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Porträt

Laden zu, alles gut: Wie ein Klamottenladen aus dem bayerischen Wald dem Einzelhandelssterben entgeht

Ladengeschäft zu, und trotzdem happy: Julian,
Vera und Helmut Scheuchenzuber – von Links nach Rechts. (Foto: Mode Scheuchenzuber)

Da bringt Amazon einen Einzelhändler dazu, seinen Laden dichtzumachen, und der freut sich auch noch. Die spannende Geschichte des kleinen Modehändlers Scheuchenzuber aus dem bayerischen Wald. 

Wenn ein alteingesessener Laden zum letzten mal seine Türen öffnet, ist es ein wenig wie bei einer Beerdigung. So auch im beschaulichen 4.000-Einwohner-Dörfchen Schönberg im bayerischen Wald, zu dessen Hauptattraktionen das dreitägige Dorffest und ein Maislabyrinth gehören. Als das Modehaus Scheuchenzuber seinen 250-Quadratmeter-Laden zum letzten Mal öffnet, kommt über den Tag verteilt die Trauergemeinde. Die treuen Stammkunden weinen, überreichen Blumensträuße und verabschieden sich von 32 Jahren Modegeschichte im Ort. Und trotzdem ist alles gut, bei den Inhabern, der Familie Scheuchenzuber. Und das kam so.

Problemlösung auf bayerisch: A Digitalstrategie muss her! Passt scho!

Ende letzten Jahres platzte Sohn Julian in die idyllische Stimmung des „Merans des bayrischen Waldes“, wie das Örtchen Schönberg sich selbst bezeichnet. Der hauptberufliche Webentwickler beschloss gemeinsam mit den Eltern, die seit 32 Jahren das Ladenlokal im Ort führen, dass eine Digitalstrategie her muss. Just in diesem Moment fiel Scheuchenzuber Junior Werbung für das Amazon-Coachingprogramm „Unternehmer der Zukunft“ in die Hand.

Sechs Monate lang arbeiteten die „E-Commerce-Newbies“, wie Scheuchenzuber den Wissensstand des Unternehmens launig im Gespräch darstellt, zusammen mit Amazon-Coaches an ihrer digitalen Zukunft. Und so hat der Einzelhändler Schritt für Schritt schnell „das Handwerk des digitalen Einzelhandels erlernt“, wie Julian Scheuchenzuber sagt. „Wir sagten uns, machen wir einfach mal. Und trotz Coaching kommt bei Amazon irgendwann der Zeitpunkt, an dem sie dich ins kalte Wasser werfen.“ Trocken wirft der Händler ein niederbairisches „Passt scho“ ein.

Der Amazon-Marketplace-Shop von Mode Scheuchenzuber.(Screenshot: Amazon.)

Am 1. April war es dann soweit: „Eine Bestellung ist gekommen! Super. Äh, und jetzt?“ So richtig hatte der Händler noch keine Vorstellung vom Onlinehandel. „Jeder von uns ist auch Onlinekunde, aber das jetzt mal von der anderen Seite zu erleben, das war schon spannend“, erzählt der Juniorchef. Die Prozesse waren dem Händler bis dahin noch gar nicht richtig greifbar bewusst. „Online verkaufen macht schnell süchtig. Die Amazon-Verkäuferapp macht so ein schönes Kassengeräusch, irgendwann bekommst du davon nicht mehr genug“, lacht Scheuchenzuber.

In der Folgezeit richtete Mode Scheuchenzuber seine Prozesse auf den Onlinehandel und seinen neuen Amazon-Marktplatzshop aus: Produktdatenaufbereitung, die Produktion von Produktfotos und eine Anbindung der Logistik und der Warenwirtschaft an ein externes ERP-System folgte. Eine steile Lernkurve führte dazu, dass der Absatz schnell zunahm. Rund 30 Pakete versendete Scheuchezuber selbst, der wesentlich größere Teil des Sortiments wurde zwar von Amazon versandt, trotzdem gelangte der Händler an den Rand seiner Kapazitäten. Der laufende Verkauf im Laden band ebenfalls Personal. So konnte es nicht weitergehen.

Auf der eigenen Website leitet der Händler kaufwillige Kunden direkt zu Amazon weiter.(Screenshot: Mode Scheuchenzuber)

Als die erste Bestellung aus dem Nachbarort eintrudelte, fiel es Familie Scheuchenzuber wie Schuppen von den Augen: Wenn schon der Kunde im Nachbardorf lieber online bei ihnen bestellt, statt in den Laden zu kommen – dann war die Zukunft eigentlich klar vorausbestimmt.

Rettungsboot statt Damoklesschwert, die Einstellung macht's!

