Kommentar

Amazons Pack-Roboter und die irrationale Angst vor der Automatisierung

Amazon Logistikzentrum in Dupont, Washington, USA. Zukünftig könnten hier Packroboter zum Einsatz kommen. (Foto: Jochen G. Fuchs)

Bei Amazon packen bald Roboter statt Menschen Pakete. Da ist es an der Zeit für dystopische Horrorszenarien – die endlich mal beerdigt werden sollten.

Amazon erprobt laut Quellen der Nachrichtenagentur Reuters Packmaschinen, die in den Logistikzentren des US-Konzerns Waren in Pakete verpacken. Etwa eine Million US-Dollar soll so eine Maschine kosten und innerhalb eines Jahres könnte sich der Anschaffungspreis schon für Amazon bezahlt machen. Reuters rechnet vor, dass dabei in jedem Logistikzentrum 24 Mitarbeiter ersetzt werden, was sich insgesamt auf den „Verlust“ von bis zu 1.300 Arbeitsplätzen addieren würde. So konzentriert sich auch die Berichterstattung wieder auf den Aspekt, dass Jobs vernichtet werden. Das muss aufhören.

Yeah! Keine Paketpacker mehr!

In der Reihe der Jobs, die durch die Automatisierung im Verlauf der Menschheitsgeschichte abgeschafft wurden, ist der Paketpacker noch weit entfernt von den menschenverachtenden Arbeitsbedingungen der Baumwollpflücker. Trotzdem ist auch das ein Job, dem in zehn Jahren niemand mehr hinterherweinen wird. Es wird keine Großväter geben, die ihre Enkelkinder auf den Knien schaukeln und sinnierend über die gute alte Zeit berichten, als Opa noch Waren von einem Förderband im Akkord in braune Pappkartons gestopft hat. Vermutlich wird in zehn Jahren niemand mehr verstehen, wieso da jemals Menschen gearbeitet haben. Statt zu titulieren: „Oh Gott! Amazon vernichtet 1.300 Jobs“, sollten die Überschriften lauten „1.300 beschissene Jobs weniger“.

Amazon reagiert auf die einzig mögliche Weise: Alternativen schaffen

Arbeitgeber, die auf Automatisierung setzen, müssen für ihre Mitarbeiter Alternativen schaffen, die Gesellschaft und Politik muss Alternativen schaffen und finanziell fördern. Automatisierung schafft zwar neue Arbeitsplätze, aber nicht unbedingt direkt für die Betroffenen. Es wird wohl Mitarbeiter bei Amazon geben, die Wartungsaufgaben an den neuen Robotern übernehmen können, statt Pakete zu packen. Machine-Learning-Algorithmen für die Roboter wird wohl ein eher kleiner Anteil der ehemaligen Packarbeiter schreiben.

Amazon will eine Gründungswelle von Logistikunternehmen initiieren. Besonders gefördert werden in dem 2018 aufgelegten Gründungsprogramm jetzt Amazons eigene Mitarbeiter. (Foto: Amazon)

Aus dem Grund reagiert Amazon vernünftig: Das US-Konzern hat ein Programm ins Leben gerufen, das auch Mitarbeitern aus den Logistikzentren den Umstieg auf eine andere Beschäftigungsform in der selben Branche ermöglicht. Amazon betreibt ein Förderprogramm für selbstständige Amazon-Lieferpartner, das jetzt speziell für Amazon-Mitarbeiter erweitert wurde. Mitarbeiter, die sich zukünftig als Lieferfahrer selbstständig machen wollen, bekommen drei Monate lang ihr letztes Durchschnittsgehalt weitergezahlt und eine Garantie für ein konstantes Auftragsvolumen. Zur Gründung des Unternehmens erhalten die Mitarbeiter zusätzlich einen Zuschuss von bis zu 10.000 Dollar, um die Gründungskosten abzudecken.

Es gibt auch ein Bildungsprogramm bei Amazon, das zu höheren Abschlüssen in begehrten Berufsfeldern führt, aber das Lieferfahrer-Programm führt zu einer schnell und realistisch umsetzbaren Beschäftigungsalternative.

Langsam muss sich die Gesellschaft mal entscheiden: Gleichzeitig über die Belastung für menschliche Arbeiter in Logistikzentren und über Technologien zu schimpfen, die den überlasteten Menschen aus den selben Knochenjobs herausholen, ist schizophren. Dass sich die Mitarbeiter, deren Jobs von Maschinen übernommen werden, Sorgen um ihre Existenz machen, ist natürlich. Aber nicht die Tatsache, ob und wie viele Jobs Maschinen übernehmen, ist vorrangig wichtig und diskussionswert – sondern die Art und Weise, wie das geschieht und ob die treibenden Kräfte für soziale Alternativen sorgen.

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2 Kommentare
Titus von Unhold
Titus von Unhold

„Trotzdem ist auch das ein Job, dem in zehn Jahren niemand mehr hinterherweinen wird.“

Doch! Nämlich alle Leute ohne Ausbildung oder gar ohne Schulabschluss, die bei Amazon (im Verhältnis zum Mindestlohn) wenigstens so gut bezahlt werden, dass man von etwas Menschenwürde sprechen kann. Man kann von Amazon halten was man will, aber es gibt eine Menge Menschen die auf diese Jobs angewiesen sind!

Antworten
Thomas D.

„Arbeitgeber, die auf Automatisierung setzen, müssen für ihre Mitarbeiter Alternativen schaffen“
– Nö, muss er nicht. Warum auch? Mal davon abgesehen: Ein Lagerarbeiter, der danach Roboter wartet?Warum nicht gleich alle zu Data Scientists weiterbilden, das ist doch der Trendberuf? Ein bis Zwei Fortbildungen und der ehemalige Picker kann das selbstfahrende Auto von morgen fertig programmieren.

Die Leute, die im Lager arbeiten, machen den idR. Job nicht, weil Amazon sie mit Gewalt dazu zwingt und sie durch die Roboter endlich wieder ihre Freiheit erlangen, sondern weil es insbesondere in strukturschwachen Regionen nicht viel Auswahl gibt, die weniger wird, wenn diese Jobs auch wegfallen, nachdem es vorher schon den stationären Handel mit seinen Jobs ziemlich erwischt hat.

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