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Linkedin-Gründer: Das ist das Geheimnis eines schlagkräftigen Teams

Wer macht in Zukunft Karriere und warum? Der Linkedin-Gründer erzählt, was die Daten verraten, warum für Gründer heute vieles einfacher ist als vor 15 Jahren und was ein gutes Team ausmacht.

8 Min. Lesezeit
Allen Blue, Vice President Product Management bei Linkedin, prophezeit: "In einigen Jahren wird es keinen Job mehr ohne technischen Background geben." (Foto: Linkedin)

Allen Blue, der vor rund 15 Jahren zusammen mit Reid Hoffman Linkedin gründete, kommt entspannt zum Interview, obwohl sein Terminkalender mehr als voll sein dürfte. Am Vortag habe er noch in Berlin bei Zalando und einigen anderen großen Unternehmen reingeschaut, heute eine Keynote gehalten und in den nächsten Tagen wolle er noch einige deutsche Internetunternehmer treffen und kennenlernen.

Doch Zeit nimmt sich der Vice President Product Management vor allem dann gerne, wenn es ums Thema Datenanalyse geht. Wenn er über die Chancen sprechen kann, die die Auswertung des riesigen Datenschatzes von Linkedin bietet. Auf Basis des von ihm mitentwickelten Economic Graph berät das Unternehmen inzwischen Arbeitgeber und Verwaltungen über die richtigen Schritte zur Mitarbeiterbindung und Ansiedlung von Branchen.

t3n.de: Allen, deine beruflichen Wurzeln liegen eigentlich im Theater, wo du als Bühnenbildner gearbeitet hast. Von dort ins Silicon Valley zu wechseln und ein Internetunternehmen zu gründen, ist ja nicht ganz naheliegend. Wie kam es dazu?

Meine erste große Liebe waren Computer. Das geht zurück bis ins Jahr 1981, wo ich einen Apple IIe hatte. Dann kamen im Laufe der Jahre andere Interessen dazu, beispielsweise das Theater. Ich habe nach dem College für sieben Jahre als Bühnenbildner und Lichttechniker gearbeitet. Aber da war auch meine große Leidenschaft für Videospiele und ihre Programmierung. Ich habe beschlossen, dass ich das auch machen will und mir einige Programmiersprachen beigebracht. Und als in meinem Umfeld viele Menschen ins Silicon Valley wechselten, habe ich das auch getan – zunächst zu Relationships.com, wo ich Reid Hoffman, meinen späteren Mit-Gründer traf. Der Rest ergab sich dann.

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Mit Beziehungen und der Zusammenarbeit von Menschen hast du ja auch bei Linkedin täglich zu tun. Was ist für dich das Geheimnis eines guten Teams?

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, ein gutes, schlagkräftiges Team zu haben. Da gibt es Teams mit einem sehr starken Teamleiter, der den Ton angibt und sehr strukturiert sein muss, damit Dinge vorangebracht werden. Und es gibt Teams mit stark unterschiedlichen Charakteren und Persönlichkeiten, die auch effektiv funktionieren und innovativer sind, weil sie sich ergänzen. Ich glaube, das Wichtigste ist zu verstehen, dass jedes Team noch besser werden kann. Deswegen rate ich meinen Leuten immer, einmal die Woche innezuhalten und darüber nachzudenken, was im Team noch runder laufen könnte. Jede Woche!

Wie können Unternehmen sicherstellen, dass sie die richtige Mischung von Mitarbeitern im Team haben?