Also wurde nach 32 Jahren regionalem Handel der Laden mit blutendem Herzen geschlossen. Heute zeugt nur noch die Website von dem Traditionsgeschäft. „Man darf die Augen einfach nicht vor der Zeit verschließen. Das ist jetzt unsere Zukunft“, sagte Vera Scheuchenzuber zum Regionalsender TRP1. Die Seniorchefin ist heute gemeinsam mit Ehemann Helmut für die Sortimentskompetenz, den Einkauf und die Händlerbeziehungen zuständig. Die beiden Handelsprofis schmeißen den operativen Alltag: Trends aufgreifen, Stückzahlen planen und Kontakte zu Händlern, Großhändler und Herstellern pflegen.

Geschlossen, aufgrund des Erfolges. (Foto: Mode Scheuchenzuber)

Der fürs digitale zuständige Juniorchef Julian Scheuchenzuber ergänzt: „Wir mussten Arbeits- und Denkweise grundsätzlich ändern. Wir waren einfach zu sehr fokussiert auf die Region. Das war kein Problem, aber es war Arbeit, diesen Sprung vom regionalen Denken hin zum digitalen Denken zu schaffen.”

Was Mode Scheuchenzuber als nächstes plant

Seit etwas mehr als einer Woche ist der Laden jetzt geschlossen. Für Scheuchenzuber beginnt die Erfolgsgeschichte jetzt erst richtig, wo er sich voll auf den digitalen Handel konzentrieren kann. Neben allen fünf europäischen Amazon-Marktplätzen sprüht Julian Scheuchenzuber über vor Ideen. Pläne für eine weitere Internationalisierung und weitere Absatzkanäle schmiedet der frischgebackene Onlinehändler schon.

Der nächste Schritt wird spannend. Scheuchenzubers Motto lautetete und lautet noch immer „Einkaufen bei Freunden.“ Im Ladengeschäft gab es dazu persönliche Beratung, einheimische Fachberater, die ihre Kundschaft kannten. Außerdem ein kleines Bistro mit Kaffee, kalten Getränken und kleinen Snacks, ein liebevoll ausgestattetes Kinderspielzimmer für gestresste Eltern und einen 24-Stunden-Änderungsservice.

Als nächstes will der Händler auch versuchen seine ursprünglichen Werte zu digitalisieren. Auch wenn Online das Produkt im Fokus steht: Der Kunde soll ein gutes Erlebnis haben. Möglichst ein besseres als woanders. „Irgendwie werden wir das Alte schon ins Neue bekommen”, sagt Julian Scheuchenzuber. Passt scho.

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4 Reaktionen
Udo

Diesen Traum sind schon zig Händler gestorben. Den Amaz Marktplatz gibt es schon Jahre und führt auf Dauer in eine Sackgasse. Provisionen und große Konkurrenz machen irgendwann alle kleinen Händler platt. Aber bevor man schließen muss, sich dem eigentlichen Verursacher anzuschließen ist nur logisch, so lange man noch Gewinn erwirtschaften kann. Abhängigkeit von großen Marktplätzen ist nie gut und sollte maximal ein Verkaufskanal sein.
Das haben wir schon hinter uns. ;-)

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Georg Wittmann

Toller Beitrag, wie man als kleiner Händler die Digitalisierung und insbesondere Amazon erfolgreich nutzt. Live erlebt ihr Julian Scheuchenzuber am 26.10.2017 beim E-Commerce-Tag in Regensburg: http://www.ecommerce-tag.de
Wir freuen uns auf das spannende Gespräch!

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Daniel D.

OK, stationär läuft nicht mehr, dann muss man handeln, das ist verständlich. Aber sich mit dem Vernichter des Einzelhandels zusammen zu tun ist schwer zu verstehen, denn das Engagement dort ist doch auch nur auf Zeit. AMAZ schaut sich die Zahlen an, akquiriert dann die Marken direkt, früher oder später, und auch in den Nischen. Bei uns haben Mitarbeiter und Familie AMAZ Verbot.

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Nic Schmidtchen

Klar, weil Veränderung und Weiterentwicklung Teufelswerk ist. Die Arme verschränken und "Pöh, nee. Das ist böse" heulen, das ist die richtige Einstellung, um den Einzelhandel - so wie er ist - zu retten.

Erm, nee, eher nicht so.

In der Geschichte der Menschheit gab es immer Veränderung. Neues ist entstanden und hat altes verdrängt. Ist dadurch jemand gestorben? Nope, isser nicht. Wer schreit, das wäre Vernichtung des Einzelhandels, ist entwicklungsresistent und hat eindeutig Angst vor Veränderung.

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