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Mit Bitcoin gegen Putin: Russlands Oppositions-Star Nawalny setzt auf Krypto

Star der russischen Opposition: Alexei Nawalny. Seine Unterschriftenkampagne wird mit Bitcoin unterstützt. (Foto: dpa)

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Social Media hat zum arabischen Frühling beigetragen – sind Krypto-Währungen die nächste Technologie mit revolutionärem Potenzial? Ein junger Herausforderer setzt auf Bitcoin – und macht Putin nervös.

Alexei Nawalny ist die derzeit wichtigste Identifikationsfigur der Opposition in Russland. Der charismatische 41-jährige Anwalt und Blogger hat zu den jüngsten Demonstrationen gegen Russlands autokratisch herrschenden Präsidenten Wladimir Putin aufgerufen und musste dafür für 30 Tage in Gefängnis.

Was weniger bekannt ist: Ein Teil der erfolgreichen Oppositionsarbeit in Russland ermöglichen Bitcoin-Spenden. Die digitale Kryptowährung ist ein Weg für Nawalny, die Sabotageversuche der Behörden zu umgehen, die beispielsweise regelmäßig dazu führen, dass Konten des Oppositionspolitikers gesperrt werden.

„Unsere Kampagne ist per Crowdfunding finanziert“, sagt Leonid Volkov, ein Mitarbeiter von Alexei Nawalny in Moskau im Gespräch mit t3n.de. Bisher hat die Oppositionskampagne so rund 90 Millionen Rubel eingesammelt – etwa 1,3 Millionen Euro. „Etwa 15 Prozent dieser Summe kam via Bitcoin“, sagt Volkov – bis jetzt rund 138 Bitcoin, über 300.000 Euro nach aktuellem Wechselkurs.

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Unter Oppositionellen in Russland ist Nawalny spätestens seit 2013 ein Star – auch wenn es teilweise Kritik an den nationalistischen Tönen des Politikers gibt. Damals gelang dem offenen Putin-Gegner bei der Bürgermeisterwahl in Moskau mit 27 Prozent der Stimmen mehr als nur ein Achtungserfolg gegen den Kandidaten von Putins Gnaden. Nawalny erhielt damit trotz von unabhängigen Wahlbeobachtern beklagten Unregelmäßigkeiten doppelt so viele Stimmen, wie ihm Umfragen vorhergesagt hatten.

Nawalny-Anhänger protestieren am 26. März in St. Petersburg gegen Wladimir Putin. (Foto: dpa)

Zuletzt hatte Nawalny im Juni in mehr als 200 Städten zu Demonstrationen aufgerufen. Laut dem Bürgerrechtsportal OVD-Info sind dabei russlandweit mehr als 250 Menschen festgenommen worden. Die Demonstrationen gehörten zu den größten seit Jahren, in Moskau und St. Petersburg waren Tausende vor allem junge Demonstranten auf den Straßen – trotz aller Behinderungsversuche der Behörden.

Für viele Putin-Gegner ist der Anwalt daher die derzeit realistischste Hoffnung auf ein Russland nach Putin – und bei den Präsidentschaftswahlen 2018 will er auf dem Wahlzettel stehen.

Bitcoin gegen Konto-Sperrungen

Das Internet hat im arabischen Frühling ab 2010 sein revolutionäres Potenzial gezeigt, als Massenproteste gegen zahlreiche autoritäre Herrscher des nahen und mittleren Ostens über Facebook und andere soziale Kanäle organisiert wurden. Kryptowährungen könnten sich als die nächste Technologie mit revolutionärem Potenzial erweisen – folgt auf den arabischen Social-Media-Frühling der russische Krypto-Sommer?

Dass so große Summen via Bitcoin gespendet werden, hat die russischen Oppositionspolitiker selbst überrascht, sagt Nawalny-Helfer Leonid Volkov. Ursprünglich ging es den Kampagnen-Helfern in erster Linie darum, eine verlässliche finanzielle Basis zu schaffen, die gegen staatliche Zugriffe geschützt ist. „Unser Sberbank-Konto wurde zweimal gesperrt – unser Paypal-Konto wurde gesperrt“, sagt Volkov. Sberbank ist Russlands größte Bank und überwiegend in staatlichem Besitz.

