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Interview

Liebe Banker, kriegt ihr mit, wie Amazon euch gerade die Kunden klauen will?

Amazon-Chef Jeff Bezos. (Foto: dpa)

Macht Amazon deutschen Banken bald einen Teil des Geschäfts streitig? Einiges deutet darauf hin. Finanz-Szene.de hat den früheren Paypal-Manager Jochen Siegert dazu befragt.

Was hat es zu bedeuten, wenn Amazon dieser Tage in einem Jobportal nach einem Kreditanalysten für seine deutsche Dependance sucht? Und wie kommt es, dass ein langjähriger, renommierter Mitarbeiter einer bekannten Ratingagentur auf seinem Linkedin-Profil als neuen Arbeitgeber plötzlich „Amazon Lending Germany“ angibt? Macht der amerikanische E-Commerce-Riese  ernst und tut, was in manchen Finanz-Blogs ja gern mal prophezeit wird – steigt er also ins deutsche Banking ein?

Amazon forciert Vergabe von Händlerkrediten

Um es kurz zu machen: Nein, ganz so ist es nicht. Aber fast. Denn: Amazon schickt sich offenbar an, Händler seines Marktplatzes auch hierzulande mit Finanzierungen zu versorgen - nachdem das Ganze zuvor in UK getestet wurde. Nun mag man sagen: So what? Man kann darin aber auch den Eintritt der Techgiganten ins deutsche Kreditgeschäft sehen – zumal Paypal das gleiche macht. Welche Folgen das möglicherweise nach sich zieht, hat Finanz-Szene.de den Payment-Experten und früheren Paypal-Manager Jochen Siegert gefragt.

Finanz-Szene.de: Herr Siegert, Amazon sucht offenbar in Deutschland nach Kreditanalysten. Was hat das zu bedeuten?

Jochen Siegert: Die machen exakt das Gleiche, was ich einst für Paypal als Produkt in Europa initiiert habe – und was Paypal vergangenes Jahr endlich auch in Deutschland ausgerollt hat. Nämlich Finanzierungsangebote für kleine Händler. Amazon und Paypal haben das beide in UK getestet und sind damit jetzt nach Deutschland gekommen.

Finanz-Szene.de: Was sind das für Kredite?

Im Grunde klassisches Merchant-Lending. Die Kreditnehmer sind kleine Verkäufer auf dem Amazon-Marktplatz.

Finanz-Szene.de: Wird diese Klientel von den Banken nicht bedient?

Zu wenig. Manche Banken verstehen dieses Geschäft nicht richtig, anderen sind die Volumina zu klein, wieder andere fühlen sich unwohl dabei, weil gerade junge Händler noch keine BWA-Historie vorweisen können, also keine Betriebswirtschaftlichen Analysen, die lange genug zurückreichen.

„Ein fast risikofreies Geschäft.“

Finanz-Szene.de: Und Amazon glaubt, die Risiken solcher Händler besser einschätzen zu können als die Sparkassen oder die Volksbank vor Ort?  

Amazon kennt – im Gegensatz zu den Banken – die komplette Geschäftsentwicklung auf Tagesebene, die kennen die Margen, können den in den kommenden Monaten zu erwartenden Umsatz relativ präzise vorhersagen. Amazon sieht, ob die Produkte des Händlers nachgefragt werden, Amazon weiß, wie sich Händler entwickeln, die im gleichen Segment tätig sind, Amazon hat Einblick in alle relevanten Prozesse – also Reklamationen, Kundenfeedback, Lieferungsverzögerungen. Daher ist es für Amazon – genau wie für Paypal – fast schon trivial, das Risiko des Kredits einzuschätzen. Hinzu kommt: Amazon kann sich mit dem zukünftigen Umsatz absichern. Wenn ein Kredit nicht zurückgezahlt wird, werden die Erlöse des Händlers eingefroren. Also ein fast risikoloses Geschäft.

Finanz-Szene.de: Wie können sich die Banken dagegen wehren?

Siegert: Gerade bei kleinen KMU haben die Banken ein wirkliches Wettbewerbsproblem: Die Datenbasis ist schlechter, die Prozesse sind komplizierter – und die klassischen Firmenkundenberater verfügen oftmals nur über begrenztes Wissen, was die Dynamik des Onlinegeschäfts betrifft. Nicht von ungefähr stürzen sich ja auch viele Fintechs genau in dieses Segment. Hinzu kommt, dass viele Kreditinstitute gerade diese Klientel – also die kleinen KMU – in der Vergangenheit stark vernachlässigt haben. Das macht es für Amazon und Paypal vergleichsweise leicht, das Segment zu besetzen. Die können es sich sogar leisten, relativ hohe Zinsen zu nehmen und ihr eigenes Working Capital entsprechend satt zu verzinsen.

Finanz-Szene.de: Wenn viele Banken dieses Segment ohnehin vernachlässigt haben – lässt sich dann nicht argumentieren, dass gar nicht so viel Geschäft verloren gehen kann?

Siegert: Das ist zu kurz gedacht. Denken Sie daran, wie es bei Paypal war: Die haben sich zunächst an die kleinen Händler rangemacht, die von den Kreditkartenanbietern mangels Größe und Bonität und wegen des vermeintlich hohen Risikos des Onlinehandels damals meist abgelehnt wurden. Und mit der Zeit hat sich Paypal dann in der Wertschöpfung zu den Top-Händlern hochgearbeitet. Meines Erachtens könnte dieser Weg, der im Payment-Bereich wunderbar funktioniert hat, als Blaupause für das Kreditgeschäft mit den Firmenkunden von Amazon und Paypal dienen: Erst die Kleinen. Und irgendwann die Großen. Und das täte den Banken dann richtig weh.

Dieser Artikel erschien zuerst auf finanz-szene.de. 

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