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Kommentar

Was Gründer von einer Antarktis-Expedition von vor 100 Jahren lernen können

Foto: Frank Hurley - lizensiert unter Public Domain via Wikimedia Commons

Am 29. Juni, genau vor 100 Jahren, sah sich Sir Ernest Shackleton einer Welt voller Probleme gegenüber. Der Polar-Entdecker-Veteran war zur Antarktis losgesegelt, auf die mutige Mission, den Kontinent zu Fuß zu überqueren. Aber bevor er überhaupt dort angelangte, blieb sein Schiff – die Endurance – im Eis stecken. Wochen waren bereits vergangen, und für Shackleton und seine Mannschaft waren die Aussichten düster. Balken krachten und ächzten, während das Eis drückte. Und der Winter hatte in der südlichen Hemisphäre noch nicht einmal begonnen.

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Trying To Cut A Way For The Ship (Der Versuch, einen Weg für das Schiff freizuschneiden). Foto: Frank Hurley - lizensiert unter Public Domain via Wikimedia Commons.

Ich war immer voller Ehrfurcht vor Shackletons Expedition. Aber erst, als ich mein eigenes Business aufzog, konnte ich die Parallelen zwischen dem Gründer- und Entdecker-Dasein verstehen. Gründer riskieren natürlich fast nie wortwörtlich Leib und Leben, aber sie setzen eine Menge aufs Spiel – Schicksal, Ruf und Jahre ihres Lebens. Das Terrain ist unerforscht, mit Unbekannten übersät. Und auf einer tieferen Ebene würde ich sagen, dass es da noch etwas gibt – Gründer wie Entdecker helfen uns, einen Weg nach vorne aufzuzeigen.

Ich habe über die Jahre viel auf Shackleton geschaut, für Inspiration und Weisheit, sowohl in dunklen Momenten als auch bei Triumphen. Neben Mut und Beharrlichkeit steht er auch für grundsätzlichen menschlichen Anstand und Kameradschaft, Qualitäten, die für Gründer genauso wichtig sind. Zum Hundertjährigen von einem von Shackletons beschwerlichsten Momenten sind hier ein paar Lektionen, die Gründer aus dieser desaströsen (und wundervollen) imperialistischen transarktischen Expedition mitnehmen können.

Der Shackleton-Schnupper-Test

Was Shackleton ursprünglich vorschlug zu tun – die Antarktis zu Fuß zu überqueren, 1.800 Meilen von einer Küste zur anderen – war nicht nur verwegen, es überstieg fast jede Vorstellung. Nur ein paar Jahre zuvor hatten zwei vorherige Expeditionen zum ersten Mal den Südpol erreicht und machten einen schnellen Rückzug (bei dem ein Team zu Tode kam). Er plante, stur zur anderen Seite des Kontinents vorzudringen. Das „Warum“ spare ich mir für später auf. Mein Punkt ist, dass dies die waghalsigste Unternehmung war, die er sich ausdenken konnte. Er riskierte alles, von Beginn an.

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Panorama Of South Georgia (Panorama von South Georgia). Foto: Frank Hurley - lizensiert unter Public Domain via Wikimedia Commons

Für Gründer kann es sinnvoll sein, den Shackleton-Schnupper-Test zu probieren, für welches Projekt auch immer. Du bastelst vielleicht an einer verbesserten Mausefalle oder versuchst Genetik dazu zu verwenden, das menschliche Leben zu verlängern. Aber eine sinnvolle Fragen, die du dir anfangs stellen solltest, innerhalb der Parameter deines Business, ist: „Ist dies das mutigste Ziel, auf das ich hinarbeiten könnte?“ Das Wiederholen, Überdenken und Anpassen kommt – unvermeidlich – später. Aber widersetze dich - zumindest am Anfangspunkt deiner Mission - deinen Vermutungen und denen der anderen darüber, was möglich ist.

Wirklich nichts wird so klappen wie geplant, also mach Pläne dafür

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Endurance Final Sinking (Der endgültige Untergang der Endurance). Foto:  Royal Geographic Society, lizensiert unter Public Domain via Wikimedia Commons

Shackleton hat Jahre seines Lebens damit verbracht, sich auf seine Reise vorzubereiten, das moderne Äquivalent von Millionen von Dollar aufzutreiben, und angeblich seine 27-Mann-Crew aus mehr als 5.000 Bewerbern ausgewählt. Aber während seiner gesamten Expedition, auch als es so scheinen musste, dass nichts anderes mehr schief gehen konnte, passierte immer etwas. Zum Beispiel entdeckte die Crew nach zehn ganzen Monaten in der vom Eis eingeschlossenen Endurance, dass Wasser ins Schiff eindrang und es sank. Sie verließen das Schiff und schlugen ein Lager auf nahegelegenen Eisschollen auf, und so trieben sie mehr als fünf qualvolle Monate durch die See. Dann begann ihr eisiges Lager in Stücke zu reißen und im Meer zu versinken: Shackleton stopfte seine Männer in drei Rettungsboote und paddelte raus ins offene Meer.