„Wir wollten zumindest eine stabile Einnahmequelle haben“, erläutert Nawalny die Entscheidung, auch auf Bitcoin zu setzen. „Das hat sich als gute Idee erwiesen. Nur bei Bitcoin hatten wir bisher ununterbrochen Zugriff auf das Geld.“ Die gespendeten Bitcoin würden sofort in Rubel umgetauscht. „Wir sind keine Finanz-Spekulanten“, sagt Volkov. Dadurch hat die Kampagne de facto Geld verloren: Für die bislang rund 138 gespendeten Bitcoin habe die Kampagne etwa 12 Millionen Rubel erhalten – heute wäre diese Summe mehr als 22 Millionen Rubel wert.

Insgesamt haben rund 70.000 Menschen für die Crowdfunding-Kampagne gespendet, sagt der Wahlkampfmanager. Die Durchschnittsspende liege dabei bei umgerechnet rund 20 Euro. Nur 1.500 dieser Spenden kamen via Bitcoin, „weniger als zwei Prozent aller Spender“, sagt Volkov – dennoch machten diese rund 15 Prozent des Gesamtvolumens aus. Erklären lässt sich das durch die durchschnittlich deutlich höhere Summe der Bitcoin-Spender: „Die Durchschnittsspende via Bitcoin liegt bei über 10.000 Rubel, rund 150 Euro.“

Derzeit gebe es keine Pläne, andere Kryptowährungen wie Ether zu unterstützen, auch wenn es vereinzelt Anfragen dazu gebe. „Bitcoin ist wichtig für uns – aber es sind am Ende nur 15 Prozent der Summe. Der Anteil von Ether wäre dementsprechend noch geringer und da lohnt sich das Management nicht“, sagt Volkov.

Ab Dezember 2017 ist mit den Bitcoin-Spenden Schluss – zwangsweise

Einen großen Haken hat die Finanzierung via Bitcoin in Russland allerdings: Für den eigentlichen Wahlkampf darf das Team um Alexei Nawalny das Geld nicht anrühren. Sobald im Dezember 2017 die Phase des Präsidentschaftswahlkampfs offiziell beginnt, darf das Team keine weiteren Bitcoin-Spenden empfangen, da Wahlkampfkampagnen in Russland nicht aus dem Ausland finanziert werden dürfen. „Wir werden für jeden einzelnen Rubel beweisen müssen, dass er nicht aus dem Ausland stammt“, sagt der Oppositionelle Volkov – für Spenden via Bitcoin unmöglich.

In St. Petersburg versammelten sich am 26. März rund 3.000 Nawalny-Anhänger gegen Putin. (Foto: dpa)

Doch bevor es mit dem Wahlkampf überhaupt losgeht, muss Nawalny noch eine große Hürde nehmen: 300.000 Unterschriften in Russland muss der Oppositionspolitiker sammeln, um es überhaupt auf den Wahlzettel bei der kommenden Präsidentschaftswahl zu schaffen. Für den Anwalt, der bei einer von Unregelmäßigkeiten überschatteten Moskauer Bürgermeisterwahl rund 700.000 Stimmen bekam, wäre das ein Leichtes – gäbe es nicht eine weitere Bedingung: Die Unterschriften müssen aus verschiedensten Regionen in Russland kommen. Und da helfen die Spenden via Bitcoin beispielsweise, die Hotels für Mitarbeiter zu bezahlen, die in den Regionen Unterschriften sammeln. Insgesamt 60 Mitarbeiter des Teams Nawalny sammelten derzeit die erforderlichen Unterschriften in ganz Russland, berichtet Wahlkampf-Manager Volkov.

Aber selbst wenn es Nawalny auf den Wahlzettel schafft, wird er es im autoritär regierten Russland schwer haben: Sehr viele Russen informieren sich immer noch überwiegend über das Fernsehen über Politik – und das ist fest in der Hand Putin-treuer Unternehmen oder gleich im Staatsbesitz. Nawalny setzt daher auf das Internet – beispielsweise einen Youtube-Kanal – und die Straße. Derzeit rund 125.000 registrierte Freiwillige wollen helfen.

