Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

Kommentar

Warum Agenturen mehr Widerspruchsgeist und Mut zum Risiko brauchen

(Foto: Shutterstock / Dima Sidelnikov)

Jede Zeit hat ihre eigenen Leitbegriffe. Sie bestimmen, wie wir denken, leben und arbeiten. Was bedeutet es, dass wir derzeit eine Revolution der smarten Technologien erleben? Wie verändern sich dadurch das kritische Denken und die Kreativität?

Die Ära der kritischen Geister

Ein halbes Jahrhundert liegen sie zurück: die 68er. Alles Mögliche wurde damals kritisch hinterfragt. Das Spießertum der Nachkriegsgesellschaft. Der Muff unter den Talaren der Professoren. Die erdrückende Atmosphäre in den Familien. Autoritäten jeglicher Couleur. Das Konsumverhalten der sogenannten Massen. Wer sich nicht kritisch einmischte, galt als vorgestrig.

In den Achtzigerjahren drehte sich der Zeitgeist. Die Dauerkritik der 68er entlarvte sich oftmals als nervende Besserwisserei. Die postdogmatische Generation übernahm das Ruder. Sie wollte die Welt nicht mehr mit kritischem Hinterfragen aus den Angeln heben. Sondern mit frischen Ideen. Als Kronzeugen des neuen Denkens berief man sich auf Joseph A. Schumpeter. Von dem Starökonom stammt der Begriff der „kreativen Zerstörung“.

Unternehmen müssen bestehende Strukturen auseinandernehmen, um auf dem Schutt des Vergangenen Neues zu errichten: Unternehmer sein heißt, innovativ zu sein. So sah Schumpeter das schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Und er lieferte auch gleich eine Begründung für den Vorrang von Kreativität vor Kritik. Seine Argumentation geht sinngemäß so: Der kritische Intellektuelle ist ein Parasit ohne gesellschaftliche Bodenhaftung. Denn er schafft keine ökonomisch verwendbaren Mehrwerte. Er ernährt sich durch das Zerfleddern der Leistungen anderer Menschen. Wenn es die Leistungen großer Erfinder, Unternehmer und Künstler nicht gäbe, wäre der Kritiker arbeitslos.

Der kreative Schub des Internets

Heute hat jeder die Möglichkeit, Missstände aufs Korn zu nehmen. Macht eurem Unmut Luft, schon melden sich die ersten Kommentatoren. Das Pingpong-Spiel aus Argument und Gegenargument läuft in Echtzeit ab. Dafür braucht man nur einen Laptop und einen Social-Media-Account. Analoge Medien sind unübertroffen, um Inhalte vertieft darzustellen und geduldige Leser zu adressieren. Doch in puncto Reichweite und Interaktivität sind digitale Medien haushoch überlegen.

Das hat auch der Kreativität einen mächtigen Schub verliehen. Junge und Junggebliebene starten Youtube-Karrieren und erreichen mit ihren Beiträgen Millionen. Sie machen sich als Influencer einen Namen und verdienen mehr als manch altgediente Schauspieler. Sie brüten im Netz gemeinsam Ideen (kollaborative Kreativität) aus und sind dabei effektiver als viele solistisch arbeitende Kreative.

Kurzum: Sich kreativ zu betätigen, ist nicht mehr einer kleinen Elite genial begabter Menschen vorbehalten. Jeder kann heute mit ungewöhnlichen Ideen auf sich aufmerksam machen. Andy Warhols Traum ist Wirklichkeit geworden: „Jeder hat das Recht, einmal für fünf Minuten berühmt zu sein.“ Um genau zu sein, er hat nicht nur das Recht, sondern auch die Möglichkeit. Dem Internet sei Dank.

Die smarte Revolution

Smart Cities, Smarthomes, Smart Weapons. Smarte Lösungen, wohin man sieht. Was ist damit eigentlich gemeint? Eine verbindliche Definition gibt es nicht. So viel dürfte jedoch klar sein: Smartness verbindet eine gewisse Lässigkeit und Eleganz des Denkens mit dem Ziel, die Welt mit digitalen Lösungen immer perfekter zu machen.

