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Kolumne

So fühlt sich ein persönlicher Abschied von der Bitcoin-Blase an

(Foto: Shutterstock/Julia Tsokur)

Martin Weigert hat seinen Bruchteil an Bitcoin am Wochenende verkauft. In seiner Kolumne Weigerts World berichtet er, wieso das eine Erleichterung war und er trotzdem sofort wieder „Fomo“ verspürt.

Am Samstag habe ich mich von meinem im Vergleich zu den Winklevoss-Zwillingen und einigen anderen Personen extrem bescheidenen Bitcoin-Besitz getrennt: 0,164 BTC brachten mir beim Kurs von etwa 14.000 US-Dollar für einen BTC und einem Einsatz von circa 700 Euro -  zusammengekauft in Kleinstmengen über verschiedene Zeitpunkte rund 1.200 Euro Profit (vor Steuern). Damit bin ich abgesehen von einem verbliebenen Minibetrag an Bitcoin Cash (Hardfork sei Dank), nun erst einmal komplett raus aus der Welt der Kryptowährungs-Spekulation. Wie fühlt es sich an? Ambivalent.

Für alle, die über einen ähnlichen Schritt nachdenken, sowie für diejenigen, die mit dem Gedanken spielen, in den Spekulationsreigen einzusteigen, folgt eine selbstkritische Reflexion.

Risiko vs. Potenzial

Aus der Perspektive einer nüchternen Analyse von Risiko und Potenzial war mein Ausstieg wohl nicht klug  wenn er mir auch mehr einbrachte, als ich noch vor einigen Monaten erwartet hätte. Im schlimmsten Fall wäre mein Einsatz von 700 Euro weg gewesen. Im besten Fall wenn die extremen Prognosen mancher Evangelisten sich bewahrheiten sollten hätte ich aber mit diesem Einsatz ein kleines Vermögen anhäufen können. Begrenzte „Downside”, theoretisch unbegrenzte „Upside” sozusagen.

Dass aber der Bitcoin-Kurs tatsächlich in einen sechsstelligen oder gar siebenstelligen Bereich vordringen sollte, ist meiner Ansicht nach zwar nicht ganz ausgeschlossen, aber extrem unwahrscheinlich. Signifikant unwahrscheinlicher als eine baldige, nachhaltige Korrektur nach unten. Natürlich kann ich mich irren. Das liegt in der Natur aller Vorhersagen zur weiteren Entwicklung von Spekulationsblasen. Und es gilt für alle, die sich zum Thema äußern selbst wenn sie unglaublich selbstsicher klingen. Gerade dann empfiehlt es sich, Sturgeon's Law („ninety percent of everything is crap”) als Maßstab anzulegen.

Bitcoin-Spekulation ist ein enormer Aufmerksamkeitsdieb

Mein Hauptbeweggrund für den Ausstieg hat wenig mit meiner finanziellen Risiko- und Gewinneinschätzung zu tun: Mein Mitfiebern nahm schlicht unerwünschte Ausmaße an. Dutzende Male täglich unterbrach ich, was ich gerade tat, nur um mich über die Kursentwicklung zu informieren. Zeigte der Trend nach oben, verspürte ich einen kurzen Moment der Genugtuung. Verlor Bitcoin an Wert, verschlechterte sich meine Stimmung deutlich. Ständig grübelte ich darüber nach, ob es sinnvoll sei, auszusteigen. Für mich bestätigte sich, was ich bereits von einem früheren Kurzausflug in den Aktienhandel wusste: Finanzspekulation nimmt extrem viel meiner Aufmerksamkeit in Anspruch. Das Auf und Ab der Emotionen strengt auf Dauer sehr an. Für ein langfristig ausgelegtes Investitionsverhalten wiederum fehlt mir der Glaube an Bitcoin (siehe oben).

Manche Menschen lieben spekulative Geschäfte, besitzen passende Persönlichkeitszüge und haben mentale Modelle entwickelt, die sie davor bewahren, die auf kurzfristige Gewinne ausgelegte Trading-Aktivität als negativ zu erleben. Für mich gilt das nicht. Ich weiß daher, dass meine Zeit und Aufmerksamkeit anderweitig besser investiert ist  selbst wenn das nicht mit der Aussicht auf schnellen Reichtum verbunden ist. Und wo wir beim Thema sind...

Gier als Triebkraft

Letztlich bringt der unglaubliche Kurszuwachs von Bitcoin in jeder und jedem die Gier hervor. Klar, die Aussicht darauf, plötzlich haufenweise Geld auf der hohen Kante zu haben, ist verlockend. Aber dass Materialismus nicht glücklich macht und bei Gier als primärer Triebkraft des Handels leicht der Verstand ausgeschaltet und viel Schaden angerichtet wird, ist bekannt. Insofern und auch im Hinblick auf die miserable Energiebilanz von Bitcoin  fiel es mir am Ende nicht schwer, zu verkaufen.

Fomo (fear of missing out) erlebe ich nun natürlich trotzdem. Den Kurs verfolge ich weiterhin, wenn auch mit erheblich verringerter Frequenz. Und nun allerdings  da bin ich ehrlich  in der Hoffnung, dass er nachgibt. Für alle, die noch im Rennen sind: Sorry, ihr versteht das sicher.

Egal wie es für Bitcoin weitergeht: Die Blockchain-Technologie wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Welt derartig massiv verändern, wie es das Internet bereits getan hat. Die Bitcoin-Blase hilft, die Philosophie und Konzepte der Blockchain in den Mainstream zu tragen. Insofern erfüllt sie eine wichtige Rolle. Ob am Ende der gesellschaftliche Schaden den Nutzen übersteigen wird, hängt davon ab, wie weit sie sich noch aufblähen wird.