In dieser ganzen Kette von Katastrophen erkenne ich einen Schimmer von so ziemlich jedem Business, dass ich jemals gestartet habe. Gründen ist wie Wasser treten und dann auf einmal untergetaucht werden. Du hast kaum Zeit, Luft zu holen bevor du wieder Unterwasser bist. Du wirst dazu gezwungen, überleben zu lernen und im andauernden Chaos zu gedeihen – irgendwie die Zukunft planend, sogar während du strampelst, um nur den Tag zu überstehen und ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Shackletons Ausdauer, Anpassungsfähigkeit und endlose Improvisationsgabe - im Angesicht von verblüffendem Pech – ist ein Beispiel, das sich alle Gründer zu Herzen nehmen können.

Vertrauen sickert hinein

Nachdem sie fünf Tage auf See verbracht hatten, schleppten sich Shackleton und seine erschöpfte Crew auf ein trostloses Stück Land namens Elephant Island, zum ersten Mal auf trockenem Boden seit 497 Tagen. Eine kleine Randnotiz, welche die Geschichte gewissenhaft bewahrt hat, besagt, dass Shackleton seine Handschuhe auszog und sie einem Crew-Mitglied gab, der seine eigenen verloren hatte (weswegen er in der Folge an Erfrierungen litt). Elephant Island erwies sich jedoch als tödliche Falle – öde, mit null Hoffnung auf Rettung. Shackleton traf eine mutige Entscheidung, eine kleine Gruppe auf eine fast sichere Selbstmord-Mission zu führen – eine weitere Odyssee im Rettungsboot, diesmal zu weit entfernten Walfangstationen auf South Georgia Island, knapp 720 Meilen entfernt.

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Hurlley, Shackleton at camp (Hurley, Shackleton im Camp). Foto: unbekannt, lizensiert unter Public Domain via Wikimedia Commons

Die Bildung eines Teams ist ist auch unter den besten Bedingungen schwierig, ganz zu schweigen von nach mehr als einem Jahr, in der man gefangen im Atlantik war. Nichtsdestotrotz gelang es Shackleton irgendwie, seine Crew zusammenzuhalten (trotz gelegentlicher Anklängen von Meuterei) und ihr Vertrauen zu erhalten. Er war eine eindrucksvolle Erscheinung, so viel war sicher, und ein angesehener Entdecker. Aber er hat sich auch in die erste Reihe gestellt, immer wieder. Ohne zu dramatisch zu werden – ich denke, darin steckt eine Message für Gründer. Dein Team, egal in welcher Zusammenstellung, wird auf die Probe gestellt. Es wird Fehltritte geben, Verstimmungen und gegenseitige Schuldzuweisungen werden aufkommen. Aber Opfer und echte Fürsorge von oben geben den Ton an. Setz deine Leute an erste Stelle, fälle schwierige Entscheidungen, dann wird sich der Horizont der Möglichkeiten fast immer erweitern.

Verzweiflung weckt Kreativität

Nachdem er den Großteil der Crew auf Elephant Island zurückgelassen hatte, überquerten Shackleton und ein paar Männer den Ozean in bloß 15 Tagen – in nicht viel mehr als einem besseren Ruderboot. Da sie gezwungen waren zu improvisieren, hatten sie die Seiten erhöht, ein behelfsmäßiges Deck aus Planen gebaut und die Fugen mit Seehundblut versiegelt. Das kalte und raue Wasser war an sich schon eine Herausforderung. Aber in Sichtweite der Kliffs von South Georgia wurden sie von Hurrikan-getriebenen Winden überwältigt. In der Nähe versank ein 500-Tonnen-Dampfer im selben Sturm, ihr zusammengeflicktes Boot jedoch hielt stand.

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All Safe All Well (Alle gerettet, alle wohlauf). Foto: Frank Hurley - lizensiert unter Public Domain via Wikimedia Commons

Für Gründer gehören die Grenzen – von Geld, Zeit und Expertise – zum Terrain, aber sie sind auch eine wunderbare Sache, weil sie Kreativität und Präzision erzwingen. Fast fünf Jahre habe ich Braintree aufgebaut, den Zahlungsdienstleister hinter Uber, Airbnb und anderen weltweiten Unternehmen. Wieder und wieder hat mein Team in diesen Jahren Wege gefunden, mit unseren Beschränkungen zu arbeiten. Ein winziges Beispiel: Wir hatten anfangs kein Geld fürs Marketing, also setzte ich ein Blog auf, um unsere Message zu verbreiten und verbrachte viele Nächte mit dem Tippen unserer Artikel. Mit der Zeit wuchs es zu einer führenden Ressource für Firmen heran, die versuchten, ein komplexes Thema zu enträtseln – Kreditkartenzahlungen. Dieses Blog brachte am Ende viel mehr Betrieb ein als irgendwelche glatten, kostenintensiven Marketing-Anstrengungen.

