Digitale Gesellschaft

8.000 Spielzüge in 26 Minuten: Der beste Starcraft-Spieler Deutschlands

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Wie schafft man es eigentlich, über 300 Operationen in der Minute auszuführen?

Screenshot aus Starcraft II: Bei dem Echtzeit-Strategiespiel für den PC kommt es auf Strategie und Schnelligkeit an. (Screenshot: Starcraft II)

Screenshot aus Starcraft II: Bei dem Echtzeit-Strategiespiel für den PC kommt es auf Strategie und Schnelligkeit an. (Screenshot: Starcraft II)

„Handeln, ohne zu denken, das klingt nach einer fortgeschrittenen Meditationsübung.“

Giacomo schaut aus dem Fenster. Ein LKW-Motor wird angeworfen und die Scheiben beginnen, rhythmisch zu vibrieren. Giacomo ist kein Freund schneller Antworten, wer mit ihm spricht, muss sich Zeit nehmen. „Während des Spiels geht alles viel zu schnell, da schafft man es nicht, aktiv nachzudenken. Man muss sich seine Optionen vorher so zurechtlegen, dass man sie später als Automatismen abrufen kann. Das ist wie beim Zeichnen – da denkt man ja auch nicht, wo muss ich jetzt den Strich setzen. Man weiß, wie es aussehen soll und dann passiert es automatisch.“ Handeln, ohne zu denken, das klingt nach einer fortgeschrittenen Meditationsübung. Und tatsächlich ist der Flow, der sich beim Spielen einstellt, bei den Profis eher eine entspannte Form der Aufmerksamkeit – wer in hektischen Aktivismus verfällt, hat schnell verspielt. „Eigentlich möchte ich während eines Matchs keine bewussten Entscheidungen treffen. Aber wenn, dann wähle ich lieber sofort eine zweitbeste Möglichkeit als zu spät die beste.“ Das gleiche gilt für die Emotionen: Wer sich über einen geschickten Zug freut oder sich ärgert, wenn er einen Fehler begangen hat, hat bereits den Anschluss ans Spielgeschehen verloren. Deshalb bleibt Giacomo ganz ruhig. Auch seine Lebensentscheidungen geht er lieber entspannt an: Welcher Studiengang ist der richtige, welche WG ist geeigneter? Fragen wie diese durchdenkt Socke gerne in aller Ruhe. „Ich bin nicht unbedingt ein entscheidungsfreudiger Mensch, aber zumindest bin ich mir bewusst darüber, wann ich eine Entscheidung treffen muss und wann vielleicht noch nicht.“ So wie er hier sitzt, den Blick auf einen Punkt in der Ferne gerichtet, wirkt er tatsächlich eher wie jemand, der die Stille liebt. Nur die rechte Hand trommelt immer wieder Salven auf den Tisch.
Volle Konzentration: Giacomo Thüs während einer Partie Starcraft II. (Foto: Thekla Ehling)

Volle Konzentration: Giacomo Thüs während einer Partie Starcraft II. (Foto: Thekla Ehling)

Wie viele andere Gamer betrachtet Giacomo seine Spielerkarriere als eine Phase, die man nutzen muss, bis sie eben irgendwann vorbei ist. Die Gamerbranche ist auch ein schnelles Spiel, wer hier länger als drei Jahre dabei ist, gehört bereits zum Urgestein der Szene. Denn mit Mitte 20 nimmt die Reaktionszeit ab und die Action-per-Minute-Rate sinkt. Dann können Erfahrung und Coolness helfen, Preise zu gewinnen – aber spätestens mit Ende 20 gehen die meisten Spieler in andere Jobs oder kehren in ihr Offline-Leben zurück. „Ich könnte mir schon vorstellen, dass ich im E-Sport bleibe – da gibt es viele interessante Jobs. Aber eigentlich ist mir das zu unsicher, vielleicht spielen in 10 Jahren alle nur noch Casual-Games. Da werde ich lieber Lehrer.“

 

„Fehlt Dir eigentlich die Geschwindigkeit, wenn Du nicht spielst?“

Wenn er das so sagt, hat man nicht den Eindruck, dass er sich viel aus seinem Ruhm macht. Auch wenn er in Turnieren von Fans umringt wird und auch schon mal auf der Straße angesprochen wird. Vielleicht nicht in Linden, aber in Köln oder Berlin. Hier spricht jemand, der sein Preisgeld lieber spart und jeden Montagabend eine Trainingspause einlegt – denn da macht die WG einen Brettspieleabend. Draußen ist es dunkel geworden, unser Gespräch neigt sich seinem Ende zu. „Fehlt Dir eigentlich die Geschwindigkeit, wenn Du nicht spielst?“, frage ich ihn. „Ich habe am liebsten möglichst viele Informationen gleichzeitig, eigentlich ist es bei mir niemals völlig ruhig. Selbst zum Einschlafen höre ich im Internet einen Starcraft-Stream.“ Das ,richtige‘ Leben – wahrscheinlich kommt es ihm vor wie in Zeitlupe. Denn einen hochfrequenten Informationsfluss wie in Starcraft gibt es sonst nirgendwo. Alles ist langsamer. Das wird ihm vermutlich fehlen, wenn er seine Profikarriere mal beendet. Wir verabschieden uns, Giacomo setzt seine Kopfhörer auf und taucht in die Welt von Starcraft ein. Kleine Spielfiguren beginnen damit, Rohstoffe abzubauen und Gebäude zu errichten. Ein Ameisenstaat aus Arbeitern, Kriegern, Königen und Spionen, und alle warten sie auf seine Weisung.

