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Kolumne

Air Berlin: Spart euch die Häme!

Nach der Insolvenz von Air Berlin gibt sich die Presse hämisch. (Foto: dpa)

Nach der Pleite von Air Berlin wird das Unternehmen regelrecht in seine Einzelteile zerlegt. Dabei sollten wir lieber Respekt zeigen für das, was Gründer Joachim Hunold aus dem Nichts aufgebaut hat.

Im Nachhinein haben es alle schon immer gewusst: Air Berlin war lange schon verloren. Und es war auch nur eine Frage der Zeit oder zumindest der Umstände, bis die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft Insolvenz anmelden musste. Mit dem Rückzug von Etihad waren die Umstände eingetreten und die Zeit gekommen.

Aus. Ende. Insolvenz.

Was jetzt folgt ist der klassische deutsche Reflex, wenn ein Unternehmen, respektive Unternehmer scheitert: Der Niedergang wird genüsslich seziert, die Folgen für den Markt analysiert, und plötzlich zeigt sich, dass man etwas vermissen wird im deutschen Luftverkehr ohne Air Berlin. Wettbewerb zum Beispiel.

Air Berlin wurde aus dem Nichts geschaffen

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Reste nun auf Lufthansa und eine zweite europäische Fluggesellschaft – den Gerüchten zufolge ist es Easyjet – aufgeteilt werden. Die einen interessieren sich für Betriebsstätten, Flugzeuge und Personal. Die anderen für die Flugslots auf den interessanten Routen nach Palma de Mallorca. Für den Kunden, den Passagier interessiert sich vorerst niemand.

Und mit einem Mal wird deutlich, dass da doch einiges war, was der Firmengründer Joachim Hunold da in einem Vierteljahrhundert aufgebaut hat, seit der Selfmade-Man im Frühjahr 1992 den ersten Flieger von Berlin-Tegel Richtung Palma de Mallorca hat aufsteigen lassen. Vor zehn Jahren wurde Air Berlin mit 26,2 Millionen Passagieren und einem Umsatz von 2,54 Milliarden Euro Deutschlands zweitgrößte Airline.

Jetzt heißt es, Joachim Hunold habe Eitelkeit an die Spitze einer Fluggesellschaft getrieben und Größenwahn in den Ruin. Mag sein, mag auch nicht sein. Sicher ist aber, dass Joachim Hunold von dem getrieben war, von dem es in Deutschland zu wenig gibt: Unternehmergeist. Er hat Air Berlin mehr oder weniger aus dem Nichts geschaffen. Der Studienabbrecher (Jura) hat eine Karrierebewegung von ganz unten begonnen. Legendär sind seine Erzählungen als Roadie für die Band About Five und deren Frontmann Marius Müller-Westernhagen. Sein Aufstieg vom Gepäckverlader zum Stationsleiter am Flughafen Düsseldorf bis zum Marketing- und Vertriebsdirektor bei LTU hat schon Dishwasher-Becoming-A-Millionaire-Qualitäten. Dass die Gründung von Air Berlin dann auch noch aus einer Meinungsverschiedenheit mit dem LTU-Mehrheitsaktionär WestLB entstanden ist, gibt der Karriere sogar einen Valley-Flair.

„Was wir an Richard Branson besingen, dissen wir, wenn die Ursprünge in Deutschland liegen.“

Richard Branson, der sein erstes Geld mit einem Glückstreffer durch den Plattenvertrag mit Mike Oldfield machte, versenkte einen großen Teil davon mit der Gründung der Fluggesellschaft Virgin Sun Airlines. Das war ein nicht minder ambitioniertes Unterfangen, dessen Grandiosität (aber auch geringe Erfolgsaussichten) er so kommentierte: „Wer Millionär werden will, solle mit einer Milliarde beginnen und eine Fluggesellschaft gründen…“

Aber was wir an Branson besingen, dissen wir, wenn die Ursprünge in Deutschland liegen – das hat Züge einer gespaltenen Persönlichkeit. Dabei sollten wir Unternehmern Respekt zollen, für den Mut, etwas ganz Großes aufbauen zu wollen – auch oder sogar gerade dann, wenn dieser Versuch letztendlich – und letztendlich bedeutet im Fall von Air Berlin nach 25 Jahren hartem Ringen – gescheitert sein sollte.

Respekt gebührt Joachim Hunold auch dafür, dass er als Gründer 2011 angesichts anhaltend enttäuschender Zahlen seinen Posten zur Verfügung gestellt hat.

Loblieder statt Schmähreden

Wir sollten in Deutschland mehr Loblieder anstimmen als Schmähreden. Es ist der heutige Mittelstand, der gestern oder vorgestern aus einer Gründergeneration entstanden ist, die sich von zwei verlorenen Weltkriegen und zahllosen Börsenkrächen nicht hat davon abbringen lassen, das Wagnis eines Unternehmens einzugehen und sich Verantwortung für andere aufzuschultern. Heute fordern wir, dass Gründer groß denken sollen und nicht nur nach dem Exit in fünf Jahren streben, sondern den Mittelstand, ja den Global Player von morgen anpeilen sollten.

Das können wir aber nur erreichen, wenn wir die Angst vorm Scheitern überwinden. Der Gedanke an den Sturz ist bekanntlich bereits der Sturz selbst.

Deshalb sei es wiederholt: Unternehmern wie Joachim Hunold gebührt unser Respekt.

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6 Reaktionen
Holger Zimmermann

Danke für diese Lanze in Sachen Unternehmertum. Wir haben zu wenige Unternehmer in Deutschland und zu viele, die wissen, wie es besser geht, es selbst doch nicht machen. Dabei sind es die Unternehmer, die Eigenes riskieren und so Arbeitsplätze schaffen. Das Risiko des Scheiterns fährt da immer mit.

Tut nichts zur Sache

Ich finde ja an diesem Artikel fehlt der "Sponsored" Hinweis.

johann

Naja… so ganz aus dem nichts war's nicht.
https://de.wikipedia.org/wiki/Air_Berlin#Gr.C3.BCndung_und_erste_Jahre
Trotzdem schon eine Leistung als Privatmann eine Airline zu übernehmen und zu einer der etablierten Airlines in Europa auszubauen.

Markus

Das liegt aber schon in der Sprache .. Größenwahn ist immer negativ, aber viele Visionäre und daraus aufgehenede Unternehmenergrößen gäbe es ohne Größenwahn gar nicht erst.

aviationsteve

Ich habe nicht den Eindruck, dass Hunold hier der "Belachte" in der Pleite rund um AirBerlin ist. Unter ihm, wenn auch seine Pläne zu schnell und zu ehrgeizig waren, lief der Laden. Abwärts hat es ein Bahnmanager und zum Schluss ein ärmlicher Lufthansa-CEO-Kofferträger nach dem Prinzip "tot sparen" geschafft, einer an sich soliden Airline das Licht auszuknipsen... immerhin, bei Lufthansa gelernt, eine Bankbürgschaft kann Gehalt und 100% Bonus sichern.

Schade drum - damit geht ein wichtiger Konkurrent auf dem Markt verloren - und O'Leary macht zwar das richtige aktuell, aber seine angekündigten "Zubringerflüge" lassen ja wohl auch noch unbegrenzt auf sich warten...

Ich bin gespannt, wann AirBerlin im ersten Lehrbuch für BWLer auftaucht und wie die Story hier dann geschrieben steht...

frank-de-cologne

Nicht ins gleiche Horn, aber auch etwas zur Ehrenrettung in der SZ von Peter Richter, beraeits am 11. August: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/air-berlin-mit-herzlichen-gruessen-1.3625079

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