüft! Das ist immens wichtig!

Manche Menschen suchen Fehler nämlich umgehend bei sich selbst: "Ich verstehe das halt nicht, tut mir leid, dass ich die Aufgabe nicht geschafft habe." Und plötzlich sehen sie sich in einer Prüfungssituation: Stress, Erfolgsdruck, Angst "um Gottes willen, hoffentlich blamiere ich mich nicht", ...

Wozu aber überhaupt Gruppen vergleichen? Das steht hier nicht. Oder hab ich es überlesen? Das macht nur Sinn, wenn ich feststellen will ob eine Gruppe A (junge Menschen) mit einer Webseite besser zurecht kommt als eine Gruppe B (alte Menschen). Oder wenn ich zweit verschiedene Varianten einer Webseite teste - mit welcher Varianten kommen die Tester besser zurecht?

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

Jetzt anmelden