Putins erklärtes Ziel lautet, bei der Wahl im März 2018 mehr als 70 Prozent der Stimmen zu erhalten. Sollte ihm das nicht gelingen, wäre schon das ein Erfolg für Nawalny und seine zahlreichen jungen Unterstützer – und eine Hoffnung auf ein demokratischeres Russland.

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8 Kommentare
Joker
Joker

Und weiter geht das Russland Bashing …

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Hans C.
Hans C.

Weil t3n auch regelmäßig Anti-Russland-Pamphlete raushaut, oder?

Kaum wird in einem durchaus informativen Artikel Putin auch nur ansatzweise kritisiert, wird sich mal wieder lautstark in der Opferrolle gesuhlt.

Zum Thema: Es ist interessant zu sehen wie dezentrale, technische Umsetzungen wie Bitcoin dabei helfen können, in einer politischen Landschaft für Veränderungen sorgen können!

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Nikolai
Nikolai

Hey Maxi, darf ich auf ein paar Momente hinweisen, wo Du möglicherweise Unrecht hast?

> Nawalny ist in Russland nahezu unbedeutend und kein Oppositions-Star.

Nawalny hatte 2013 bei den Wahlen der Bürgermeisters von Moskau 27% erreicht und war somit auf dem zweiten Platz. Selbst wenn man annimmt, dass die Wahlen fair, ehrlich und nicht gefaket waren, ist das ein beachtliches Ergebnis. Da Moskau mit knapp 12 Mio. Einwohnern etwas weniger als 10% der gesamten Bevölkerung hat, kann man das Ergebnis durchaus extrapolieren.

> wo er öffentlich zum Erschießen von Volksgruppen aufruft

Welche Volksgruppen meint er hier genau? Abgesehen davon bitte das nächste mal auf aktuellere Videos zurückgreifen.

> Im Auftrag des Westens Unruhe stiften.

Klasse Argument, jetzt bin ich doch überzeugt :)

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maxi
maxi

> kann man das Ergebnis durchaus extrapolieren

sicherlich nicht. Geringe Wahlbeteiligung, Bürgermeisterwahl und problematische Kampagnen. Die damalige Situation wurde auf den Nachdenkseiten beschrieben.

http://www.nachdenkseiten.de/?p=18575

Und die Gesamtsituation 2013 kannst Du bei der Bundeszentrale für politische Bildung nachvollziehen. Auch dort kommt Nawalny vor. In dieser Zeit war sein Motto „Russland den Russen“ (siehe tagesschau.de 12.7.17).

http://www.bpb.de/internationales/europa/russland/173433/analyse-migration-und-nationale-frage?p=all

Würde t3n auch Björn Höcke als „Star der deutschen Opposition“ betiteln, wenn er Bitcoin nutzen würde? Wobei Höcke bisher nicht wegen fremdenfeindlicher Äußerungen aus einer Partei ausgeschlossen wurde. Nawalny hingegen schon.

Solche Artikel sind meiner Ansicht nach politisch motiviert um Russland zu schaden und kein guter Journalismus. Aber zumindest wurde mein Kommentar doch freigeschaltet. Dafür Daumen hoch t3n. Terrorist nehme ich zurück. Rassist bleibt bestehen.

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Thomas Hesmert
Thomas Hesmert

An einem Disput über politische Ansichten und Erfolgschancen von Alexei Nawalny will ich mich hier und jetzt nicht beteiligen und stelle stattdessen eine weit naheliegendere Frage in den Raum:

Was motiviert Stephan Dörner und etliche andere Vertreter seiner Zunft eigentlich dazu, unverhohlen und impertinent Wahlwerbung für Alexei Nawalny zu betreiben?

Ich weiß zwar nicht genau, wie viele unter der Leserschaft von Dörner & Co. die Staatsbürgerschaft der Russischen Föderation haben und deshalb bei den Wahlen im kommenden Jahr über den künftigen Präsidenten mitentscheiden dürfen, aber ich vermute jetzt mal, dass deren Zahl gegen Null tendiert. Welchen noch so minimalen Einfluss sollten derartige Artikel also auf den Ausgang der russischen Präsidentschaftswahl haben? Mit solchen politisch absolut sinnlosen Propagandawerken verbrennt die deutschen Journalistenzunft langsam aber sicher auch noch die allerletzten verbliebenen Reste von Glaubwürdigkeit. Putin dürfte das kaum stören!