Zunächst einmal müssen sie sich darüber klar werden, was sie eigentlich erreichen wollen. Viele Unternehmen sind sich etwa nicht darüber bewusst, dass Innovation immer von den Leuten ausgeht, die dort arbeiten. Die Herausforderung ist, dieses Potenzial freizusetzen und zu nutzen. Viele CEOs kommen zu Linkedin, um unsere Innovationskultur kennenzulernen – und auch Linkedin selbst kann von anderen Unternehmen dazulernen. Das ist ein niemals endender Prozess und das Wichtigste ist, dass man sich als Führungspersönlichkeit dessen bewusst ist. Klar ist auch, dass es viele unterschiedliche Unternehmenskulturen gibt. Ein weniger technisches Unternehmen kann also in Sachen Digitalisierung beispielsweise von einem Silicon-Valley-Unternehmen oder einem Berliner Startup profitieren.

Wenn du die Gründungszeit von Linkedin vor rund 15 Jahren mit heute vergleichst: Ist es in den letzten Jahren leichter oder schwerer geworden, zu gründen?

Beides. Einerseits ist es deutlich leichter geworden im operativen Geschäft, weil es deutlich mehr Tools von der Stange gibt, auf die Gründer heute zurückgreifen können. Wir mussten damals deutlich mehr selber programmieren. Und es gibt deutlich mehr Finanzierungsmöglichkeiten und Angebote für Kapital: Von staatlichen Zuschüssen über Venture-Capital-Beteiligungen bis hin zu Inkubatoren steht Gründern heute eine große Bandbreite an Möglichkeiten offen. Gleichzeitig starten heute aber deutlich mehr Gründer ihr Geschäft, was einen Kampf um die besten Köpfe und Talente bedeutet. Als wir 2003 anfingen, war die Internetblase gerade geplatzt, sodass man attraktive Mitarbeiter leichter finden konnte.

Der Economic Graph ist ein neues Feature von Linkedin, das dir sehr am Herzen liegt und mit dem Linkedin aus dem Datenmaterial Erkenntnisse gewinnt. Was steckt dahinter und wer profitiert davon?

Der Economic Graph generiert sich aus der permanenten Nutzung von Linkedin und er zeigt uns, wohin sich die Welt entwickelt – immer dann, wenn ein Unternehmen eine Stellenausschreibung postet, wenn jemand sich mit einem anderen Nutzer verknüpft und wenn jemand ein Profil aufruft. Der Economic Graph verrät mir als Einzelperson, welche Fähigkeiten ich benötige, er verrät Unternehmen, welches die vielversprechendsten Talente sind, auch wenn diese noch woanders arbeiten – und er verrät den Marketern, wie sie ihre Botschaften am besten positionieren. Wenn wir zurückschauen, dann hat der Economic Graph in seinen Anfängen 2009 schon dabei geholfen, den Mitarbeitern von Lehman Brothers neue Jobs aufzuzeigen nach dem großen Crash 2008.

Neben den Unternehmen und ihren Mitarbeitern habt ihr aber auch noch eine andere Zielgruppe in Form der Verwaltung. Wie passt das dazu und was versprecht ihr euch davon?

Ja, da ist noch eine größere Komponente: Wir können Verwaltungen und Regierungsorganisationen zeigen, wo regional Talente für einen bestimmten Bereich angesiedelt sind oder an welchen Hochschulen besonders viele junge Menschen ausgebildet werden, die über bestimmte Fähigkeiten verfügen. So können Städte wie New York, Brüssel oder Manchester gezielt in bestimmten Bereichen investieren. Wir verstehen diese Organisationen als Partner zur Anbahnung von Geschäft, Ausbildung und Generierung von Werten. Wir verbringen viel Zeit damit, darüber nachzudenken, wie und wofür jemand Linkedin nutzt und welchen Nutzen er daraus für sich zieht. Diese Beziehungen zu Verwaltungen und Regierungsorganisationen machen Linkedin per se nicht attraktiver oder helfen uns, Kunden zu gewinnen. Aber es ermöglicht der Verwaltung, mit Unternehmen effektiver zusammenzuarbeiten, und das trägt ebenfalls zum Unternehmenserfolg bei.

Lass uns mal etwas konkreter werden. Wenn ihr eine Verwaltung beratet, was wollen die von euch wissen, welche Erkenntnisse suchen die bei euch?

