Trendreport

Stadt, Land, Datenfluss: Wohnen und Arbeiten fernab der Großstädte

Im Uferwerk in Werder an der Havel hat ein Unternehmer früher Führertische für Züge hergestellt. (Foto: Ole Witt)

Der Raum wird knapp, die Lebenskosten explodieren: Trotzdem zieht es viele Menschen für den Job noch immer in die Städte. Dabei zeigen Wohn- und Arbeitsgemeinschaften in ländlichen Gebieten, dass es durchaus Alternativen gibt. Ein Besuch im Uferwerk in Werder an der Havel.

Wer die heile Welt sucht, findet sie vor den Toren Potsdams ­unweit von Berlin. Kinder spielen Fangen und werfen die Angel aus. Erwachsene sitzen unter einer Weide, trinken Kaffee und unterhalten sich über das Wetter. Ein Entenpärchen lässt sich davon nicht stören und schwimmt seiner Wege. In der Ferne kräht ein Hahn, der Duft von Wiesenblumen liegt in der Luft. Das Idyll am Ufer des Zernsees, einst ein hektisches Werksgelände, ist umringt von geklinkerten Fabrikgebäuden mit meterhohen Decken. Ein alter Schornstein überragt das Gelände. Hier ließ ein Unternehmer früher Führertische für Züge herstellen. Heute ist das 17.000 Quadratmeter große Areal das Zuhause von 160 jungen und alten Menschen, die sich ihren Traum vom Landleben erfüllt haben. Hier leben Singles zusammen mit Familien. Berufstätige mit Rentnern. Jeder kennt sich beim Namen. Wer im sogenannten „Uferwerk“ lebt, will nicht mehr weg.

Irene Mohr hat das Projekt mitgegründet. „Als ich das ­Gelände das erste Mal betrat, dachte ich nur: Wow, was für ein ideales ­Objekt für eine Gemeinschaft.“ Die Architektin hat das Potenzial sofort erkannt: der Hof in der Mitte als Treffpunkt mit Blick auf den See. Die Zugänge an den Seiten. Die großen ­Flächen der Industrie­hallen, die sich hervorragend in Räume unterteilen ließen, die allen Ansprüchen gerecht werden – ob Jung­gesellen-Apartment, klassische WG oder Familienwohnung. Und dann auch noch die Nähe zum örtlichen Regionalbahnhof als Verbindungs­glied zur restlichen Welt. Für Menschen, die den Trubel der Stadt zwar hinter sich lassen wollten, jedoch kein Einsiedlerleben anstrebten, haben Mohr und ein paar Gleich­gesinnte ihre Wohngenossenschaft gegründet. Die Hälfte der heutigen Bewohner hat zuvor in Städten gelebt.

Die Wohngemeinschaft des 21. Jahrhunderts

Johannes Rohr ist Mitbewohner der erste Stunde. Der Familienvater lebt nicht nur im Uferwerk, sondern arbeitet auch im angebundenen Coworking-Space. Sein Arbeitsweg geht einmal quer über den Hof. Das sei Lebensqualität, verrät er. (Foto: Ole Witt)

Johannes Rohr ist Mitbewohner der erste Stunde. Der Familienvater lebt nicht nur im Uferwerk, sondern arbeitet auch im Coworking-Space. Sein Arbeitsweg geht über den Hof. Das sei Lebensqualität, verrät er. (Foto: Ole Witt)

Wohngemeinschaften wie das Uferwerk feiern ihr großes ­Comeback. Anders als in vielen ländlichen Kommunen der 1960er- und 1970er-Jahre kommen hier jedoch keine Aus­steiger, sondern vielmehr Menschen zusammen, die weiterhin voll im Berufsleben stehen. Einige leiten Unternehmen oder verdienen ihr Geld als Selbstständige. Viele arbeiten jedoch auch fest angestellt – etwa als Kreative in Konzernen, mittelständischen ­Unternehmen oder Agenturen. Menschen also, die mithilfe ­eines Internet­anschlusses, eines Computers und dem ­Segen des Arbeitgebers die ganze oder zumindest einen Teil der ­Woche ­ortsunabhängig arbeiten können. Unter sie mischen sich auch Bewohner mit traditionellen Berufen wie Lehrer, Sozialarbeiter oder Verwaltungs­angestellte. Wer noch bis vor wenigen Jahrzehnten aufs Land ziehen wollte, musste sich die Frage stellen, ob er oder sie den Job dort ­überhaupt ausüben könne. Heute wird die Arbeit zusammen mit der Zimmerpflanze einfach in den Umzugswagen geladen.

