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Kommentar

Andreas Weck: Vom World Wide Wutbürger und dem Mumm der Anderen

Die Themenwoche Utopien zur Bundestagswahl 2017 – Andreas Weck. (Grafik: t3n.de)

Die Digitalisierung bietet große Chancen, hat aber auch Schattenseiten. Nützliche Werkzeuge der Demokratie werden derzeit gekapert, doch wir können sie zurückgewinnen. Unsere Themenwoche Utopien zur Bundestagswahl 2017.

Am Sonntag wählt Deutschland einen neuen Bundestag – und alle sind mit der Tagespolitik beschäftigt: Steuersätze rauf oder runter, wie viel Zuwanderung, welche Sozialleistungen in welcher Höhe sind gerecht?

Wir wollen das zum Anlass nehmen politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich über die kommenden vier Jahre hinauszublicken und wieder die grundsätzliche politische Frage stellen: Wie wollen wir in Zukunft leben? Diese Frage haben wir bekannten digitalen Vordenkern und Netz-Persönlichkeiten im Rahmen der t3n-Themenwoche Utopien gestellt – und sie haben geantwortet. Darunter auch unser t3n-Redakteur Andreas Weck.

Social Media: The good, the bad – and the ugly!

Soziale Netzwerke haben unser Leben längst übernommen. Es fällt schwer sich vorzustellen, dass es bis vor wenigen Jahren so etwas wie Facebook, Instagram oder Twitter noch gar nicht gab. Vor knapp 15 Jahren haben wir noch auf einen Anruf oder eine SMS gewartet, wenn wir etwas von Freunden hören wollten, die mehr als ein paar Straßen entfernt wohnten. Klar, einige Early Adopter haben sich damals schon in Foren getroffen, jedoch begann der Social-Media-Siegeszug genau genommen erst mit dem Erfolg von Facebook. Und wie so oft, wenn eine neue Technologie sich ihren Weg bahnt, geschah das noch mit großen Hoffnungen. Die Welt rücke näher zusammen, versprach Mark Zuckerberg. Seine Mission war und ist es noch immer, den gesamte Globus zu vernetzen. Und das hat auch gut geklappt. Doch der Enthusiasmus der ersten Tage ist heute stark getrübt.

Als Vorteil sozialer Netzwerke galt lange Zeit, dass Menschen, die keine Stimme haben, darin eine gegeben wird. Vernetzungs- und Verbreitungsmechanismen des Social Webs brachten im Frühjahr 2011 bekanntermaßen hunderttausende Menschen in der arabischen Welt auf die Straße. Regime erstickten zuvor jede Berichterstattungen über Probleme, jeden Anflug von Protest im Keim. Das Internet half den Unzufriedenen, sich trotz Unterdrückung zu Demonstrationen in Ländern wie Ägypten, Syrien oder Libyen zu verabreden, um der Staatsgewalt die Stirn zu bieten. Damals entstand auch der Begriff „Facebook-Revolution“, da das soziale Netzwerk die Dynamiken dort verändert hat, wo es bereits revolutionäre Gedanken gab. Das führte zu Umstürzen, die zumindest für kurze Zeit positive politische Entwicklungen erhoffen ließen. Die aber mindestens zeigten, das Facebook mehr sein könne als nur Katzenbilder und Urlaubsfotos.

Doch was einst als Vorteil galt, wird derzeit zum Bumerang. Technologien kennen kein gut und böse, sie haben weder Empfinden noch Bewusstsein. Sie tun das, was ihre Anwender ihnen vorgeben. Heute versuchen radikale Gruppierungen über Facebook und Twitter ihre Macht zu zementieren. Die große Dramatik ist die, dass oben erwähnte Mechanismen inzwischen auch für Zwecke missbraucht werden, die nicht zu einer Demokratisierung der Gesellschaft beitragen. Offene Gesellschaften sind fundamentalistischen Gruppen ein Dorn im Auge. Das liegt in ihrer DNA. Doch auch sie nutzen Facebook, um sich global zu organisieren und um mit Hetze und Desinformation die Menschen aufzuwiegeln. Was, und das muss man auch sagen, bisweilen auf fruchtbaren Boden stößt.

Dass beispielsweise Rechtsextreme weltweit wieder von Machtübernahme sprechen, liegt auch daran, dass es Bürger gibt, die sich von der Gesellschaft im Stich gelassen fühlen und die den Demagogen geradezu freiwillig folgen. Übrigens verbirgt sich dahinter das gleiche Muster, auf das auch das erfolgreiche Rekrutieren islamistischer Terroristen im Westen aufbaut.

