Ratgeber

Warum du als digitaler Nomade wirklich alle Zelte abbrechen solltest

(Foto: Shutterstock)

Der Teufel steckt manchmal im Detail – da denkt man, man hat alles getan, erwischt es einen manchmal ziemlich böse. Und das kann auch ziemlich teuer werden. Abmelden ist das Stichwort. Nicht nur bei Freunden und Familie oder dem Einwohnermeldeamt, sondern bei wirklich allen und allem.

Wohnung kündigen, Rucksack packen und los – ein Kardinalsfehler … Nicht nur aus steuerlichen Gründen ist es wichtig, sich wirklich überall abzumelden. Ob ADAC, Sportverein, Telekom, Fitnessstudio oder was auch immer: abmelden! Und sichergehen, dass alle Rechnungen bezahlt sind. Sonst geht es euch wie mir.

Dumme Sache

Letztes Jahr musste ich aus medizinischen Gründen (heftige OP nach Unfall) kurzzeitig nach Deutschland. Wegen Krankenversicherung und anderem Krempel habe ich mich wieder ordentlich beim Einwohnermeldeamt gemeldet. Und zack! Ein Inkassobetrieb hatte mich am Wickel. Der Grund: so banal, dass es fast peinlich ist. Bevor ich ein paar Jahre zuvor loszog, hatte ich mich wirklich überall abgemeldet – und alle ausstehenden Rechnungen und Mitgliedsbeiträge und so gezahlt. Dachte ich. Man kann sich auf vieles verlassen, aber manchmal ist man eben verlassen. Plötzlich sollte ich über 400 Euro für eine Telefonrechnung bezahlen (inklusive der Inkassobeträge, die eigentliche Rechnung waren 25 Euro …). Ich hatte damals meinen Vertrag über Festnetz gekündigt und um eine Abschlussrechnung gebeten. Hatte ich gekriegt und bezahlt.

Dumm und dümmer

Was mir der freundliche Herr im Telekom-Shop aber nicht sagte, war, dass es noch eine Abschluss-Abschlussrechnung geben wird. Die wurde mir vier Wochen, nachdem ich Deutschland verlassen hatte, zugestellt. Na ja, es wurde versucht, sie zuzustellen – war ja abgemeldet und hatte keinen Briefkasten mehr. Doch Unternehmen vergessen nichts. Als ich dann Jahre später mich wieder in Deutschland meldete, standen die vor meiner Tür. Ja, ich hätte eine Postanschrift einer Freundin angeben können, als ich wegging – doch wozu? War doch alles bezahlt? Man lernt nie aus … Und das gilt auch für alle anderen Arten von Mitgliedschaften und Verträgen – die vergessen wirklich nichts. Und kommt man mal zu Besuch zurück nach Deutschland, warum auch immer, will man echt nicht am Flughafen vom Zoll in Gewahrsam genommen werden, weil eine Forderung von 25 Euro vom Tierschutzverein aussteht, die man entweder sofort (in meist zehnfacher Höhe) begleicht oder in Beugehaft für ein paar Tage muss. Nee nee.

Der Reihe nach

Das Wichtigste ist, sich beim Einwohnermeldeamt persönlich abzumelden. Geht schnell, tut nicht weh. Im Personalausweis steht dann hinten statt einer Adresse: „Ohne festen Wohnsitz“. Das geht dann automatisch ans Finanzamt, da muss man nicht extra hin. Und das ist extrem wichtig! Ansonsten ist man in Deutschland voll steuerpflichtig, obwohl man dauerhaft im Ausland lebt. Beim Einwohnermeldeamt dann unbedingt die Abmeldebestätigung mitnehmen und sorgfältig aufbewahren (auch als Scan in einer Cloud oder sonstwie digital). Denn ohne diese Abmeldung kann man sich in keiner Botschaft der Welt einen neuen Pass ausstellen lassen. Ganz wichtig! Ohne dieses Papier sagt die Botschaft nämlich: „Machen Sie das, wenn Sie wieder in Deutschland sind, hier kriegen Sie nur einen temporären Ersatzpass!“. Ob man seinen Pass verliert oder man einen neuen braucht, weil der aktuelle vollgestempelt ist (was schnell geht) – ohne diesen Wisch geht das nicht.

Anmerkung: Ich bin kein Steuerberater. Das hier sind alles unverbindliche Informationen. Ich beziehe mich auf das, was mir meine Steuerberaterin gesagt hat. Das gilt für meinen Fall. Ein Digital Nomad zu sein, das ist eine Grauzone. Bitte sprecht mit einem Steuerberater.

Wer als DN leben will, der darf beispielsweise keinerlei Geschäfte in Deutschland haben oder machen – also keine GmbH, GbR oder sonstiges (dann wäre man ja eigentlich auch kein DN, sondern Reisender). Wer mit dem Gedanken spielt, dennoch eine kleine Firma aufzumachen (oder dazu gezwungen ist), beispielsweise weil man mit Dropshipping Geld verdienen will, der sollte über eine E-Residence in Estland nachdenken. Nur bloß nicht in Deutschland. Mehr dazu in einem künftigen Artikel.