Zwei Wochen später schaue ich mir noch ein letztes Spiel an.

Barcraft: In dieser Kölner Kneipe werden Starcaft-Games auf einer Leinwand übertragen. Die Drinks heißen passend dazu Proxy Pylon, Immortal oder Mothership. (Foto: Thekla Ehling)

Barcraft: In dieser Kölner Kneipe werden Starcaft-Games auf einer Leinwand übertragen. Die Drinks heißen passend dazu Proxy Pylon, Immortal oder Mothership. (Foto: Thekla Ehling)

In einer Kölner Kneipe, die seit einiger Zeit Public Viewing für Starcraft-Fans anbietet: ,Barcraft‘. Der Laden ist voll und das, obwohl in der Eckkneipe gegenüber Fußball läuft. Die Drinks auf der Karte heißen Proxy Pylon, Immortal oder Mothership – wie die Einheiten aus Starcraft. Auf der Leinwand wird das erste Spiel angekündigt. Ich stelle mir vor, wie Giacomo vor dem Rechner seine gewohnte Sitzhaltung einnimmt und sich innerlich auf die Spielbegegnung vorbereitet. Die Ansage des Moderators geht im allgemeinen Gesprächspegel unter. Barcraft ist eine von der Fanbase organisierte Initiative, trotzdem ist heute das gesamte ESL-Team da, mitsamt Kameras und Moderatoren. Auch James ,Kaelaris‘ Caroll ist hier. Als professioneller Kommentator gehört er zu den Prominenten der Szene. Wieder so ein Moment, bei dem man als Außenstehender kurz hinterherhinkt: Es gibt Menschen, die können davon leben, Computerspiele zu kommentieren. „Wie hast Du deinen Eltern erklärt, womit Du dein Geld verdienst?“ frage ich ihn. Der Engländer lacht, tatsächlich muss er das ziemlich oft erklären. „Für meinen Vater und seine Freunde habe ich mal aus Spaß ein Fußballspiel kommentiert. Die alten Herrschaften kamen danach zu mir und haben mich gelobt: That was like in telly!“ Dass er bei Starcraft-Events live vor über 10.000 Zuschauern spricht, während weitere 200.000 im Internet zugeschaltet sind, kann diese Generation wohl einfach nicht denken.

Neben uns hat ein riesiger Kerl Platz genommen – er sieht aus, als wäre er auf dem Weg zu einem Manowar-Konzert. Vor ihm liegt ein Blatt Papier. Er ist ganz vertieft, mit schwarzem Filzstift darauf zu malen. „Ist das eine Socke?“, fragen wir ihn. Er nickt. James hat bereits Turniere in Schweden, Singapur und Shanghai kommentiert und ist ständig im weltweiten Jetset der Gamerszene unterwegs. Ebenso wie Giacomo lebt auch James ein schnelles Leben. Nur manchmal ruht er sich einen Abend aus. Dann steht er auf dem Balkon seiner Wohnung mit Blick auf den Rhein – und wundert sich, warum die Schiffe so langsam fahren.

Profis in Action: Die Wettkampfspieler konzentrieren sich voll und ganz auf ihr Spiel: „Eine Meditation in Geschwindigkeit“. (Foto: Thekla Ehling)

Profis in Action: Die Wettkampfspieler konzentrieren sich voll und ganz auf ihr Spiel: „Eine Meditation in Geschwindigkeit“. (Foto: Thekla Ehling)

Bei der Qualifikation für die deutsche Meisterschaft zieht Socke auf dem zweiten Platz in die Schlussrunde. Auf dem ersten Platz steht ein Spieler, der gerade mal 16 Jahre ist und als Shooting-Star der Szene gefeiert wird. Einige sprechen schon von einem Generationenwechsel in der deutschen Starcraft-Szene, aber Aussagen über die Zukunft haben in der schnellen Welt des E-Sports keine lange Haltbarkeit. „Was ist eigentlich Dein Traumberuf, Socke?“, hat unsere Fotografin beim Shooting gefragt. „Hausmann“, hat er da gesagt und gegrinst. Ein schöne Vorstellung: Er, der Zocker, umringt von spielenden Kindern und überkochenden Nudeln. Sein überragendes Multitasking, mit dem er das schnellste Spiel der Welt gemeistert hat, könnte ihm dabei helfen.

Ursprünglich publiziert im Neustart Magazin im April 2014.

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6 Kommentare
Dominik
Dominik

Vielen Dank für diesen gut geschriebenen, ohne Vorurteile auskommenden Artikel, der die E-Sport Szene (bzw einen kleinen Teil davon) neutral aus der Sicht eines Aussenstehenden beschreibt!

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Dennis

Ich muss auch sagen, vielen Dank. Das war ein richtig schöner und interessanter Artikel. Es gehört viel dazu, ein guter Spieler zu werden. Was schön gewesen wäre, wenn Ihr ihn gefilmt hättet beim Spielen, damit man mal ne optische Vorstellung von 300 Spielzügen pro Minute hat.

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Dima
Dima

Sehr guter Artikel. Vielen Dank. Ein Lob an den Autor.

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Nikolai
Nikolai

War ein bisschen erstaunt, so etwas hier auf t3n zu sehen. Guter Artikel.

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Zeth
Zeth

ausgezeichneter Artikel

objektiv und angemessen geschrieben!

Viele Dank!

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