Analyse

5 Tech-Trends, die unsere Welt verändern

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5. Plattform-Ökonomie

Als der Philosoph, Publizist und Friedensnobelpreisträger Nicholas Murray Butler 1911 gefragt wurde, was die wichtigste Erfindung des Industriezeitalters sei, überraschte seine Antwort viele: „Die größte Erfindung der Moderne ist die Limited Liability Corporation“ antwortete er – also das juristische Konstrukt einer Kapitalgesellschaft mit beschränkter Haftung. Erst damit wurden Unternehmen zu eigenständig handelnden Subjekten, die Verträge abschließen konnten – und diese prägen unsere Welt bis heute.

Als größte Erfindung des Informationszeitalters würden sicher einige das Internet bezeichnen – vielleicht ist aber auch das Geschäftsmodell, das das Internet ermöglicht, die größere Erfindung, die unsere Welt nachhaltiger prägen wird: die Plattform.

Plattformen sind die zentralen Marktplätze des Internets, die die Regeln für alle bestimmen. Eine Plattform in Reinform ist beispielsweise Amazon, das nicht nur selbst Online-Händler ist, sondern auch eine Handelsplattform für andere Händler. Amazon wird damit zum zentralen Gatekeeper und Beherrscher des Online-Handels insgesamt. Für Produktsuchen ist Amazon bereits seit Jahren eine wichtigere Suche als Google. Im Westen ist damit Amazon nach Google – ebenfalls eine Plattform, aber für die allgemeine Websuche – die zweitgrößte Web-Suchmaschine überhaupt.

Vor allem drei Phänomene sorgen dafür, dass Unternehmen mit einem Vorsprung in der digitalen Welt schnell in die Rolle eines Quasi-Monopolisten kommen: Erstens der sogenannte Netzwerkeffekt, bei dem jedes weitere Mitglied in einem Netzwerk den Nutzen des Netzwerks für alle Beteiligten weiter steigert. Sprich: Wenn alle Freunde sowieso auf Facebook sind, ist der Anreiz umso größer, sich auch dort anzumelden – und nicht bei der Konkurrenz. Zweitens spielen Skaleneffekte in der Digitalwirtschaft eine noch größere Rolle als in der klassischen Ökonomie: Ist eine Software beispielsweise einmal geschrieben, ist jeder weitere Verkauf der Software fast Reingewinn – insbesondere bei digitaler Distribution. Es fallen kaum mehr weitere Kosten durch mehr Nutzer an, Größe ist hier ein enormer Vorteil gegenüber kleineren Konkurrenten. Drittens treibt die Datenökonomie die Bildung von Quasi-Monopolen voran: Wer die meisten Nutzer hat, besitzt die meisten Daten – und kann damit seine dominante Stellung noch weiter vor der Konkurrenz ausbauen. Daten sind dabei zunehmend auch für das Trainieren künstlicher Intelligenz von Bedeutung.

Plattform-Ökonomie – was bringt die Zukunft?

Die Tendenz zur Konzentration auf wenige dominante Player der Digitalwirtschaft hat zuletzt noch eher zu- als abgenommen. Im Westen herrscht die GAFA-Ökonomie vor: Die US-Tech-Konzerne Google, Apple, Facebook und Amazon beherrschen die Digitalwirtschaft. Der Begriff entstand, als Microsoft durch die Smartphone-Revolution schnell an Bedeutung verlor – heute muss aber eigentlich auch wieder der Windows- und Office-Riese dazugezählt werden. In China steht BAT für eine noch größere Konzentration digitalwirtschaftlicher Macht: Baidu, Alibaba und Wechat-Anbieter Tencent sind hier die relevanten Player, wobei Google-Klon Baidu zuletzt an Bedeutung abgenommen hat.

Wie wird sich die wachsende Bedeutung künstlicher Intelligenz auf die Plattform-Ökonomie auswirken? Einerseits stehen viele Werkzeuge der neuen Digitalökonomie frei als Open-Source-Lösungen zur Verfügung – beispielsweise AI-Software wie Tensorflow, Theano, Keras oder Caffe2. Auch die nötige Rechenkraft lässt sich relativ einfach und günstig einkaufen. Beides senkt die Zutrittshürden für neue Startups auf diesem Gebiet.

Die beiden wichtigsten Effekte bei der KI allerdings kommen den Großen zugute: Für das Training der AI-Software sind große Datenmengen erforderlich, und schnell setzt sich ein positiver Kreislauf in Gang: Mehr Daten bedeuten bessere Software, bessere Software führt zu mehr Nutzern und sorgt für mehr Daten. Der andere wichtige Faktor ist die Personalsuche: Wer überzeugt die fähigsten Machine-Learning- und Big-Data-Experten als Arbeitgeber? Schon heute arbeiten gerade bei Google und Amazon viele der besten Experten auf diesem Gebiet.

Die Blockchain-Technologie könnte hingegen gegen den Trend zentraler Plattformen arbeiten: Theoretisch ermöglicht sie, über Smart Contracts Plattform-Modelle wie Airbnb oder Uber dezentral aufzusetzen – eine Art neutrales Netzwerk, in das jeder seine Rechenkraft einbringen und so davon profitieren kann. Die Praxis bei der Kryptowährung Bitcoin zeigt aber, dass auch Blockchain-Netze zur Konzentration neigen: De facto beherrschen vier chinesische Unternehmen das Bitcoin-Mining. Laut New York Times gingen vor über einem Jahr rund 70 Prozent aller Bitcoin-Transaktionen durch die Mining-Pools dieser vier Unternehmen. Die größte dieser Firmen heißt Bitmain. Laut Quartz vereint alleine Bitmain derzeit rund 29 Prozent der weltweiten Mining-Power auf sich.

Manch einer glaubt auch, dass die Zeit der Internet-Startups, die zu neuen großen Tech-Playern werden, schon wieder vorüber ist. So argumentiert beispielsweise der Tech-Journalist Timothy B. Lee in einem vielbeachteten Artikel bei Vox.com. Sein Argument: Schon seit mehr als zehn Jahren ist kein Tech-Startup mehr zu einem wirklich großen Player aufgestiegen – das letzte Beispiel war Facebook, gegründet 2004. Die These: Die „Low hanging fruits“ des neuen Mediums Internets – also naheliegende Dienste und Geschäftsmodelle wie E-Commerce und soziale Netzwerke – sind inzwischen abgeerntet. Dadurch wird es schwieriger, komplett neue Geschäftsmodelle zu etablieren, die zu großen Plattformen werden.

Träume europäischer Politiker vom „europäischen Google“ oder „Facebook“ sind genauso blöd, wie sie sich anhören. Heißt das auch, dass der Plattform-Zug für Europa angefahren ist? Nicht unbedingt: Neue Chancen bieten Deep-Tech-Gründungen in Bereichen wie künstlicher Intelligenz, in denen gerade viele europäische Städte wie Paris und München mit einem besonders hohen Ausbildungsniveau punkten können.

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2 Kommentare
Robin
Robin

Bitte schreibt IOTA richtig.
„Die Herausforderer tragen Namen wie IOATA und EOS. IOATA nennt seinen Ansatz, der die Blockchain ersetzen soll, „Tangle“, …“

Antworten
Stephan Dörner

Danke für den Hinweis, ist korrigiert.

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