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Stephan Dörner

In der Tat dürfte ein deutschsprachiger Artikel keinerlei Einfluss auf die Wahlen in Russland haben. Uns ging es darum, die Möglichkeiten der politischen Kampagnenfinanzierung in autoritär regierten Ländern wie Russland mittels Kryptowährungen darzustellen.

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Thomas Hesmert
Thomas Hesmert

Ich glaube, dass es Ihnen nur darum ging, „die Möglichkeiten der politischen Kampagnenfinanzierung in autoritär regierten Ländern wie Russland mittels Kryptowährungen darzustellen.“

Und genau das ist das Problem bei diesem und vielen vergleichbaren Artikeln deutscher Journalisten. Es wird einfach von der Prämisse ausgegangen, Russland sei ein von Wladimir Putin autoritär regierter Staat und Alexei Navalny folglich so etwas wie ein Freiheitskämpfer, den man zumindest von Deutschland aus propagandistisch unterstützen müsse.

Leider ist dieses im Unterbewusstsein deutscher Journalisten tief verwurzelte mediale Narrativ von Russland absolut falsch. Die einzige russische Quelle Ihres Artikels war beispielsweise der russische Dissident und Navalny-Unterstützer Leonid Volkov. Haben Sie neben den so genannten „Putin-Kritikern“ überhaupt irgendwelche Kontakte zu der russischen Bevölkerung? Sehr wahrscheinlich nicht, denn selbst Ihre Berufskollegen, die als Russlandkorrespondenten großer deutscher Medien in Moskau wohnen, meiden strikt den Kontakt zu „normalen“ Russen. Stattdessen bewegen sie sich in einer streng abgeschirmten Blase von russischen Dissidenten, die sich selber in ihrer Hybris als einzige russische Opposition definieren.

Mal eine Frage:
Können Sie sich spontan an einen Artikel in einer relevanten deutschen Zeitung erinnern, in der die größte russische Oppositionsgruppe, also die in der Staatsduma vertretene Kommunistische Partei jemals erwähnt wurde? Ich jedenfalls nicht. Stattdessen werden von deutschen Journalisten penetrant Alexei Navalny und seine jugendlichen (teilweise sogar klar minderjährigen) Randalierer zur wichtigsten russischen Opposition hochgejubelt. Dabei ist die Bewegung von Alexei Navalny für die russische Bevölkerung ungefähr so represäntativ wie die Demonstranten von PEGIDA, die in Dresden und anderen ostdeutschen Städten laut riefen: „Wir sind das Volk!“

Jetzt mal ganz ehrlich, lieber Herr Dörner. Als ehemaliger Journalist der Welt dürfte Ihre politische Weltanschauung wohl noch wertkonservativer sein als meine. Hätten sie jemals über die PEGIDA-Bewegung des vorbestraften Lutz Bachmann einen so positiven Artikel geschrieben wie hier über die Bewegung des gleichfalls vorbestraften Alexei Navalny? Ganz sicher nicht!

Ich möchte Ihnen und allen anderen deutschen Journalisten zur Wiederherstellung der beruflichen Reputation dringend empfehlen, sich über die politische und gesellschaftliche Realität in Russland zu informieren. Es reicht einfach nicht aus, als einzige Informationsquelle russische Dissidenten zu nutzen. Wie es auch nicht ausreicht, völlig kritiklos die für ihre frei erfundenen Lügengeschichten über Tschetschenien berüchtigte Novaja Gazeta zu zitieren.

Julia Nikolaeva
Julia Nikolaeva

Ich glaube nicht, dass Putin sehr nervös ist. Er ist selber ein großer Blockchain-Fan, wobei er allerdings Ethereum bevorzugt.

Was die Auszeichnung von Navalny als „Oppositionsstar“ betrifft: Ich kenne keine einzige Person, die diesen Menschen mag. Ich habe nichts gegen ein wenig mehr Demokratie in Russland. Aber Navalny würde hier bestimmt nicht das Rennen machen.

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