Rechte riechen wieder Morgenluft

Wie schlimm es in manchen Facebook-Gruppen zugeht, haben Journalisten und Aktivisten immer wieder gezeigt. Zuletzt hat der Satiriker Shahak Shapira an die 31 Gruppen der AfD übernommen und ein Blick in eine Gedankenwelt gewährt, die eine Mischung aus Verschwörungstheorien und schonungslosem Rassismus vereint. Shapira sieht sich seit der Aktion gefährlichen Drohungen ausgesetzt, die einen funktionierender Rechtsstaat sofort auf den Plan rufen dürfte. In einer veröffentlichten E-Mail eines bekennenden Gruppenmitgliedes wird er nicht nur als „Judensau“ beschimpft, sondern auch seine Familie bedroht. Die Adressen der Angehörigen seien im Netz veröffentlicht, heißt es darin. Man würde bald auch seine „Rattenfamilie“ kompromittieren, stand da weiter. Unterzeichnet übrigens mit „AfD-Totenkopfstandarte“, womit der Absender sich selbst in die Nähe der SS rückt.

Die E-Mail zeigt eine Tonalität auf, die noch zu Zeiten des Stammtisches weitestgehend ungehört blieb beziehungsweise im rechten Dunstkreis der Dorfschenke versickerte. Heute zu Zeiten sozialer Netzwerke machen diese Tiraden jedoch schnell die Runde, was den einen entsetzt zurücklässt und den anderen nur noch mehr bestärkt: „Da sind Menschen, die ticken wie ich“, könnte einer der Kameraden am Bildschirm sich denken. Ja, Rechte riechen wieder Morgenluft. Social Media wirkt dabei wie ein Durchlauferhitzer. Und das nicht nur in Facebook-Gruppen, sondern auch in den Kommentarspalten unzähliger Online-Medien.

Das ist nur eines von vielen Beispielen, die uns zuletzt erreichten und die auf besorgniserregende Weise zeigen, dass digitale Plattformen nicht mehr allein ein freiheitliches Werkzeug sind, sondern dass es immer wieder auch zur Organisation von Unterdrückung und Gewalt dient. Unterdrückung und Gewalt, wie sie einst den Protestlern im arabischen Raum tagtäglich widerfuhr. Doch was bedeutet das jetzt genau? Müssen wir soziale Medien kontrollieren und können wir das überhaupt, ohne uns selbst den Vorwurf der Zensur und Unterdrückung auszusetzen?

Diese Fragen stellen sich aktuell viele Internetvordenker und Politiker. Bestrebungen zur Kontrolle, wie hierzulande das Netzwerkdurchsetzungsgesetz von Heiko Maas, gibt es zu Genüge. Es zwingt Plattform-Betreiber radikale Hetze und fiese Falschmeldungen zu löschen, sobald die darauf hingewiesen werden. Was erst einmal gut klingt, hat jedoch Tücken. Die Reporter ohne Grenzen sprechen beispielsweise von einem Schnellschuss, der „das Grundrecht auf Presse- und Meinungsfreiheit massiv beschädigen könnte.“ Entscheidungen über die Rechtmäßigkeit von Beiträgen würden privatisiert. Ich selbst bin da noch unentschlossen, ganz wohl ist mir mit dem Gesetz nicht und doch bin ich froh, dass gewaltverherrlichende und rassistische Bemerkungen die rote Karte gezeigt bekommen. Geschürter Hass unter Menschen trägt Schuld an einigen der schlimmsten Konflikte, die die Welt je gesehen hat. Und die Verrohung der Sprache markierte dabei immer den Startpunkt.

Was ich mir fernab von durchdachten politischen Lösungen wünsche, ist jedoch, dass auch die Zivilgesellschaft sich wieder vehementer gegen radikale Positionen stellt. Und zwar auch und gerade mit Worten im Netz. Es wirkt oft belanglos, was Hasskommentatoren da reden. Der Glaube, dass da beim Popeln mal wieder Gehirn dabei war, drängt sich geradezu auf. Und klar, man ist es leid, sich immer wieder mit Stumpfsinnigen auseinanderzusetzen. Doch es geht gar nicht darum, die Menschen zu überzeugen, die ihre Tiraden ablassen. Es geht vielmehr darum, auch den leisen Mitlesenden zu zeigen, dass die blinde Wut, die da abgesetzt wird, keinesfalls normal ist. Dass diese destruktive Denke in unserer Mitte keinen Meter weit akzeptiert wird.

Mein Deutschland 2030 hat die aktuellen politischen Unruhen, die radikale Gruppen derzeit befeuern, gestärkt überstanden – und das nicht zuletzt, weil die breite Front der Vernünftigen, die zweifellos existiert, den öffentlichen Raum, sei er digital oder analog, zurückgewonnen hat. Anfangs schrieb ich, dass soziale Netzwerke den Menschen eine Stimme geben, die vorher keine hatten.

Macht von eurer Gebrauch!

Übrigens, auf unserer Bundestagswahl-2017-Seite findet ihr nicht nur weitere Artikel zur Themenwoche Utopien. Wir haben auch tiefergehende Analysen, interessante Infografiken sowie hilfreiche Apps und Tools zum Wahlkampf und der Entscheidungsfindung gesammelt.

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