Weiter geht’s

Jetzt an alle möglichen Dinge denken, bei denen man Verträge hat. Kündigen und Bestätigung schriftlich einfordern. Das beruhigt und schützt vor eventuellen späteren Forderungen. Ein Freund von mir sollte, als er nach England zum Geburtstag seiner Großmutter wollte, über 3.000 Pfund für eine Hausratsversicherung nachzahlen. Die Kündigung wurde im System einfach nicht vermerkt – er hat gelacht und am Flughafen einen entsprechenden Beleg vorgezeigt. Fertig. Und ich spreche jetzt hier nicht von großen Dingen. Wie gesagt, selbst eine nicht gezahlte Rechnung über 25 Euro kann zu einem echten Problem werden.

Ja, das ist Arbeit

Aber die Arbeit lohnt sich. Einfach mal ein Wochenende alle Kontoauszüge der letzten Jahre durchgehen und dann jeweils kündigen. Und alle Bestätigungen gut aufbewahren. Was man außen vor lassen kann, sind zwei Dinge: Bank und Krankenversicherung. Eine deutsche Bankverbindung ist kein Problem für das Finanzamt. Ebenso eine internationale Krankenversicherung. Ein Mobilfunkvertrag oder die Mitgliedschaft im Fußballverein aber schon.

Und das war’s schon fast – fast

Bevor man sich komplett abmeldet, sollte man aber beachten, dass man bestimmte Verträge nur dann abschließen kann, wenn man noch eine Meldeadresse (nicht Postadresse) hat. Zum Beispiel ein neues Bankkonto oder eben eine internationale Krankenversicherung (wobei es da eine Ausnahme gibt). Okay, bei manchen Banken geht das auch mit nur einer Postadresse. Aber naja … Doch besonders was Versicherungen angeht – Meldeadresse in Deutschland! Auch wenn diese dann einen Tag später abgemeldet wird. Bürokratie und so …

Ausnahmen und weitere Hacks

Natürlich … Einige werden jetzt aufschreien und sagen „Was ein Blödsinn!“. Mag sein. Je nachdem, wie man sich organisiert, geht das auch anders, klar. Natürlich kann ein Freund einen Mobilfunkvertrag auf seinen Namen für einen abschließen (Prepaid funktioniert im außereuropäischen Ausland nur sehr schlecht, wenn überhaupt). Ebenso andere Verträge.

Aber ich hatte Bauchschmerzen bei dem Gedanken. Auch wenn es noch so gute Freunde waren – auf mein Bankkonto wollte ich alleine Zugriff haben. Und ich wollte nicht abhängig von anderen Menschen sein. Was, wenn mein Kumpel mal die Telefonrechnung nicht bezahlen kann? Dann bin ich der Gelackmeierte. Und kann nichts dagegen tun. Mein Telefon ist mit Paypal verbunden, mit Onlinebanking und vielem mehr. Natürlich gibt es viele weitere Möglichkeiten, mit diesen Situationen umzugehen. Aber wie bei vielem: Stellt mal auf Facebook in einer DN-Gruppe eine Frage – da antworten dann vielleicht 30 Leute mit 60 verschiedenen Meinungen und Experten-Tipps. Hier gibt es also keinen Universal-Ratschlag, das ist sehr von der persönlichen Situation abhängig. Nur sollte man sich darüber gut Gedanken machen. Mein Tipp: Besser nur auf sich selbst verlassen. Ich habe einige Male erlebt, wie Leute wegen solcher Sachen fast verzweifelt sind. Blödes Gefühl, wenn man weiß, dass man für seine Arbeit bezahlt wurde, aber keinen Zugriff darauf hat – und sich dann von Freunden Geld leihen muss. Mag sehr pessimistisch klingen, aber ist aber so. Also lieber alles kündigen und abmelden, was nur geht. Aus Sicherheitsgründen und wegen Finanzamt. Dann geht’s ab.

Cheers, Rob

Du hast Lust, mehr über das Leben als digitaler Nomade zu erfahren? Kein Problem, bei Rob’n’Roll around the World liest du mehr!

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4 Kommentare
Kriztof
Kriztof

Postfach, Nachsendeauftrag für 2 Jahre und 34€, fertig.

Antworten
Titus von Unhold
Titus von Unhold

Nicht auffindbar sein, 0 Euro.

Antworten
Dieter Petereit

Für alles andere gibts …

Ja, aber ein...

…Postfach ist ohnehin zu empfehlen. Da kann man fast so weiterleben wie zuvor, nur halt digital. Handyvertrag sollte tatsächlich kein Problem sein, solange dadurch kein Lebensmittelpunkt in D ausgelegt werden kann. Das wird kaum passieren, wenn man mal drei Monate im Jahr rumkommt und dort nix besitzt.

Antworten

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