Das Internet war der Auftakt der smarten Revolution. Derzeit erleben wir die nächste Stufe. Das „Internet of Things“ (IoT) verbindet sich mit Dingen des täglichen Gebrauchs. So wurde auf der Frankfurter Messe ISH 2017 das erste IoT-WC vorgestellt. Es kann Urin vollautomatisch analysieren. Smart Toilets der nächsten Generation haben sogar die Analyse von Exkrementen im Visier. Shit happens: Die Wirklichkeit überholt die irrsten Science-Fiction-Fantasien. Alles wird einfacher, effizienter und sicherer. Selbstöffnende Garagentore, mit digitaler Technik vollgestopfte Autos, intelligente Kühlschränke. Und. Und. Und. Prima, was gibt es da zu kritisieren, werdet ihr vielleicht sagen. Es lohnt sich, darüber einen Moment nachzudenken.

Das Perfekte ist das Vollendete, ein Idealzustand. Smarte Technologien streben dieses Ideal an. Allerdings: In einer perfekten Welt fehlen die Brüche und das Ungehobelte. Die perfekte Welt ist nicht spannend, sie erstarrt in Langeweile. Sie gleicht dem Himmel auf Erden. Aber der Himmel ist ein bequemes Ruhepolster. Er führt zur Erlahmung des kritischen und kreativen Denkens.

Kreativität entsteht durch Reibung

Griechenland hat eine der schlimmsten Wirtschaftskrisen seiner Geschichte durchlebt. Die Wunden sind längst noch nicht verheilt. Aber gerade in der Krise boomt die Kunst. Der Schauspieler Alexander Mukanos sagt: „Damit es mit der Kunst aufwärtsgeht, muss es eine Sehnsucht, einen Schmerz geben. Deshalb haben wir in der Krise eigentlich besser gespielt. Wir sind aktiver geworden, weil wir das Bedürfnis hatten, uns noch intensiver über die Kunst auszudrücken.“

Street-Art hat die Straßen Athens und Thessalonikis in ein Freiluftmuseum verwandelt. Die Krise hat das kritische Denken und die Fantasie stimuliert. Etwas Vergleichbares erlebte Deutschland in den Zwanzigerjahren, den sogenannten Roaring Twenties, als die wirtschaftliche Unsicherheit Menschen zum Über-den-Tellerrand-Sehen zwang.

Wohl jeder wünscht sich, Elend und Leid zu beseitigen. Wo immer smarte Lösungen die Welt besser machen, gibt es Grund zur Freude. Die moderne Medizintechnik ist dafür das beste Beispiel. Problematisch wird es erst, wenn smarte Lösungen als Allheilmittel für die Mängel der Welt begriffen werden. Dann nähern wir uns einer „smarten Diktatur“, wie der Soziologe Harald Welzer das nennt.

Konsequenzen für die Kommunikation

Gute Kommunikation hat immer einen Kompromiss zwischen dem Mut zum Ungewöhnlichen und der Beachtung bewährter Erfolgsregeln gefunden. Gerade dadurch gelingt es ihr, die Herzen der Menschen zu erobern. Personalisierte Werbung auf Google und Co. folgt anderen Regeln. Sie überrascht nicht mit dem Unerwarteten. Sie bestätigt bestehende Erwartungen. Das ist nicht kreativ. Es ist smart und fantasielos. Auf längere Sicht führt das zu Überdruss und Reaktanzen auf Seiten der Konsumenten.

Was heute fehlt, sind Widerspruchsgeist und Mut zum Risiko. Das liegt auch am Übergewicht der datenbasierten Kommunikation. Algorithmen funktionieren nach der Wenn-dann-Logik von Entscheidungsbäumen. Sie können zwar dazulernen (selbstlernende Algorithmen), aber sie können aus dem Spiel, das sie spielen, nicht aussteigen. Das können nur Menschen. Nur sie sind zu kritischem Denken und kreativer Neuordnung fähig. Deshalb sind Kritik, Kreativität und Smartness auch keine Gegensätze. Sondern sich ergänzende Formen geistiger Tätigkeit. Agenturen sind gut beraten, alle drei Formen zu kultivieren.

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Schreib den ersten Kommentar!

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.