Die Arbeitswelt wird schnellebiger: Laut Linkedin sinkt die Verweildauer bei einem Arbeitgeber, und die Zahl der Berufe und Jobs im Laufe des Lebens steigt gegenüber früher. (Foto: Linkedin)

Nehmen wir einmal die Stadt New York. Die wollten konkrete Informationen für ihre Region, welche Berufsbilder und Fähigkeiten besonders gefragt sind und was für Mitarbeiter händeringend gesucht werden. Denn die landesweiten Daten, die es zweifelsohne gibt, verraten nur wenige Details und wenig Konkretes über die eigene Region oder die eigene Stadt. Die Stadt New York wollte konkret wissen, wie sie es schaffen kann, dass genügend technisch gut ausgebildete Menschen vorhanden sind. Die Befürchtung war, dass IT- und Softwareunternehmen in Zukunft weniger bereit sind, sich dort anzusiedeln, weil ihnen die Entwickler, Ingenieure und IT-Fachkräfte fehlen könnten. Wir konnten da aufzeigen, welche Ausbildungsmöglichkeiten es vor Ort gibt, welche Skills man noch weiter fördern kann und wie man ein Ökosystem schafft, in dem sich diese gesuchten Mitarbeiter wohl fühlen.

Ihr habt mit der Skills Gap Studie analysiert, welche Fähigkeiten heute und in zehn Jahren für deutsche Mitarbeiter wichtig sein werden. Kannst du das auch international etwas einordnen?

Die Antworten sind überall anders – in Frankfurt oder New York anders als in Berlin oder dem Silicon Valley. Sie hängen davon ab, welche Industriezweige jeweils dominieren oder in Zukunft dominieren werden und von den Skills der vorhandenen arbeitenden Bevölkerung. Zum Beispiel in der Region Denver: Die Fertigkeiten, die dort am dringendsten gesucht wurden, waren nicht etwa technische Fähigkeiten, Unternehmensführung oder sowas. Es war Pflegepersonal in Krankenhäusern. Denver boomt aktuell und viele Leute haben sich dort angesiedelt. Das bedeutet, dass hier mehr medizinisches Personal benötigt wird – und dieser Bedarf ist zugleich eine Chance für Menschen, die Arbeit suchen und sich in diese Richtung orientieren können.

Diese Fähigkeiten wirst du in Zukunft für deine Karriere brauchen. (Zahlen für Deutschland, Grafik: Linkedin)

Du hast mal gesagt, dass jeder Job, wenn er es nicht bereits heute ist, in Zukunft ein technischer Job sein wird. Was meinst du damit und trifft das tatsächlich in dieser Absolutheit zu?

Ohne technischen Background geht es heute nicht mehr und wird es vor allem in Zukunft nicht mehr gehen. Selbst ein Kellner, der in einem Restaurant arbeitet, nutzt heute Mobilgeräte für die Bestellungen, für die Abrechnung und den Bezahlvorgang. Eine Krankenschwester gibt die Patientendaten in Echtzeit über ein Tablet ein und verwaltet Medikamente auf diesem Weg. Und in jeder Fabrikproduktion geht es heute nicht mehr ohne IT-Technik, die nicht mehr wie früher nur der operativen Führungsriege vorbehalten ist. Jede Arbeit beinhaltet heute Interaktion mit Technik und das Bereitstellen und Nutzen von Daten in Echtzeit. Das bringt einen Effizienzgewinn und erfordert die Bereitschaft der Mitarbeiter, sich darauf einzulassen.

Kannst du anhand eurer Daten ein paar weitere Entwicklungen belegen, die auf uns alle in der Arbeitswelt zukommen?