Weitere Kolumnen der Serie Weigerts World findet ihr hier. Ihr könnt die vom Autor täglich kuratierten News zur Netzwirtschaft abonnieren oder seinen wöchentlichen E-Mail-Newsletter mit englischsprachigen Leseempfehlungen beziehen.

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7 Reaktionen
Robit97

Hallo,

ich bin gerade zufällig auf den Beitrag gestoßen. Im Moment, wo ich diese Zeichen schreibe, sind die Kurse wieder unten - und zwar fast alle - also hat sich die Hoffnung nach sinkenden Kursen erfüllt.

Dass das Management von Kryptowährungen sehr zeitintensiv ist, kann ich nur bestätigen - und der Abschied von diesem Aspekt fällt sicher nicht sehr schwer.

Subjektiv betrachtet erscheint es mir, dass die Zeit seit dem Investment irgendwie schneller zu vergehen scheint. Man hat das Gefühl, in kürzester Zeit sehr viel erlebt zu haben, wenn man innerhalb eines Monats drei Crashes und drei Aufstiege miterlebt hat.

Vielleicht nennt man dieses Symptom aber auch einfach nur Stress... :)

Antworten
georgi74

Ich bin Anfang dieses Jahres in die Kryptowährungen eingestiegen. "Diversifizierung der Anlagen sozusagen". Mit jeweils 3.000 Euro für Bitcoin und 3.000 Euro Eth. Bitcoin war damals bei ca. 800 Euro und Eth bei ca. 7 Euro. Als dann Eth in kurzer Zeit auf 12 Euro gestiegen und Bitcoin auf ca. 1.100 ist dachte ich mir "Ok das ist ja Wahnsinn da gehst jetzt raus, recht viel mehr kann das jetzt erst mal nicht mehr steigen" und habe alles verkauft, freute mich über einen schönen Gewinn von ca. 50% in kurzer Zeit...

Im Sommer bin ich dann nochmal mit 5.000 nur in Bitcoin eingestiegen. Eth nicht mehr weil "Eth ist ja total irr da kannst nicht mehr einsteigen". BTC Hat sich dann in kurzer Zeit verdoppelt + Bitcoin Cash. Wieder derselbe Gedanke. Wieder verkauft.

Fazit: Sollte ich irgendwann in meinem Leben noch einmal Kryptowährungen kaufen, dann behalte ich sie. Der Gedanke "das ist schon so viel gestiegen, jetzt verkaufst" hat sich bei mir auch schon bei anderen Investments oft als falsch herausgestellt. Na ja, gibt auch schlimmere Schicksale...

Ich bin finanziell recht gut gestellt und schon mitte vierzig, hätte ich das Investment vom Anfang des Jahres nie verkauft und zum jetzigen Zeitpunkt verkauft wäre die geplante Frührente in Spanien ganz ganz deutlich früher gekommen. Das Wurmt schon :-(

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Martin Weigert

Nachvollziehbar, dass das wurmt.
Andererseits könnte man auch argumentieren: Du hast zwar deinen Gewinn nicht maximiert, aber zweimal Gewinn mitgenommen. Das allein ist kein schlechtes Outcome. Ich denke, man darf sich da auch nicht von Hindsight Bias ("war eigentlich klar dass Bitcoin auf XX.XXX steigen wird) täuschen lassen.

Antworten
georgi74

Danke Herr Weigert, stimmt, so sollte man das tatsächlich sehen. Und das versuche ich jetzt.

Ich habe heute früh noch mal über die Blockchain nachgedacht und habe jetzt noch einmal 5.000 Euro angewiesen und werde noch einmal BTC, ETH und noch eine noch auszusuchende Kryptowährung investieren. Die Kryptos lege ich mir dann auf Paper Wallets und versuche dann die Kurse erst mal nicht weiter zu verfolgen. Auf Grund der vorherigen Gewinne wäre auch ein Totalverlust nicht wirklich schlimm für mich.

Nickname_1203

Da fallen mir einige Gründe ein. Im Idealfall sollte sich ein Käufer (natürlich) mit der Thematik und Philosophie hinter BTC beschäftigen.. Dann über den eigenen Tellerrand hinausschauen und zu guter letzt nicht nur aus reiner Profitgier handeln. Dann wird auch dieser erkennen, das der Preis weiter steigen muss und wird. Und man auch beim jetzigen Kurs nicht von einer Blase sprechen kann.

Die Blasenbildung sehe ich derzeit eher bei anderen Altcoins.

LG

Antworten
Nickname_1203

Hallo.

Ich finde es Schade das mittlerweile in jedem 2 Bericht von der Bitcoin-Blase gesprochen wird.
Sicherlich kann es sein das Bitcoin derzeit seinen realen Marktwert überschreitet, doch glaube ich persönlich hier nicht an eine platzende Blase.

Ich denke vielmehr das die Leute die von einer Blase sprechen, sich nicht hinreichend mit dem Thema Bitcoin befassen.

Antworten
Martin Weigert

Fällt dir ein anderer Grund ein, um sich derzeit Bitcoin zuzulegen, als die Annahme, dass andere ebenso handeln werden und der Wert deshalb weiter steigen wird?

Mir nicht. Für mich ist das die Definition einer Blase. Ich nutze den Begriff dabei wertfrei. Eine Blase muss nicht per se schlecht sein (häufig führt sie aber früher oder später zu unerwünschten Effekten). Manche Blasen sind (wie im Text angedeutet) sinnvoll, um ein Thema bekannt zu machen.

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