Scheitern liegt im Auge des Betrachters

Unglaublicherweise endete die Shackleton-Saga noch nicht. Obwohl sein kleines Boot in South Georgia ankam, war es weit vom Kurs abgetrieben worden. Ausgerüstet mit wenig mehr als 50 Fuß Seilen, schafften Shackleton und zwei seiner Männer es über 32 Meilen von eisigen Bergrücken und Abgründe zu klettern, um am Ende eine bemannte Walfangstation zu erreichen – ein Kunststück, das heute sogar die gekonntesten Kletterer nur mit Mühen fertigbringen. Sie leiteten eine Rettung in die Wege und am Ende konnte ein chilenischer Schlepper und ein britischer Walfänger den Rest der Crew von Elephant Island evakuieren. Obwohl sie fast 600 Tage der Antarktis ausgesetzt waren, starb kein einziger Mann unter Shackletons Aufsicht.

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Elephant Island Party. Foto: Frank Hurley - lizensiert unter Public Domain via Wikimedia Commons

Ich denke, das ist vielleicht die wertvollste Lektion für Gründer. Shackletons Expedition mag gescheitert sein, aber er hat nicht versagt. Die Geschichte erinnert sich an diese Mission nicht als knapp gescheitert, sondern wegen des menschlichen Geistes, der zu Tage trat, als es geschah. Für Gründer mögen sich Märkte verändern, Probleme auftauchen, die noch so viel Planung nicht voraussehen konnte, und Unternehmen können fehlschlagen. Aber Erfolg ist mehr als eine Jahresbilanz. Das „Wie“ von all dem – der Einfallsreichtum und Mut, der sich auf dem Weg zeigt – ist auch wichtig. Wie Shackletons Odyssee anschaulich zeigt, liegt das Scheitern im Auge des Betrachters.

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Ein Zitat aus Shackletons Stellenanzeige, gefunden auf der Tür des Startups Matternet.

Am Ende steht die verzwickte Frage nach dem "Warum". Warum treiben sich Entdecker zu einer Mission nach der anderen an, und wenn wir schon dabei sind, setzen sich Gründern den Gefahren aus, ein Business zu starten? Bevor er zur Antarktis aufbrach, gab Shackleton angeblich eine Stellenanzeige für die Expedition auf, in der er seinen Männern „Ehre und Anerkennung im Erfolgsfall“ versprach. Obwohl das sicher eine Rolle spielt als Motivation, habe ich den Verdacht, dass er und sein Team auch von der anhaltenden Befriedigung angezogen wurden, die Erkundungen mit sich bringen.

Sogar in dieser Ära von Milliarden-Dollar-Exits sage ich, dass das selbe für viele Gründer zutrifft.

Ich habe verschiedene Firmen gegründet: einige scheiterten, einige hatten Erfolg. Heute betreibe ich einen Fonds, der in Gründer investiert, die an globalen Aufgaben arbeiten, Projekten, die definitiv den Shackleton-Schnupper-Test bestehen würden. Meiner Meinung nach – und damit bin ich bestimmt nicht allein – geht es beim Gründen um mehr als Geld, Ehre und Anerkennung. Es geht um die Reise, und auch die brutalen Hürden, denen man auf dem Weg ausgesetzt ist, die an sich schon eine Belohnung darstellen. Als Gründer kommen wir auf der anderen Seite verändert an, manchmal besser, und in den besten Fällen die Gesellschaft auch.

Bryan Johnson ist Unternehmer, Investor und Gründer von OS Fund und Braintree (Paypal/eBay).

Dieser Artikel ist eine veränderte Version eines Artikels, der ursprünglich am 28. Mai 2015 auf Fortune erschien.

Übersetzung: Anja Braun.

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Eine Reaktion
Handels-Verträge

Bei Shackleton gelten die Naturgesetze und das Recht des Stärkeren und die eigene Intelligenz wie z.b. bei MacGuyver was grade bei RTLnitro wie jede Woche mit drei Episoden läuft.

Hier hingegen gilt bald TTIP, ACTA, IPRED2, Trivialpatente bzw. die vergleichbaren Nachfolger.
Siehe z.B. Wikipedia bzgl veoh.

Wieso also sollte man was nutzbringendes machen wenn manche Cashburner und manche Holdingketten möglichst wenige echten Kunden wollen sondern man nur ein Steuerspar-Projekt ist. Am Strand wollen 99% der Leute herumliegen und nicht Highspeed-Rennen betreiben.

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