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Software & Infrastruktur

Big Data: „Ohne Kontext sind Zahlen nutzlos“ [iico2013]

Foto: iStockphoto

Johannes Kleske von Third Wave ist Stratege, Berater und Vordenker im Bereich Online-Business und digitale Kommunikation. Am 13. Mai hält er beim iico in Berlin einen Vortrag zum Thema „Big Data 2013 – die Praxis abseits des Technologie-Hypes“. Wir haben vorab mit ihm gesprochen – über Unternehmenskultur, die Beziehung zwischen Unternehmen und Kunden und neue Ansätze durch Big Data.

„Die Potenziale von Big Data sind gewaltig“

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t3n.de: Was stört Dich am Hype um Big Data?

Johannes Kleske: Nicht das Thema an sich, aber der unreflektierte Umgang damit. Wir schreien „Hurra, eine neue Technologie!“ – und die Potenziale von Big Data sind in der Tat gewaltig. Aber wie wir sie konkret ausschöpfen sollen, wissen wir nicht. Und darum muss es jetzt langsam mal gehen.

t3n.de: In Deinem Vortrag beim iico soll es um den sinnvollen Einsatz von Big Data gehen, nicht nur in Bezug auf Kunden und Stakeholder, sondern auch, um die eigene Arbeit effizienter zu gestalten. Wie zum Beispiel?

Big-Data-Spezialist und Vordenker im Bereich Online-Business: Johannes Kleske.
Big-Data-Spezialist und Vordenker im Bereich Online-Business: Johannes Kleske. (Foto: Third Wave GmbH)

Johannes Kleske: Das reicht von der individuellen Ebene bis hin zur Unternehmensführung. Im privaten Bereich haben wir schon angefangen: Wie weit laufe ich am Tag? Wie hoch ist mein Blutdruck? Wie kann ich meine Leistung durch digitale Technologien optimieren? Diesen Quantified-Self-Ansatz kann man auf den Arbeitsprozess übertragen und so die eigene Produktivität steigern. Sensoren und Apps zur Selbstvermessung werden immer leistungsfähiger und günstiger, so dass dieses Verhalten noch zunehmend wird.

Unternehmen können ganze Prozessketten durch Big Data effizienter gestalten. Welche Faktoren hemmen die Produktivität einer Abteilung? Welche Verhaltensweisen sind typisch für erfolgreiche Teams und sollten seitens der Chefetage gefördert werden? Die Bank of America hat vor einigen Jahren ihre Produktivität um mehr als zehn Prozent gesteigert, indem sie für einige Zeit die Laufwege und Gespräche ihrer Mitarbeiter getrackt hat. Ergebnis: Am besten performten kleine Teams, die häufig persönlich interagierten. Die Firma schuf Anreize, um diese Faktoren zu begünstigen – und das mit Erfolg.

Die Digitalisierung hat unendlich viele Möglichkeiten geschaffen. Überstunden, Projektabschlüsse, Kundenfeedback ... Woran möchte ich zum Beispiel ein Belohnungssystem festmachen? Big Data heißt, dass theoretisch für jeden Mitarbeiter eigene KPIs definiert und gemessen werden können.

t3n.de: Ist es nicht problematisch, die Performance von Mitarbeitern anhand von Zahlen zu beurteilen?

Johannes Kleske: Absolut. Menschen sind schließlich keine Maschinen, auch wenn manchem Arbeitgeber das wahrscheinlich lieber wäre. Je nach Tagesform brauchen wir mal längere, mal kürzere Pausen und sind nicht immer gleich produktiv. Gerade in kreativen Berufen lässt sich der Arbeitsprozess nur selten linear tracken. Wer diesen „menschlichen Faktor“ aus der Gleichung nimmt, begibt sich auf ethisch höchst fragwürdiges Gebiet. So wie die Supermarktkette TESCO, die nach diesem Bericht ihre Lagerarbeiter in Dublin über Sensoren beobachtet und bewertet: Wer zu langsam scannt oder zu oft zum Wasserspender läuft, wird mit einer schlechten Note abgestraft. In meinen Augen eine Grenzüberschreitung. Die Technologie ist kein Helfer mehr, um menschliche Prozesse zu verbessern, sondern Menschen werden technologischen Prozessen unterworfen.

Big Data in Unternehmen: „Wir dürfen nicht zu Zahlenjüngern werden!“

t3n.de: Wie können wir solche Szenarien vermeiden?

Johannes Kleske: Indem wir nicht zu Zahlenjüngern werden! Denn Messwerte sind nur einer von vielen Faktoren, wenn es darum geht, Arbeit zu verbessern. Nehmen wir Marissa Mayer, die die Homeoffice-Regelung für Yahoo-Mitarbeiter gekippt hat. Ausschlaggebend für sie waren dabei die zu seltenen Logins in das Firmennetzwerk – zumindest laut All Things D & Co. Ich hoffe, dass Mayer diese Zahl hinterfragt hat, bevor sie sie als Maßstab für die Telearbeitskultur bei Yahoo herangezogen hat: War der VPN-Client nicht nutzerfreundlich? Konnten die Mitarbeiter auch ohne Login ihre Arbeit erledigen? Ist das überhaupt der passende Messwert für diese Fragestellung oder wird er nur verwendet, weil er verfügbar ist? Ohne Kontext sind Zahlen nutzlos. Und wir stehen in der Verantwortung, diesen Kontext für unsere eigene Arbeitsumgebung zu definieren.

t3n.de: Gibt es Hilfestellungen oder Tools, die uns diese Aufgabe abnehmen können?

Johannes Kleske: So einfach ist es leider nicht. Das ist der Nachteil der zunehmenden datengetriebenen Individualisierung: Es gibt keine allgemeingültigen Standards mehr. Für den einen bleibt weiterhin die Stempeluhr die beste Methode zur Messung der Effektivität. Für den anderen bemisst sich Erfolg nach der Zahl der Projektabschlüsse und für den Dritten zählt das positive Feedback der Mitarbeiter. Die Indikatoren oder Kennzahlen, anhand derer wir Produktivität und Erfolg messen wollen, müssen wir uns selbst schaffen.

t3n.de: Der erste Auftrag lautet also, die eigene Strategie für den Einsatz von Big Data am Arbeitsplatz zu formulieren. Wie sollte man dabei am besten vorgehen?

Johannes Kleske: Wichtig ist in jedem Fall, die Grundlagen des Mess- und Auswertungsvorgangs gemeinsam auszuhandeln. Zwischen Geschäftsführung und Mitarbeitern, als Freelancer gemeinsam mit dem Auftraggeber.

Folgende Fragen helfen dabei:

  1. Was möchte ich verbessern, das heißt, auf welchen Prozess soll sich meine Maßnahme richten?
  2. Welche Indikatoren liefern mir Aufschlüsse über diesen Prozess beziehungsweise welche Daten muss ich erheben und auswerten?
  3. Wie vermeide ich eine einseitige Betrachtung beziehungsweise welche ergänzenden Daten brauche ich, damit ich verwertbare Rückschlüsse ziehen kann?
  4. Durch welche Maßnahmen stelle ich gerade bei der Einführung sicher, dass keiner der Beteiligten sich unwohl fühlt (etwa durch anonymisierte Erhebung, Aufklärungsgespräche oder ähnliches)?
  5. Welche Grenzen setze ich mir bei meinem Einsatz von Big Data (etwa grundsätzlich keine Auswertung zu Lasten Einzelner)?

Alle Informationen zum Programm des iico2013, zur Anreise und zu den Speakern findet ihr unter iico.de.

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