Analyse

Apotheken: Warum Amazon in den USA mit Krankenversicherungen spricht

Bittere Medizin für die Apotheken: Amazon als Mitbewerber könnte sie Marge und Umsatz kosten. (Foto: Lisa S. / Shutterstock)

Das Geschäftsmodell von Apotheken könnte in Zukunft – wie andere Branchen auch – durch Amazon verändert werden. Jetzt hat ein Gerichtsprozess in den USA konkretere Details zu Amazons Plänen offenbart.

Es gibt wohl keine Branche, die das Hinzukommen von Amazon nicht fürchtet. Von der Logistikwelt über die Banking- und Versicherungswirtschaft bis hin zur Medizin und den gesundheitsorientierten Märkten. Gerade für Online-Apotheken des alten Zuschnitts könnte Amazon eine echte Bedrohung sein – mehr noch als für etablierte Apotheken vor Ort, die über andere USP verfügen und ein intensives Vertrauensverhältnis gerade zu jenen Patientengruppen aufgebaut haben, die naturgemäß die meisten (und oft teuersten) Medikamente benötigen. Ein Rechtsstreit zwischen der US-Apothekenkette CVS und Amazon hat nun einige interessante Details ans Licht gebracht, über die zuerst das Portal Apotheke Adhoc berichtete.

Es geht dabei um einen Spitzenmanager im Bereich der Preisfindung – in den USA sind „Pharmacy Benefit Manager“ für das Verhandeln von Abgabepreisen und Rabatten verantwortlich. Besagter Manager hatte seinen alten Arbeitgeber im Frühjahr verlassen, um zu Pillpack, einer Versandapotheke, die Amazon übernommen hat, zu wechseln. CVS, der alte Arbeitgeber, zog daraufhin vor Gericht, weil man Belege dafür sehe, den bisherigen Aufbau des Gesundheitssystems zu umgehen – konkret: unter Umgehung anderer Akteure Medikamentenpreise direkt mit Krankenversicherungen zu verhandeln.

Amazon spricht in den USA mit privaten und öffentlichen Kostenträgern

Erst kürzlich habe, so heißt es in der Anklageschrift, Amazon-Pillpack direkte Gespräche mit Blue Cross Blue Shield begonnen, einem Verbund von 36 Krankenversicherern, bei denen insgesamt 100 Millionen Amerikaner versichert sind, um deren Mitglieder mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zu beliefern. Laut Apotheke Adhoc habe Amazon vor Gericht die Befürchtungen der Apotheken nicht dementiert, wohl aber deren Schlussfolgerungen auszuräumen versucht. Man gab aber zu, man werde „sowohl mit privaten als auch mit öffentlichen Kostenträgern verhandeln und Beziehungen zu diesen aufbauen“. „Es ist darüber hinaus offensichtlich, dass Pillpack versuchen wird, direkt mit Versicherern und anderen Kostenträgern zu verhandeln“, urteilte auch das Gericht und verbot dem ehemaligen CVS-Mitarbeiter den Wechsel im Sinne seines alten Vertrags.

Die Sorgen der Apotheker sind begründet, auch wenn die Preisgestaltung verschreibungspflichtiger Medikamente in Deutschland etwas anders läuft. Aber ähnlich wie in den USA, wo Präsident Trump gerade angekündigt hat, man wolle die Kosten für das Gesundheitswesen senken, ist auch in Deutschland der Kostendruck im Gesundheitssystem nicht erst seit gestern spürbar. Hier spielt die Apothekenwirtschaft traditionell aber eine stärkere Rolle, wobei auch hier der Feind eher in den bisher vermeintlich großen Online-Apotheken gesehen wird, die gegen Amazon, wenn sich das Unternehmen ernsthaft dafür entscheidet, den europäischen Markt aufzurollen, klein aussehen werden.

Krankenkassen müssen sparen – und Amazon ist zur Stelle

Klar ist aber auch: Das Rennen um die Gesundheitsversorgung wird über den Preis gewonnen – insbesondere wenn es die stets sparwilligen Krankenkassen sind, die man fragt. Letztlich werden auch die lokalen Apotheken vor Ort weiter an ihrem Service arbeiten müssen, dabei aber bessere Argumente haben als die diversen Online-Apotheken. Auch wenn gerade bei rezeptpflichtigen Medikamenten die Workflows komplizierter und mit mehr rechtlichen Vorgaben versehen sind als beim klassischen E-Commerce, wird Amazon Mittel und Wege finden, die Übergabe und Einreichung von Rezepten zu lösen – vielleicht sogar irgendwann in Zukunft auch mit einem höheren Marktanteil an papierlosen Rezepten.

Doch Amazons Bestrebungen könnten in Sachen Gesundheitsmarkt noch weiter gehen: Auch wenn die Telemedizin vernünftigerweise bei Ärzten am Besten aufgehoben ist, könnte das Unternehmen hier in Kooperation mit Ärzten als Dienstleister agieren – und das Ganze mit den beschriebenen Apothekendienstleistungen verschränken. Die Bundesregierung hat hier in den letzten Monaten einige Grundlagen zur Lockerung geschaffen, wobei solche telemedizinischen Dienstleistungen insbesondere auch in weniger gut versorgten Gebieten (national, aber vor allem international) ihre Daseinsberechtigung bekommen werden. Auch die Versorgung mit regelmäßig benötigten Medikamenten bei chronisch Kranken könnte in Zukunft ein lukratives Betätigungsfeld werden.

t3n meint: Wenn Amazon in den USA einen erfolgreichen Markteintritt geschafft hat (und wir reden hier von „wenn“ im Sinne von „sobald“, nicht mit der Bedeutung „falls“) dürften auch die attraktiven europäischen Märkte an der Reihe sein. Daraus resultierend ist es nur eine Frage der Zeit, bis Amazon auch den Markt der Apotheken in Deutschland umwälzen wird – mit deutlich gravierenderen Auswirkungen als im Buchhandel. Attraktiv ist die Branche auch aufgrund der weiter alternden Gesellschaft. Doch es gibt zwei gute Nachrichten, eine für Apotheker, eine für Kunden und Patienten: Für Erstere ist genügend Zeit, sich auf eine Zukunft mit dem Mitbewerber aus Seattle einzustellen, für Letztere dürften viele Medikamente auf Dauer billiger werden. Tobias Weidemann

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Ein Kommentar
Titus von Unhold
Titus von Unhold

“ Daraus resultierend ist es nur eine Frage der Zeit, bis Amazon auch den Markt der Apotheken in Deutschland umwälzen wird“

Wisch mal deine Glaskugel, denn vor lauter Fingerflecken siehst du die Regulierung des deutschen Markt nicht.

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