Wir sehen in der Tat einen Trend hin zu mehr Arbeit auf Anfrage oder Abruf. Kurzfristige Arbeit mit einzelnen Aufträgen, kleinere Unternehmen, die wiederum für größere Kunden arbeiten, Einzelunternehmer, all das nimmt stetig zu. Das betrifft die Gig Economy Companies wie Uber oder Lyft, aber auch andere Karrieren sind in den letzten Jahren dynamischer geworden: Noch vor fünf oder sechs Jahren betrug beispielsweise die Zeit, die man im ersten Job verbrachte, durchschnittlich 3,1 Jahre, heute sind es noch 1,8 Jahre. Die Arbeitswelt wird schnelllebiger, wir arbeiten für mehr verschiedene Arbeitgeber und wechseln unsere Jobs öfter. Und wir erwerben uns im Laufe des Arbeitslebens mehr verschiedene Fähigkeiten. Das bedeutet übrigens in vielen Fällen nicht nur einen Jobwechsel, sondern oft auch einen Berufswechsel.

Werden wir in Zukunft genug Arbeit haben oder wird die Digitalisierung und Automatisierung vermehrt dafür sorgen, dass Leute keine adäquate Tätigkeit bekommen?

Das weiß niemand. Es wird sicherlich Tätigkeiten geben, die verschwinden werden. Nehmen wir den Lastwagenfahrer, der mit einem begrenzten Umfang an Fähigkeiten auskommt und dessen Tätigkeit sich optimal automatisieren lässt. Die Mehrzahl der Tätigkeitsprofile wird dagegen weiterhin existieren, nur eben technischer werden. Andere Tätigkeiten werden dagegen von den Kunden übernommen, was ja bereits heute der Fall ist – beispielsweise am Bankautomaten.

Mal ganz abgesehen von der Online- oder der Offline-Welt: Wie wichtig ist für dich das berufliche Netzwerk und wie netzwerkt man erfolgreich? Hast du dazu ein paar Ratschläge?

Ich weiß aus meiner Erfahrung als Unternehmer, dass es ohne ein belastbares berufliches Netzwerk nicht geht. Wenn du über ein wirklich belastbares Netzwerk verfügst, das du auch pflegst, wirst du mehr Gelegenheiten und Chancen in beruflicher Hinsicht haben, weil du einfach Dinge erfährst und deine Erfahrungen austauschst. Belastbar wird ein Netzwerk vor allem dann, wenn du Leuten hilfst und sie auf der Basis eines Vertrauensvorschusses unterstützt, also ohne eine direkte Gegenleistung zu erwarten. Wenn du von einer offenen Stelle weißt, die auf jemanden passen könnte, sprich ihn an. Wenn jemand ein Problem im operativen Geschäft hat oder jemandem vorgestellt werden sollte, dann unterstütze ihn. Sei großzügig und teile dein Wissen bereitwillig!

Was sind in diesem Zusammenhang überhaupt berufliche Netzwerke? Können die aus zig hunderten von Kontakten bestehen, wie man es bei manchen Nutzern sieht?Ist das vernünftig?

Zunächst einmal ist ein berufliches Netzwerk auf Internetbasis natürlich etwas anderes als ein persönliches Netzwerk. Anders als in persönlichen Netzwerken, bei denen es um zwischenmenschliche Beziehungen, die Familie, die Kinder, oft auch Gefühle und Einstellungen geht, befassen sich berufliche Netzwerke mit der Zusammenarbeit und können sich auch mal wieder ändern, weil einer jobmäßig weiterzieht. Man hat aus jedem beruflichen Umfeld ein mehr oder weniger großes zusätzliches Netzwerk, das man teilweise dann auch wieder auffrischen kann. Daher ist es nur selbstverständlich, dass man beruflich größere Netzwerke hat, als man dies privat pflegt.

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Ein Kommentar
Niko Müller
Niko Müller

Warum nur ist Linkedin fast 10x teurer als Xing? Bekommen sie den Hals nicht voll? Dies wäre doch mal eine interessante Frage ;-)

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