„Eine Gegenbewegung, die es im Moment stärker gibt.“

Überall in Deutschland gibt es sie, die Orte ­gemeinschaftlichen Wohnens und alternativen Arbeitens: in Dörfern, Kleinstädten oder an den Rändern größerer Städte; in Ostfriesland sowie am Bodensee. Besonders jedoch in den neuen Bundesländern, wo durch die Wende bedingter Leerstand deutlich häufiger existierte und teilweise noch immer zu finden ist. Eine im August dieses Jahres erschienene Studie von Neuland21 – einer Denkfabrik für das Landleben im 21. Jahrhundert – stellt Leuchtturm­projekte im Osten vor. Darunter das Uferwerk und 17 weitere Wohn- und Arbeitsgemeinschaften.

„Wir haben ungefähr 140 Projekte recherchiert und dann sehr stark eingegrenzt nach denen, wo die Menschen auch digital ­arbeiten”, erzählt die ­Gründerin der ­Organisation, Silvia Hennig, und fügt hinzu, dass es die ­Schönsten von ihnen in die Auswahl geschafft haben. Dass die vor allem im Speckgürtel kleiner und großer Städte wie Berlin, Potsdam, Cottbus oder Leipzig liegen, sei kein Zufall. Wie die Bewohner im Uferwerk wollen auch ­andere Gemeinschaften zwar die Ruhe auf dem Land, jedoch auch den Bezug zum urbanen Leben nicht verlieren.

Als Professor für Stadt- und Regionalsoziologie an der ­Universität Kassel untersucht Ulf Hahne, wie nachhaltige Stadt- und Landschaftsplanung aussehen kann. Er kennt auch die ­Gründe für Migrationsströme vom Land in die Stadt und anders­herum. Dass vor allem junge Menschen die Dörfer verlassen, ­hänge mit den Bildungsmöglichkeiten in urbanen Gegenden zusammen. „Wir leben in einer zunehmenden Wissensgesellschaft und es gibt immer mehr Menschen, die daran Anteil haben wollen“, erklärt der Forscher. Die Möglichkeiten, eine gute Ausbildung und somit aussichtsreiche Jobangebote zu bekommen, seien vorwiegend in den Städten zu finden. Andersherum sind es vor allem junge Familien, deren Ansprüche sich im Zusammenhang mit günstigem Wohnraum schlagartig verändern. Sie stecken jedoch oft in einem Dilemma, denn ihre Jobs gibt es im ­ländlichen Raum häufig gar nicht. Wo keine Menschen sind, ­siedeln sich auch ­keine Unternehmen an. Und wo es keine Arbeit gibt, verschwinden auch die Menschen. Das sei ein Teufelskreis. Kommunen sterben so allmählich aus.

Einer der Vorteile des Landlebens: Kinder können sich frei bewegen. In Städten ist das nur bedingt möglich. (Foto: Ole Witt)

Einer der Vorteile des Landlebens: Kinder können sich frei bewegen. In Städten kaum möglich. (Foto: Ole Witt)

Dass die Chancen der digitalen Arbeit diesen Trend zumindest etwas abfedern können, räumt Hahne ein und spricht von einer „Gegenbewegung, die es im Moment stärker gibt“. Projekte wie das Uferwerk lassen sich dort nieder, wo die Umgebungs­faktoren stimmen und ziehen somit auch wieder andere Menschen an, die auf dieser Pionierarbeit aufbauen. Als Beispiel erwähnt er auch das Coconat, das ebenfalls in der Neuland21-Studie ­thematisiert wird und als Coworking-Space auf dem Land das zunehmende Natur­bedürfnis der Menschen anspricht. Hier trifft sich die Digitalbranche der ganzen Welt in einem 70-Seelen-Ort bei Bad Belzig, um auf einem alten Gutshof zu arbeiten und zu ­leben. ­Darunter ­Berliner und Zugezogene, die nur das Wochenende auf dem Land verbringen. Andere bleiben ein paar Wochen. Wiederum andere sind ganz in der Nähe sesshaft geworden. Die ganze Region ­profitiert.

Ruhe, Raum und Netz sind gefragt

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Ein Kommentar
Julis

Ich lebe seit Jahren auf dem Land und genieße es wirklich. Schön ruhig und morgens genieße ich die frische Natur.

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