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Arbeitszeit: Jüngere Mitarbeiter und Frauen wünschen sich klare Regelungen

Beschäftigte sind nicht gegen die Vollerfassung ihrer Arbeitszeit. (Grafik: Shutterstock)

Einer aktuellen Befragung zufolge sind die meisten Arbeitnehmer in Deutschland zufrieden mit ihrem gegenwärtigen Arbeitszeitmodell. Eine Vollerfassung wünschen sich indes ausgerechnet Gruppen, von denen man das nicht erwartet hätte.

Im Zeitraum von Ende Mai bis Ende Juni 2019 hat die Unternehmensberatung Groß & Cie. gemeinsam mit dem Center for Leadership and Behavior in Organizations (CLBO) an der Universität Frankfurt eine Online-Befragung durchgeführt, an der insgesamt 864 Personen teilgenommen haben. Ziel der Untersuchung war die Feststellung, welche Arbeitszeitmodelle für die Befragten gelten und ob und inwieweit sie damit zufrieden sind. Die Ergebnisse der Auswertung liegen der Redaktion Personalwirtschaft exklusiv vor.

Beschäftigte überwiegend mit Arbeitszeitmodellen zufrieden

Wir fassen das Resultat kurz zusammen. Danach hat sich herausgestellt, dass eine Mehrheit von 51 Prozent der Teilnehmer mit ihren derzeitigen Arbeitszeitmodellen sehr zufrieden ist. Starke Veränderungen hält nur eine Minderheit für erforderlich. Dabei wünschen sich gerade jüngere Mitarbeiter und Frauen eher eine Vollerfassung der geleisteten Arbeitszeit und stehen Modellen der Vertrauensarbeitszeit skeptisch gegenüber.

Das überraschte die Studienverfasser insofern, als es gerade diese Bevölkerungsgruppen sind, von denen zu erwarten gewesen wäre, dass sie flexible Arbeitszeitmodelle eher starren Nachweispflichten vorziehen würden. Diese Diskrepanz in der Erwartung kann darauf hindeuten, dass es im alltäglichen Umgang mit der sogenannten Vertrauensarbeitszeit, bei der auf eine konkrete Erfassung weitgehend verzichtet wird, durchaus zu Ausbeutungssituationen kommen kann.

Nach Angaben der Marktforscher fanden sich Beschäftigte von Gewerkschaften, Behörden, kleinen und mittelständischen Unternehmen, sowie Mitarbeiter von Dax-Konzernen unter den Teilnehmern. Von den Befragten waren 62 Prozent männlich, 46 Prozent trugen Führungsverantwortung. 5,3 Prozent der Teilnehmer waren selbstständig. Das Durchschnittsalter der Befragten entsprach dem der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Personen in Deutschland. Leicht unterrepräsentiert waren Mitarbeiter unter 30 Jahren. Die Befragung kann nicht als repräsentativ gewertet werden und ist damit hinsichtlich ihrer Aussagekraft geschwächt. Sie taugt damit nur für den Einsatz als vages Stimmungsbarometer.

Hintergrund: EuGH verpflichtet Arbeitgeber zur vollständigen Arbeitszeiterfassung

Hintergrund der Befragung ist das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 14. Mai 2019. Die Richter entschieden, dass Arbeitnehmer einen Anspruch auf eine umfassende Arbeitszeiterfassung haben, um so ihre Rechte besser schützen zu können. Immerhin sei der Nachweis geleisteter Arbeit letztlich Voraussetzung für die Durchsetzung sich daraus ergebender Rechte, wie etwa die Inanspruchnahme von Überstundenausgleich oder Vergütung der Mehrarbeit, so die Richter in ihrer Urteilsbegründung.

Deutsche Juristen weisen darauf hin, dass das derzeitige deutsche Recht in Paragraf 16 Abs. 2 S. 1 ArbZG bereits jeden Arbeitgeber verpflichtet, die über die werktägliche Arbeitszeit hinausgehende Arbeitszeit der Arbeitnehmer (also Überstunden und Mehrarbeit sowie Sonn- und Feiertagsarbeit) zu erfassen. Lediglich eine Vollerfassung aller geleisteten Zeiten ist mit der Ausnahme einiger näher definierter Wirtschaftszweige nicht vorgeschrieben.

Die nationalen Regierungen sind nach dem Urteil des EuGH nun gehalten, entsprechende Regelungen in ihre Arbeitszeitgesetzgebung zu integrieren. Dabei können die Nationalstaaten die Gesetze flexibel auf ihre Situation zuschneidern, solange der Grundsatz der Vollerfassung nicht tangiert wird.

t3n meint: Die Befragung setzt Arbeitszeiterfassung gegen Vertrauensarbeitszeit. Das ist eine verkürzte Betrachtung, denn hier wird ein Unterschied zwischen „unflexibel” und „flexibel” konstruiert, der in der Praxis so nicht existiert. Natürlich kann auch ein Vollerfassungssystem flexibel für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gestaltet werden.

Dieter Petereit

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2 Kommentare
sunny
sunny

hahaha,

ernsthaft? die jungen menschen wollen mehr kontrolliert werden? sorry … aber so können wirklich nur die deutschen abstimmen. freiheiten wirklich gegen kontrolle eintauschen :D

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Titus von Unhold
Titus von Unhold

Arbeitszeiterfassung hat nur in den Propagandamärchen der Ausbeuter etwas mit Kontrolle zu tun.

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